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Nicht wartezimmertauglich

Eine Arztpraxis am Ostbahnhof versorgt seit 25 Jahren obdachlose Menschen mit medizinischer Hilfe, Essen und einem offenen Ohr

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 3 Min.

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Sozialsenatorin Breitenbach, links neben Kerstin Siebert
Sozialsenatorin Breitenbach, links neben Kerstin Siebert

Kerstin Siebert sitzt in ihrem blauen Kittel in der hellen und freundlichen Arztpraxis für Obdachlose und nimmt freudig strahlend die Blumen und Pralinen der Gratulant*innen entgegen. An diesem Mittwoch gibt es gleich doppelten Anlass zu feiern: Die Obdachlosenpraxis am Ostbahnhof feiert ihr 25-jähriges Jubiläum und die erfahrene Krankenschwester gleich mit. Von Anfang an war Siebert mit dabei, zunächst noch in einem kleinen Raum ohne Fenster direkt neben der Suppenküche. »Damals war die Verwahrlosung der Patienten noch viel extremer«, erinnert sie sich. »Heute duschen viele erst einmal, bevor sie sich behandeln lassen.«

Dass das überhaupt möglich ist, liegt daran, dass es in der Praxis neben den Behandlungszimmern noch sanitäre Einrichtungen, eine Kleiderkammer und eine Küche gibt, die von den Patient*innen auch rege genutzt werden. Knapp 700 Menschen kamen im vergangenen Jahr, um sich behandeln zu lassen. Die Praxis am Ostbahnhof ist nicht die einzige: Die elf Standorte zur ärztlichen Versorgung von Obdachlosen in Berlin kamen im vergangenen Jahr insgesamt auf über 36 000 Konsultationen - 10 000 mehr als noch 2016.

»Es sind in den letzten Jahren viel mehr geworden«, sagt auch Kerstin Siebert. Auf die 700 Patient*innen in ihrer Praxis kamen fast 6000 Beratungen - das sind im Schnitt acht Termine pro Person. »Dass die Menschen so oft kommen, ist der Obdachlosigkeit geschuldet. Die Patienten haben oft chronische Probleme und Mehrfacherkrankungen«, erklärt Christine Recknagel, die Koordinatorin der Einrichtung. Häufig behandeln die Ärzt*innen großflächige Wunden und Ungeziefer wie Kopfläuse oder Krätze. Auch zahnmedizinische Behandlungen werden angeboten.

Doch die Obdachlosen kommen nicht nur viel häufiger als durchschnittliche Patient*innen, sie bleiben auch sehr viel länger. »Die Obdachlosen bringen zusätzlich zu ihren Erkrankungen noch ihre individuellen Probleme mit. Viele brauchen das offene Ohr unserer Mitarbeiter«, so die Sozialpädagogin Recknagel. Das bestätigt auch Krankenschwester Siebert, die eine Zusatzausbildung zur Sozialberaterin gemacht hat: »Wir brauchen hier mehr Zeit für die Patienten als in regulären Arztpraxen, manchmal bis zu einer Stunde. Die Wunden sind aufwendiger, und auch die sozialen Probleme werden besprochen.«

Dafür gibt es in der Einrichtung auch noch eine Sozialberatung, die den Obdachlosen den Weg zurück ins Hilfesystem ebnet. Doch dieses ist längst nicht für alle da: »Wir dürfen nur deutsche Obdachlose abrechnen«, sagt Siebert bedauernd. »Wir müssen viele abweisen oder können nur die Notversorgung machen.«

Sozialsenatorin Elke Breitenbach (LINKE) sieht hier zwei zentrale Herausforderungen: »Wir müssen die Regelsysteme fit machen für die Menschen, die auf der Straße leben«, sagt sie am Mittwoch bei ihrem Besuch in der Praxis. Die Ziele und Maßnahmen der kürzlich beschlossenen Leitlinien der Wohnungslosenpolitik seien dabei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Das Land Berlin stoße jedoch an seine Grenzen, die Sozialsenatorin sieht hier den Bund und die EU in der Pflicht. »Die europäische Arbeitnehmerfreizügigkeit wurde nie gestaltet«, kritisiert sie. Viele Osteuropäer*innen suchten in Berlin Arbeit und landeten am Ende auf der Straße. Hilfe steht ihnen nach Bundesgesetzen nicht zu. »Auch die Menschen, die kein Recht auf die Regelsysteme haben, müssen versorgt werden«, so Breitenbach.

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