Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Mit dem Wal ins Land der Ahnen

Der Dokumentarfilm »The Whale and the Raven« bedient kein wissenschaftliches, sondern ein gefühliges Bedürfnis

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 4 Min.

»Wie groß ist der soziale Horizont eines Menschen -?«, fragte Tucholsky mal. »Er ist doch wohl viel kleiner, als man glaubt. Die große Menge der Urteile beruht auf Überlieferung«, und eine davon geht so, dass Leute, die auf Walgesänge stehen, so aussehen und unterwegs sind wie Janie Wray und Hermann Meuter, die an Kanadas Westküste seit 15 Jahren das (Sozial-)Verhalten von Orcas und Buckelwalen untersuchen.

»The Whale and the Raven« ist kein Film über diese Wale, man sieht sie auch nur so, wie sie das Walforscherduo sieht: als Fontäne (»Blas«) oder Flosse, allenfalls als Silhouette aus der Drohnenperspektive. Das ist einerseits Respekt vor der Kreatur, die auch als Forschungsobjekt nicht zum Objekt werden soll, andererseits Indiz dafür, dass es dem Film, auch wenn er das nicht weiß, um Wale bloß als Symboltiere geht. Denn, um einen alten Ökospruch zu variieren, die Wale brauchen uns nicht, aber wir brauchen die Wale, weil es sonst »einsam auf dem Planeten« (Wray) wäre, und es könnte gut sein, dass sich in keinem anderen Tier die Sehnsucht nach dem ewigen Naturfrieden so verdichtet wie in diesen (tatsächlich) sanften Riesen. »Dass sie uns im Sozialverhalten etwas voraus haben«, davon ist der deutsche Forscher Meuter, ein sanfter Riese auch er, überzeugt: »There is no aggression whatsoever.« Einen »tiefen Einblick in ein einzigartiges Biotop« (Mindjazz Pictures) erhalten wir also nicht, denn die Unterwasserkamera liefert nur meditative Schnittbilder, dafür den in ein Soziotop in jottweedee, wo zutiefst beseelte Menschen im Wal ihre Lebensaufgabe gefunden haben.

Die Wale haben es freilich nötig: Ihr kanadisches Fjordrevier soll durch eine Erdgastankerroute zerschnitten werden, und mit Meuter können wir hören, wie das unter Wasser klingt, wenn die Frachter, die bereits fahren, durch die Stille pflügen. Dieser Kampf, den Meuter und Wray gemeinsam mit den kanadischen Ureinwohnern, den lokalen »First Nations« führen, ist bekanntlich einer von vielen, und auch um diesen Kampf geht es letztlich nicht; er ist schon verloren oder wird verloren gehen, natürlich, und wenn man keine Antwort hat, lautet eine alte Empfehlung der Flowerpornoes, hilft der Stolz auf die offenen Fragen: »Was, wenn Selbstwahrnehmung, Mitgefühl und Denken nicht ausschließlich menschliche Fähigkeiten wären?« Abgesehen von der füglichen Gegenfrage, seit wann Selbstwahrnehmung, Mitgefühl und Denken menschliche Fähigkeiten sind, ist es wiederum bezeichnend, dass die Frage zwar die basale von Meuter und Wray ist, aber nicht die des Films, sonst stünde sie am Anfang und nicht vorm Abspann; wie »The Whale and the Raven« - »Raven« ist der Name, den die Ureinwohner Meuter gegeben haben - die Antwort sowieso voraussetzt.

Der Film bedient mithin kein wissenschaftliches, sondern ein gefühliges Bedürfnis, eins, dem der fulminant anthropozentrischer Gedanke, dass Tieren nur um ihrer menschlichen Züge willen Respekt zu erweisen sei, so wenig auffällt wie der Widerspruch, dass um Rücksicht und Fairness grundsätzlich mit Apple-Gerät gerungen wird. Dass die Leute mit Macht und Geld, die über die Zukunft der Region entscheiden, »no spiritual connection« zum Land hätten, beklagt ein junger Mann, der, wie’s die Ahnen taten, Seegras zum Trocknen auslegt, und da findet dann eins zum andern: der Wal, das Land der Väter samt Omas Naturrezept und die Spiritualität, von der ja gerade Leute mit dem iPhone in der Funktionsjacke so gern hören. Der putzig, vielleicht auch infantil von einem lokalen Künstler ins Trickbild beförderte »Orca Chief«-Mythos, der uns die »verschiedenen Konzepte unserer Welt« verdeutlichen soll, nämlich »die industrielle Nutzbarmachung des Meeres versus dem [sic] Meer als Nahrungsquelle, das es langfristig zu erhalten gilt« (Mindjazz Pictures), appelliert dann auch nicht recht an Neugier und Intellekt, sondern bloß an jenes Wohlmeinende, das sich von Einfalt nicht immer unterscheiden lässt.

Die Wale sollen leben, die Tanker zum Teufel gehen, das sei gern unterschrieben. Dass und wie Ökologie an Kitsch und Gegenaufklärung siedelt, sei aber nicht übersehen, und dass wir dessen eingedenk bleiben, dafür darf man »The Whale and the Raven« loben.

»The Whale and the Raven«, Deutschland/Kanada 2019. Dokumentarfilm. Regie/Buch: Mirjam Leuze. 106 Min.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln