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Ohne Überzeugung

Joachim Löw und die deutschen Fußballer müssen aus der Niederlage gegen Holland lernen

  • Von Frank Hellmann, Belfast
  • Lesedauer: 4 Min.

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Auch Timo Werner (l.), hier gegen Denzel Dumfries, blieb gegen die Niederlande in der Offensive weitgehend wirkungslos, weil er nicht im Angriffszentrum, sondern auf der Außenbahn stürmen musste.
Auch Timo Werner (l.), hier gegen Denzel Dumfries, blieb gegen die Niederlande in der Offensive weitgehend wirkungslos, weil er nicht im Angriffszentrum, sondern auf der Außenbahn stürmen musste.

Eine Luftveränderung in unruhigen Zeiten kann nicht schaden. Während Normalreisende nicht ohne den Zwischenstopp London von Hamburg nach Belfast gelangen, nutzte die deutsche Nationalmannschaft am Sonntag die Vorzüge eines Charterflugs. Auf direktem Wege setzte der Tross des Deutschen Fußball-Bundes vom Tor zur Welt ins Vereinigte Königreich über. Denn viel Zeit ist nicht, die Wunden nach der 2:4-Lehrstunde gegen die Niederlande zu lecken.

Dass es im EM-Qualifikationsspiel beim Tabellenführer Nordirland an diesem Montag nicht nur aufgrund eines angekündigten Regengebiets über den britischen Inseln eher stürmisch zugehen wird, steht für Joachim Löw fest. »Nordirland spielt einen völlig anderen Fußball als die Niederlande«, weiß der Bundestrainer, um im Detail aufzuzählen: »körperlich robust, viele lange Bälle, tief stehende Abwehr«. Seine Mannschaft steht trotz dieser Widerstände in der Bringschuld, denn den direkten Vergleich gegen die Niederlande (3:2, 2:4) hat die DFB-Auswahl ziemlich leichtfertig verspielt. Gruppensieger aus eigener Kraft zu werden, ist seit dem vermaledeiten Freitagabend unmöglich.

Löw berichtete hernach pflichtschuldig von den unmittelbaren Konsequenzen: »Das heißt für uns, in Nordirland zu gewinnen. Drei Punkte, das ist für uns wichtig.« Die Gruppenersten und -zweiten sind für die paneuropäische EM 2020 qualifiziert, bei der Deutschland als einer von zwölf Hausherren mit dem Spielort München fest eingeplant ist. Beim DFB will keiner, dass in der Fröttmaninger Arena Russland gegen Kosovo oder Finnland gegen Polen spielen. Und niemand braucht bei der Nationalelf am 19. November in Frankfurt am Main ein letztes Heimspiel in der Qualifikation gegen Nordirland mit Alles-oder-Nichts-Charakter.

»Taktisch werden wir auf jeden Fall umstellen«, kündigte Löw für die Aufgabe gegen die bislang viermal siegreichen Nordiren an. Die Rückkehr zur Viererkette steht bevor. Für den am Fuß verletzten Linksverteidiger Nico Schulz können sich Marcel Halstenberg oder Jonas Hector auf einen Einsatz vorbereiten. Der für einen Startelfeinsatz vorgesehene Ilkay Gündogan muss wegen eines grippalen Infekts passen. Das könnte eine Chance für Kai Havertz sein, von Beginn an für mehr spielerische Impulse im Mittelfeld sorgen. Insgesamt braucht es mehr Mut, Überzeugung und im Notfall jene Mentalität, die Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff mal in Belfast bewies, als ihm am 20. August 1997 beim 3:1 gegen Nordirland binnen sechs Minuten als Einwechselspieler der bis heute schnellste Hattrick der deutschen Länderspielgeschichte gelang. Der 50-Jährige hat am Wochenende eingeräumt, dass der Weg an die Weltspitze für das Aushängeschild des deutschen Fußballs weiter als gedacht sein könnte. »Die Niederlande sind uns voraus. Aber eine Niederlage gegen sie ist kein Warnzeichen.« Einerseits. Andererseits räumte Bierhoff ein: »Wir zählen bei der EM nicht zu den Favoriten.«

Zumindest dann nicht, wenn der eigentlich zuletzt wieder so tatkräftig wirkende Bundestrainer seine Überzeugungen so verrät wie am Freitagabend im Volksparkstadion. Im Endeffekt ging Löws Taktik vorne und hinten nicht auf. Eine tief postierte Fünferkette, zwei sich die Lunge aus dem Leib laufende Sechser (Joshua Kimmich und Toni Kroos) und einen Dreiersturm aufzubieten, der allein auf Umschaltmomente lauerte: Das kann es nicht sein. Der heiß gelaufene Mittelfeldmotor Kimmich erklärte unverblümt: »Wenn du nie richtig Ballgewinne hast und so nie richtig in Ballbesitz kommst, dann ist es schwierig, mit den vielen Kilometern in den Beinen bis zum Ende präsent zu sein.« Und für den Ballverteiler Kroos war klar: »Es war nicht ganz so gedacht. Ich hätte mir schon gewünscht, dass wir aus der Defensive ein bisschen mehr zupacken.«

Löw musste mit ansehen, wie seine über ein Jahrzehnt auf aktives Tun gepolte Elf sich merkwürdig passiv ergab. Im Angriff ohne Initiative, in der Abwehr ohne Orientierung. Was am Ende eine unheilvolle Konstellation ergibt. Löws Kollege Ronald Koeman wunderte sich, dass seiner eingespielten Elf so bereitwillig der Ball überlassen wurde. Dass die deutsche Strategie in Hamburg so gefährlich war wie einen unerfahrenen Segler auf die Elbe hoch in die aufgewühlte Nordsee zu schicken, kam dem Südbadener erstaunlicherweise nicht in den Sinn. »Wir hatten unsere Schwachstellen, aber nicht aufgrund der taktischen Ausrichtung, sondern wir haben einfach ein paar Fehler zu viel gemacht. Das hatte mit der Grundordnung nichts zu tun«, stellte der 59-Jährige fast schon trotzig fest. So argumentieren Bundesligatrainer, wenn sie in der Bredouille stecken - so sollte nicht der Bundestrainer eine Ausrichtung rechtfertigen, die nicht einmal seine Spieler gutheißen. Damit die internen Debatten nicht den schwierigen Erneuerungsprozess zerreißen, wäre ein schnelles Erfolgserlebnis an diesem Montagabend im Windsor Park hilfreich.

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