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Alleinstehend, alt, arm

Altersarmut wird in 20 Jahren mindestens jeden fünften Rentner betreffen

  • Von Markus Drescher
  • Lesedauer: 3 Min.

Kein Tag ohne Meldung über die Gefahren der drohenden Rezession, Handelskriege, einen harten Brexit. Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung gibt es derzeit zuhauf, in Zukunft dürften sie nicht weniger werden und sich auch irgendwann negativ auf den Arbeitsmarkt auswirken. Insofern wirkt das, was das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für die Bertelsmann-Stiftung errechnet hat und was am Donnerstag präsentiert wurde, umso bedrohlicher: »Selbst bei einer positiven Arbeitsmarktentwicklung müssen wir mit einem deutlichen Anstieg der Altersarmut in den kommenden zwanzig Jahren rechnen«, so Christof Schiller, Arbeitsmarktexperte der Bertelsmann Stiftung. So kommen die DIW-Forscher zu dem Ergebnis, dass auch unter guten Bedingungen bis zum Jahr 2039 mehr als jeder fünfte Rentner armutsgefährdet sein könnte, ein Anstieg von derzeit 16,8 auf 21,6 Prozent. Als armutsgefährdet gelten in der Studie Personen, deren monatliches Nettoeinkommen unter Berücksichtigung des Haushaltszusammenhangs unter 905 Euro liegt.

Die Grundsicherungsquote, mit der der Anteil der Rentner angegeben wird, die auf staatliche Unterstützung zur Existenzsicherung angewiesen sind, würde laut den Berechnungen in den kommenden 20 Jahren von heute neun Prozent auf knapp zwölf Prozent steigen. Wobei die Studienautoren darauf hinweisen, dass eine vollständige Inanspruchnahme der Grundsicherung unterstellt wird. Die Werte berücksichtigten damit auch die »verdeckte« Altersarmut.

Das größte Risiko, von Altersarmut betroffen zu sein, tragen laut Studie Geringqualifizierte und Alleinstehende, bei denen das »Grundsicherungsrisiko im Alter nahezu doppelt so hoch wie im Durchschnitt« ist. Bei Personen ohne Berufsschulabschluss steige die Grundsicherungsquote von heute rund 16 auf 21 Prozent im Jahr 2039, bei alleinstehenden Frauen im selben Zeitraum von zwölf auf fast 20 Prozent.

Ebenso sind Rentner in Ostdeutschland besonders betroffen, wo die Grundsicherungsquote mit derzeit 6,5 Prozent »noch deutlich unter dem Niveau in Westdeutschland (rund zehn Prozent)« liege, sich bis 2039 aber auf knapp zwölf Prozent verdoppeln werde. Matthias W. Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, sieht als Grund dafür, dass »die Altersarmut vor allem bei Ostdeutschen schon in den kommenden Jahren dramatisch ansteigen« werde. Die Gründe: »Niedrige Löhne und lange Phasen der Arbeitslosigkeit«. Die LINKE fordere, »das Abschmelzen der rentenrechtlichen Umrechnung von Ostlöhnen sofort zu stoppen«, bis in Ost und West gelte: »gleicher Lohn für gleiche Arbeit und gleiche Rente für gleiche Lebensleistung.« Ein Schritt in diese Richtung sei »ein einheitlicher gesetzlicher Mindestlohn von mindestens zwölf Euro«, so Birkwald.

Auch die derzeit in Berlin diskutierten Grundrentekonzepte nahmen die DIW-Forscher unter die Lupe und kommen zu dem Schluss, dass das im Koalitionsvertrag beschriebene Modell wie auch das von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) angestrebte »noch nicht hinreichend zielgenau« seien. Die Variante aus dem Koalitionsvertrag könne »den Anstieg der Altersarmut kaum bremsen« und laut Studie das Armutsrisiko nur um 0,4 Prozentpunkte auf dann 21,2 Prozent reduzieren. »Der Hauptgrund für diesen geringen Effekt liegt darin, dass weniger als ein Drittel der Personen mit Grundsicherungsanspruch auf die geforderten 35 Versicherungsjahre kommen«, so Studienautor Johannes Geyer. Mit der Variante von Heil ohne Bedürftigkeitsprüfung wären es 18,4 Prozent, doch würden »viele Personen profitieren, deren Nettoeinkommen deutlich oberhalb der Grundsicherungsschwelle liegt.«

Bertelsmann-Experte Schiller schlägt »um die Zielgenauigkeit zu stärken« nun vor, dem Konzept von Heil »eine einfache Einkommensprüfung (ohne Vermögensprüfung) und eine etwas flexiblere Auslegung der Versicherungszeiten« hinzuzufügen. Durch die Einkommensprüfung könne sichergestellt werden, dass nur einkommensschwachen Haushalten die Aufwertung der Rentenanwartschaften zugutekämen, durch die Flexibilisierung, dass mehr Menschen mit versicherungsfreien Zeiten oder Zeiten der Erwerbslosigkeit profitieren.

Dietmar Bartsch, Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, hält »das Pflaster ›Grundrente‹« generell langfristig für zu klein, »um die Wunde der unsozialen Rentenpolitik der vergangenen zwei Jahrzehnte zu heilen«. Das Rentenniveau hätte niemals abgesenkt werden dürfen und ein riesiger Niedriglohnsektor hätte niemals entstehen dürfen, so Bartsch. Neben dem Mindestlohn von zwölf Euro, brauche es »eine große Rentenreform, um Altersarmut zu bekämpfen und die Rente zukunftsfest zu machen«. Kommentar Seite 10

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