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Erinnern im Stollen soll möglich werden

Die KZ-Gedenkstätte Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt begeht den 70. Jahrestag ihrer Eröffnung

  • Von Uwe Kraus, Langenstein-Zwieberge
  • Lesedauer: 5 Min.

»Wir wollen hier die Brücke in die Gegenwart schlagen«, sagt Nicolas Bertrand. Er leitet die Gedenkstätte für die Opfer des Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge unweit von Halberstadt. Allerdings gibt es immer weniger Überlebende, die etwa mit Jugendlichen über das sprechen können, was hier passiert ist. Dass über Jahre Videointerviews mit ehemaligen Häftlingen geführt wurden, hilft zwar bei der Erinnerungsarbeit. Doch Hören und Sehen ersetze keine Gespräche, sagt Hanka Rosenkranz, die dem Förderverein der Gedenkstätte vorsteht.

Die Lehrerin ist tageweise durch das Land vom Unterrichten freigestellt, um als Gedenkstättenpädagogin Projekte zu betreuen. Am 31. August schlossen Jugendliche beispielsweise die Arbeit an einer Hörcollage ab. Im vergangenen Jahr drehten Schüler den Kurzfilm »Malachit«. So lautete der Deckname des Außenlagers des KZ Buchenwald. Ab April 1944 ließ das Hitlerregime ein 13 Kilometer langes Stollensystem in die Thekenberge bei Langenstein treiben. Darin sollten Flugzeugteile für die deutsche Luftwaffe hergestellt werden. Insgesamt 7000 Häftlinge aus 23 Ländern mussten mit primitivsten Mitteln das Gestein aus dem Berg brechen. Es herrschte das Prinzip der »Vernichtung durch Arbeit«.

Fast 2000 der chronisch unterernährten Gefangenen starben hier innerhalb eines Jahres. Am 9. April 1945 trieb die SS 3000 Häftlinge auf einen Todesmarsch, den nur etwa 500 überlebten. Zwei Tage später erreichten US-amerikanische Truppen das Lager und befreiten etwa 1400 dort verbliebene Kranke und Sterbende.

Bis 1947 verschwanden die Lagerbaracken bis auf die Grundmauern. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) sorgte aber dafür, dass die Kreisverwaltungen Blankenburg, Quedlinburg und Wernigerode 1949 vier Massengräber einfassten und bepflanzten. Am 11. September 1949 wurde »unter großer Teilnahme der Bevölkerung« ein schlichtes Mahnmal eingeweiht. An der »Todeskiefer«, an der flüchtige Gefangene erhängt und gefoltert wurden, und am südlichen Massengrab, in dem die Toten, die nach der Befreiung des Lagers ums Leben kamen, bestattet sind, wurden Gedenktafeln platziert.

70 Jahre später erinnert Halberstadt am 11. September mit einer filmischen Zeitreise an eine der ersten nach der Naziherrschaft entstandenen Erinnerungsorte. Nach der Schaffung einer Mahn- und Gedenkstätte, die am 7. September 1968 eingeweiht wurde, wuchsen Zahl und Umfang der Veranstaltungen. Von Vereidigungen über jährliche Gedenkkundgebungen bis zur feierlichen Aufnahme von Kindern in die Pionierorganisation reichte das Spektrum. Das ruft heute bei Historikern ebenso Kritik hervor wie »die bauliche Verformung des Konzentrationslagers durch Hinzufügen von Gedenksteinen und nicht authentischen Stacheldrahtzäunen«, wie es auf einer Konferenz der Gedenkstättenstiftung des Landes Sachsen-Anhalt hieß.

Hanka Rosenkranz weist hingegen darauf hin, dass untersucht werde, was alt und was bei zahllosen Arbeitseinsätzen umgestaltet worden sei. Sie betont: »Die historischen Stätten sind nie komplett durch anderweitige Nutzung verfremdet worden. Nur die Umgestaltung der Stollenanlage außerhalb des heutigen Gedenkstättengeländes durch die NVA hat jede authentische Spur vernichtet.«

Nicolas Bertrand verweist darauf, dass seine recht kleine Einrichtung einen sehr großen Bestand an »Sachzeugen« beherbergt. Es gebe nicht nur zahlreiche Dokumente zur »Erinnerungskultur in der DDR«. »Wir besitzen auch einen unschätzbaren Fundus an Kontakten mit ehemaligen Häftlingen«, betont der Franzose.

Im vergangenen Jahr habe man 7500 Fotos, 6000 Negative und 3000 Dias gezählt. Alle Audio- und Videoaufnahmen seien mittlerweile digitalisiert. Sie helfen bei der gedenkstättenpädagogischen Arbeit. Bertrand stellt in Aussicht, dass die Dauerausstellung mittelfristig umgestaltet und dabei die Videos genutzt werden. Man halte zudem verschiedene Angebote für unterschiedliche Besucher bereit, sagt der Gedenkstättenleiter. Dazu gehörten Bücher ebenso wie die Gedenkstätten-App und das Geocaching auf dem Gelände, bei dem Schüler mit Tablet und GPS-Gerät auf Spurensuche gehen können. Rund 2000 Jugendliche, vornehmlich aus Sachsen-Anhalt, wo solche Exkursionen zu 100 Prozent gefördert werden, konnte Hanka Rosenkranz bereits begrüßen. Es könnten aber mehr aus dem benachbarten Niedersachsen kommen, findet sie.

Ein Problem der Aktiven der Gedenkstätte: Der Zugang zum Stollensystem ist nicht möglich. Von 1978 bis 1994 war die Umgebung weiträumig abgesperrt. Dann wurde 1998 der Zugang möglich. Doch inzwischen laufen Verfahren zur Versteigerung von Flächen, der Nutzungsvertrag für 120 Meter zu besichtigende Strecke wurde gekündigt.

Deshalb prangen dort seit Monaten Protestbanner gegen das Verschachern von Gedenkkultur. Der Petitionsausschuss des Landtags und eine »interministerielle Arbeitsgruppe« befassen sich mit einer im Frühjahr eingereichten Eingabe gegen den Verkauf, die von fast 1900 Menschen unterzeichnet wurde. Für Claudio Burelli, Ettore Borinato und Giancarlo Fratta, Nachfahren italienischer Häftlinge ist klar, dass der Gedenkort erhalten bleiben muss. Einer der letzten Überlebenden der »Hölle von Langenstein«, Georges Petit, nannte bei seinem letzten Besuch in Zwieberge den Stollen »einen Ort unseres Leidens, der wichtig ist.« Claudio Burelli, Sohn seines Mithäftlings Dino Burelli, sagt: »Kein Film, kein Bericht kann einen Besuch im Stollen ersetzen.«

Im Herbst 2018 hatte der Chef der Magdeburger Staatskanzlei, Rainer Robra (CDU), eingestanden, es sei ein Fehler gewesen, die Stollenanlage zu privatisieren. Die LINKE-Landtagsabgeordnete Monika Hohmann hatte zudem betont, die Erhaltung des Zugangs zum Gedenkort reiche nicht aus. Der Förderverein wünscht sich eine Sanierung und Neugestaltung, ein entsprechendes Konzept liegt vor.

Am Mittwoch wird das 70-jährige Jubiläum der Gedenkstätte mit einer Multimediapräsentation in der Hochschule Harz (Hörsaal N110/N113, Domplatz 16) begangen. Studierende der Einrichtung hatten zusammen mit Nicolas Bertrand die Gedenkstätten-App in Französisch, Italienisch und Deutsch entwickelt.

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