Erstaunlich gut: die Spanier um Juancho Hernangomez (v.) und Ricky Rubio
Basketball WM

Erfolgreiche Rückkehr

Angeführt von Ricky Rubio ziehen Spaniens Basketballer ins WM-Finale ein.

Von Oliver Kern, Peking

Das Leben kann manchmal komisch sein«, sagte Ricky Rubio, als er auf seine Rückkehr nach Peking angesprochen wurde. »Wenn ich daran denke, wie ich vor elf Jahren zum ersten Mal hierherkam und die Welt meinen Namen nur kannte, weil ich erst 17 war, als ich es im Olympiafinale mit den Stars der USA aufnahm«, erinnerte sich der Spielmacher des spanischen Basketballnationalteams kurz vor dem WM-Halbfinale 2019 an selber Stelle: »Es ist schon lustig, dass ich jetzt ausgerechnet in China mein bestes WM-Turnier spiele.« Seit 13 Jahren stand Spanien nicht mehr im Halbfinale. »Aber wir sind längst noch nicht am Ziel.«

Gegen starke Australier wollten Rubio und Co. am Freitag in einer für ein WM-Halbfinale erschreckend leeren Halle in Chinas Hauptstadt den ersten Finaleinzug seit ihrem Titel im Jahr 2006 klarmachen. Und Rubio zeigte schnell, dass er es ernst meint: Die ersten drei Punkte des Spiels erzielte er per Distanzwurf selbst, dann klaute er den Australiern den Ball in der Verteidigung und gab den Pass zur 5:0-Führung durch Juancho Hernangomez.

Weil das Leben aber bekanntlich manchmal komisch ist, sahen auch die Australier in diesem Semifinale ein ganz besonderes Spiel. Nicht nur, weil sie die Runde der letzten Vier bis dahin noch nie erreicht hatten, sondern auch weil sie es ausgerechnet gegen Spanien austragen durften. Denn mit den Iberern hatten sie noch eine Rechnung offen: Im Duell um Olympiabronze hatten ihnen vor drei Jahren in Rio de Janeiro 9,7 Sekunden zur Medaille gefehlt. Ein Foul, zwei spanische Freiwürfe und ein Fehlpass später jubelten dann doch die Gegner um Ricky Rubio, Rudy Fernandez und Marc Gasol, die nun auch in Peking auf dem Parkett standen. Und so ließen sich die ebenso motivierten Australier nicht abschütteln, gingen sogar immer wieder selbst in Führung und sorgten für eine spannende Partie. Es brauchte schon einen Not-Dreier von Rubios Ersatzmann Sergio Lull, um das erste Viertel mit 22:21 für Spanien zu sichern.

Danach bestimmten die beiden Defensiven das Spiel. Sie ließen nur schwere Würfe zu, die oft das Ziel verfehlten. Australiens quirliger Spielmacher Patty Mills war der Erste, der wieder Lücken fand und sein Team erstmals mit fünf Punkten in Führung (27:22) brachte. Spaniens Trainer Sergio Scariolo brachte Rubio zurück aufs Feld - und der punktete sofort. »In so einem Turnier ist Erfahrung eines der wichtigsten Dinge, um erfolgreich zu sein. Schon als Polen im Viertelfinale einen 7:0-Lauf im letzten Viertel startete, sind wir nicht auseinandergebrochen wie andere Mannschaften das in so einem Moment oft tun. Wir sind als Team noch näher zusammengekommen«, fasste Rubio die Qualität seiner Mannschaft treffend zusammen.

Selbst als sie mit acht Punkten zurücklagen, spielten die Spanier ihre Systeme in aller Ruhe runter. »Wir werden in solchen Momenten nicht nervös. Wir wissen, welche Spielzüge unser Trainer von uns sehen will, und ich weiß, was meine Teamkollegen machen werden«, so Rubio, der ob der fehlenden Treffsicherheit seiner Kollegen aber immer häufiger selbst abschließen musste. Und so hielt er sein Team bis zum Halbzeitstand von 32:37 zumindest im Spiel.

Rubio hat es während des Viertelfinalerfolgs gegen Polen zum besten Passgeber in der WM-Geschichte geschafft. Für Trainer Scariolo eine ganz besondere Leistung. »Er hat in den vielen Jahren gelernt, was einen guten Spielmacher ausmacht. Er muss nicht nur punkten, sondern auch jeden seiner Mitspieler stärker machen, sie anführen. Genau das macht Ricky hier«, lobte der Coach. Das helfe besonders in diesem Jahr, in dem Scariolo große Probleme hatte, ein schlagkräftiges Team zusammenzustellen. Mit Nikola Mirotić, Pau Gasol und Serge Ibaka fehlen einige Stützen des Teams, das in zehn Jahren dreimal Europameister wurde.

Dazu kam der Rücktritt von Juan Carlos Navarro im Jahr 2018, mit dem Rubio endgültig zum Anführer der Mannschaft wurde. »Ich habe mir gestern ein Bild von unserem ersten EM-Titel 2009 angesehen. Auf dem Podium standen viele große Männer und Ricky, der aussah wie ein Baby. Und schaut ihn euch jetzt an! Ein großer NBA-Spieler mit Vollbart«, hatte auch Scariolo vor dem Halbfinale noch einmal in Erinnerungen gekramt. Dass er Fan seines Spielmachers ist, steht außer Frage. Er vertraut ihm blind, auch weil sich Rubio seit dem ersten Olympiaauftritt von zwei schweren Verletzungen sowie den kurz aufeinanderfolgenden Todesfällen seiner Mutter und seiner Großmutter immer wieder zurückkämpfen musste. »Ricky hat für alles hart arbeiten müssen. Natürlich konnte man sein Talent schon sehen, als er 13 war. Aber Talent reicht nicht, um es nach oben zu schaffen. Er musste schwere Momente überstehen. Schicksalsschläge trafen ihn hart. Er musste Ernsthaftigkeit lernen, Widerstandsfähigkeit, Bodenständigkeit. All das hilft uns jetzt ungemein«, so Scariolo.

Das Problem seines Teams in diesem Halbfinale aber blieb, dass sie die von Rubio gut herausgespielten Möglichkeiten zu selten nutzten. So zogen die Australier, die mit viel mehr Energie spielten, im dritten Viertel auf elf Punkte davon. Es sah so aus, als ob ihnen die Revanche für Rio gelingen sollte. Doch mit vier schnellen Punkten läutete Rubio ein erneutes Comeback ein. So ging Spanien mit nur vier Punkten Rückstand ins letzte Viertel. Und dort verkürzte Rubio im kongenialen Zusammenspiel mit Marc Gasol sogar auf einen Punkt, acht Sekunden vor Schluss geht wieder Gasol an die Freiwurflinie und bringt Spanien mit einem Punkt in Führung. Doch alles wie in Rio also? Noch nicht, auch Mills darf an die Linie. Er trifft jedoch nur einen Freiwurf. 71:71 - Verlängerung!

Die bringt keine Entscheidung, denn Mills und Gasol treffen bis zum 78:78 abwechselnd wie Maschinen. In der zweiten Verlängerung treffen nur noch die Spanier, und Rubio gibt dazu fast jede Vorlage. Am Ende stehen für ihn 19 Punkte und zwölf Vorlagen in der Statistik und ein 95:88-Sieg für Spanien.