Verkehrswende

Mit einem guten ÖPNV ginge es auch ohne Autos

An einzelnen Tagen und in manchen Straßen kann man schon erleben, was eine Verkehrswende bringen würde

Von Martin Kröger

Von einer autofreien City ist Berlin meilenweit entfernt. Einen Vorgeschmack, wie lebenswert eine Metropole ohne den sogenannten motorisieren Individualverkehr sein könnte, bekommen die Berlinerinnen und Berliner allenfalls an Tagen wie der alljährlichen Sternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs, wo deutlich weniger Autos unterwegs sind. Und natürlich gibt es auch lokale Initiativen und Bemühungen, den Autoverkehr in den Kiezen zu minimieren. Am konsequentesten versucht das zurzeit der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, der sich für seine Poller und Parklets aber auch viel öffentliche Häme und Kritik gefallen lassen muss. Dabei zeigt sich seit Kurzem im Wrangelkiez in Kreuzberg, wie sich durch eine mit rot-weißen Pollern geänderte Straßenführung schnell etwas ändern kann. Der Verkehr nimmt spürbar ab. Auch die jaulenden Motoren der häufig jungen Männer, die mit ihren Fahrzeugen die Wrangelstraße langbrettern, sind plötzlich nicht mehr zu sehen - und zu hören. Stattdessen spielen Kinder am Straßenrand, Skateboarder und Radfahrer nutzen den freigewordenen Straßenraum. Das große Wort Verkehrswende wird so sinnbildlich und für die Anwohner konkret - auch wenn zugegebenermaßen nicht alle mit der neuen Straßenführung einverstanden sind.

Doch so wird im Kleinen zumindest ansatzweise deutlich, wie eine Mobilitätswende Realität werden könnte. Dass die Verkehrswende konsequent umgesetzt wird, hat der rot-rot-grüne Senat in seinem Koalitionsvertrag versprochen. Daran muss sich das Mitte-links-Bündnis messen lassen. Nach anfänglichem verbalen Aktionismus ist dem Vorhaben allerdings der Schwung verloren gegangen. Die in Aussicht gestellte Reduzierung von Fahrspuren auf Hauptstraßen und die versprochenen zusätzlichen Busspuren gibt es immer noch nicht. Dass zur Verkehrswende ein funktionierender Öffentlichen Personennahverkehr zählt, versteht sich indes von selbst. Schließlich geht es nicht darum, dass die Menschen weniger mobil sein sollen, sondern dass sie sich besser durch die Stadt bewegen können, ohne auf ein Auto angewiesen zu sein. Damit es mit dem Wandel im Mobilitätsverhalten klappt, reicht es aber nicht nur aus, den maroden Nahverkehr fit zu machen. Es wird auch restriktiverer Maßnahmen und Anreize bedürfen, die den Umstieg der Menschen auf umweltfreundliche Verkehrsmitteln forcieren. Die Reduzierung von Parkplätzen und Parkraumbewirtschaftung sind da genauso Aspekte wie die Einführung einer Citymaut, die natürlich immer sozialverträglich sein müssen. Denn das ist klar: Solche Maßnahmen sind nicht populär, die rechte Opposition nutzt das oft, um ihre Mär von den Autohassern zu verbreiten. Dagegen hilft nur eine Verkehrspolitik, deren Vorzüge die Menschen erkennen und die sie mitnimmt.