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Niedrigzinsen forever

Draghis Nachfolgerin Christine Lagarde wird an der Nullzinspolitik festhalten müssen

  • Von Hermannus Pfeiffer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Gebäude der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main
Gebäude der EZB-Zentrale in Frankfurt am Main

Auf der EZB-Ratssitzung diesen Donnerstag wird sich zeigen, ob Mario Draghi seine Maßnahmen gegen die zu niedrige Inflation, den eingetrübten Wirtschaftsausblick in der Eurozone und die anhaltenden globalen Unsicherheiten noch einmal verschärfen will. Analysten der Banken rechnen mit weiteren, mehr oder weniger großen Schritten seiner Europäischen Zentralbank (EZB). Als wahrscheinlich gilt eine Senkung des Einlagenzinses von minus 0,4 Prozent, den Banken für Einlagen bei der Notenbank zahlen. Damit will Draghi die Kreditvergabe ankurbeln.

Derweil hat eine Diskussion darüber eingesetzt, ob die Gründe für die allgemein niedrigen Zinsen nicht weit tiefer liegen als in Draghis Geldpolitik. Seit März 2016 hält die EZB an ihrer extremen Nullzinspolitik fest. Andere Zentralbanken hatten bereits vorher negative Leitzinsen eingeführt, um die Inflation anzukurbeln. Nahezu alle Zentralbanken der Welt streben als ihr wichtigstes Ziel eine Preissteigerungsrate von jährlich zwei Prozent an. Doch die Preise wollen partout nicht in die gewünschte Höhe gehen.

Das dürfte zuallererst mit Realwirtschaft und Statistik zu tun haben. Zwar sind Mieten und Immobilienpreise in der Eurozone rasant gestiegen, aber wichtige Bestimmungsfaktoren der Inflationsrate wie Erdöl, Agrarprodukte oder elektronische Geräte sind - relativ betrachtet - preiswerter geworden. Dies ist auch eine Folge von Produktivitätsfortschritten und des Welthandels: Durch neue Akteure wie China und den globalen Wettbewerb stieg das Angebot und die Preise sanken. Dies scheint nach einer Studie des Internationalen Währungsfonds IWF vor allem für Maschinen und Ausrüstungsgüter zu gelten. Preissenkend wirkt zudem, dass Investitionen in die moderne digitale Welt weniger kapitalintensiv sind als früher in den »alten« Industrien.

Auf einen weiteren Aspekt weisen vor allem deutsche Ökonomen häufig hin: Staat und Unternehmen sparen. Dabei würden in einer idealen Volkswirtschaft jedoch die Bürger sparen, Staat und vor allem Unternehmen das von den Bürgern Ersparte vermittelt über Banken dann leihen und für Investitionen nutzen. Dies würde dazu führen, so die Theorie, dass es ein Gleichgewicht zwischen angebotenem Kapital (dem Ersparten) und durch Staat und Unternehmen nachgefragtem Kapital gibt und die Zinsen auf einem höheren Niveau als dem jetzigen wären.

Dass Konzerne sparen, ist indes bei Weitem kein rein deutsches Phänomen. So sitzen beispielsweise amerikanische Konzerne wie Google oder Amazon auf zweistelligen Milliardensparkonten. Dies hat mit Marktmacht zu tun. In vielen wichtigen Branchen wie Internet, Logistik oder Automobil hat die »Zentralisation« (Marx) auf wenige Anbieter zugenommen. Marktmacht führt zu höheren Gewinnmargen, die dann oft nicht mehr vollends investiert werden. Eine Folge ist, dass viel Geld auf den Finanzmärkten zirkuliert - was die Zinssätze drückt. Gleichzeitig bleibt die Kreditnachfrage bei Banken infolge der hohen Gewinne der Industrie vergleichsweise schwach. Was Niedrigzinsen zusätzlich befördert.

Die Finanzmärkte tragen ebenfalls ihren Teil bei. Die Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) belegen seit Längerem einen Trend zu sicheren Geldanlagen. So erwerben Anleger in Schwellenländern zunehmend Anleihen mit hoher Bonität in Indus-trieländern wie der Schweiz oder den USA. Vermeintlich sichere Geldanlagen haben aber nun einmal einen niedrigen Zinssatz gegen Null.

Nicht allein in Deutschland, sondern beispielsweise auch in China oder Indien führt der demografische Wandel zu der an sich erfreulichen Entwicklung, dass die Zahl der älteren Menschen steigt. Dies führt jedoch zu einem weiteren Problem bezüglich der Niedrigzinsen. So besagt die klassische Wirtschaftstheorie, dass Menschen dem Konsum von heute grundsätzlich mehr Wert beimessen als jenem von morgen. Entsprechend verlangen Verbraucher eine Entschädigung in Form eines hohen Zinssatzes, um auf ihren gegenwärtigen Konsum zu verzichten. In Gesellschaften, deren Mitglieder mit einem höheren Lebensalter und längerem Ruhestand rechnen, ändern Menschen jedoch ihre »Zeitpräferenz«. Um ihre Kaufkraft über heutiges Sparen in die Zukunft zu verlagern, sind sie daher bereit, sogar einen negativen Zinssatz in Kauf zu nehmen und führen ihn durch ihr Sparverhalten auch herbei.

Im Trend sind die Zinssätze - wie auch das Wirtschaftswachstum - bereits seit den 1980er Jahren rückläufig. Diese Entwicklung könnte noch lange andauern, worauf sich wichtige Akteure bereits einstellen. Im August gab der deutsche Staat erstmals eine Anleihe mit einer Verzinsung von null Prozent und 30 Jahren Laufzeit heraus. Und in den USA wird über Anleihen von 100 Jahren Laufzeit laut nachgedacht, mit denen der Staat von den günstigen Kreditbedingungen nachhaltig profitieren kann.

EZB-nahe und alternative Ökonomen sehen die Niedrigzinsen durchaus positiv: Zwar klagten vor allem Kleinsparer über die niedrigen Zinsen, aber letztlich profitierten selbst sie davon. Weil die EZB-Politik dazu beitrage, so Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel in den »Blättern für deutsche und internationale Politik«, dass Jobs erhalten bleiben und Lohneinkommen steigen können. Wenn Christine Lagarde im November den EZB-Chefposten übernimmt, wird erwartet, dass sie Draghis expansive Geldpolitik weiterführt.

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