Fantasyfilmfest

In der atonalen Waldhütte

Man kann dem TV-Einheitsbrei entrinnen - auf dem Fantasyfilmfest.

Von Thomas Blum

Das deutsche Fernsehen genießt international zu Recht den Ruf, die beste aller Einschlafhilfen zu sein. Das ist ein sogenannter Fakt, an dem zu rütteln kaum Sinn hat. Man kann niemandem Graubrot als Schwarzwälder Kirschtorte verkaufen, das wird nicht funktionieren. Probieren Sie’s, Sie werden scheitern. Ein Leben lang »Derrick«, »Kommissar Rex« oder »Polizeiruf 110« anschauen zu müssen, das prägt einen Menschen, auch wenn er sein Tun nicht als selbst auferlegte Strafe empfindet und den faden TV-Einheitsbrei aus freien Stücken rezipiert.

Und wie soll er wissen, dass es Anderes gibt als das graue Zeug, das er schlimmstenfalls jahrzehntelang so unwissend wie brav in der Glotze angeschaut hat? Natürlich werden dann die lieblos abgefilmten sprechenden Köpfe von zu Overacting neigenden, in Trenchcoats steckenden Schauspielern, die hölzern in Wohnzimmern herumstehen und von Opa verfasste Dialoge aufsagen, die zuvor von einer Expertenkommission auf hundertprozentige Humorlosigkeit geprüft wurden, von ihm für einen »Krimi« gehalten. So wie Kinder, die noch nie himmelblaue Zuckerwatte gesehen haben, den Verzehr einer zuckerfreien Reiswaffel für den größten der Genüsse halten.

Um einem solchen Leben zu entrinnen, gibt es das alljährlich in mehreren deutschen Städten stattfindende Fantasyfilmfest, das traditionell auch viele asiatische Produktionen im Programm hat, vom knallbunten Wahnsinn des japanischen Regie-Workaholics Takashi Miike, dessen 103. Film, die Action-Gangsterkomödie »First Love«, mit dem schönen Slogan »Violence and Entertainment for the whole World« wirbt, bis zu eher formstrengen Thrillern, die allerdings stets ein feines Auge fürs Bizarre und Opulente haben und häufig mit einer dem Comic entliehenen Bildsprache operieren.

Man denke etwa an einen so schrillen, bekennend am sogenannten Massenpublikum vorbeizielenden Film wie das bonbonbunte, hochartifizielle und sich um so etwas Irrelevantes wie Glaubwürdigkeit nicht im geringsten scherende japanische Action-Kammerspiel »Diner«, in dem während der Kampf- und Actionsequenzen bunte Blumenblüten durchs eh schon überkandidelt opernhafte und grell neonbeleuchtete Szenenbild rieseln und in dem es um die unbestreitbare Schönheit des Kochens, des Essens und des Lebensgenusses ebenso geht wie um die transzendentale Obdachlosigkeit des Auftragskillers. Dass derlei von einem der handelsüblichen deutschen Kulturbetriebsbeamten finanziert würde, ist völlig undenkbar. Die Einflüsse sind erkennbar zahlreich: Manga-Comics, Werbefotografie, Theater, die Oper, die Pop Art und internationale Modenschauen der vergangenen Jahre nicht zu vergessen. Hier ist alles Form und Dekor, hier wird dick aufgetragen, hier will man möglichst bunte, möglichst grelle Szenerien zeigen, und auch die nahezu wie Ballett choregrafierten Gewaltexzesse werden natürlich von ordentlich rummsendem Orchesterdonner der Romantiker Antonín Dvořák und Gabriel Fauré begleitet.

Sieht man von der starken Präsenz des asiatischen Kinos ab, ist das in vielen der auf dem diesjährigen Festival gezeigten Psychothriller und filmischen Dystopien dominierende Thema die Familie, insbesondere die dysfunktionale bürgerliche Kleinfamilie: Im grimmigen Psychoschocker »The Lodge« sind zwei Kinder mit ihrer ungeliebten wie unter psychischen Beeinträchtigungen leidenden Stiefmutter in einer von der Außenwelt abgetrennten Waldhütte eingeschlossen, und das sich langsam entwickelnde Drama aus sozialer Isolation, scheiternder Kommunikation, Wahnvorstellungen und winterlicher Eiseskälte ist in bezwingend schönen, ins Halbdunkel verliebten, beklemmenden Bildern erzählt und allein aufgrund seines meisterhaften Sounddesigns, einer Mixtur aus atonalem Klirren und trostfern-finsterem Gezupfe und Gezirpe, einer der sehenswertesten des Festivals. Das österreichische Regieduo Veronika Franz und Severin Fiala (»Unser Film ist sehr deprimierend«), beide bekennende Horrorfilmconnaisseure, die vom Altmeister John Carpenter offenbar ebenso gelernt zu haben scheinen wie von den formstrengen österreichischen Schlechte-Laune-Spezialisten Michael Haneke und Ulrich Seidl, hat bereits mit seinem schwer beeindruckenden Debütfilm, dem Psycho-Horror-Kammerspiel »Ich seh ich seh« einen Klassiker des Unheimlichen geschaffen.

Und in Filmen, wo die Beziehung zwischen Vater und Kind ausnahmsweise einmal funktioniert, wie in Casey Afflecks großartigem Regiedebüt »Light of my Life«, da ist der Rest der Welt ruiniert: Ein Vater zieht mit seiner Tochter durch verregnete Wälder und verödete Landschaften, eine postapokalyptische Welt. Eine Seuche hat einige Jahre zuvor sämtliche Frauen dahingerafft, die Zivilisation ist eine archaische Männerwelt voller verrohter, gewalttätiger zauselbärtiger Schrate und Spinner.

Selbst in den diesjährigen Crowdpleasern wie der schwarzhumorigen und zitierfreudigen Horrorkomödie »Extra Ordinary« oder der turbulenten Splatterkomödie »Ready or not«, die von einer stinkreichen Unternehmerfamilie handelt, bei der eine lange gepflegte Familientradition darin besteht, immer dann, wenn jemand in die Familie einheiratet, eine Menschenjagd zu veranstalten, wird die Familie als Hort der Sicherheit und Geborgenheit entzaubert.

Am mutigsten und formalästhetisch interessantesten wird das Konzept der bürgerlichen Kleinfamilie wohl in der schwarzen Filmsatire »Vivarium« destruiert, die von einem jungen Mittelschichtspaar erzählt, das sich nach der Besichtigung einer Eigentumswohnung in einer Vorstadtsiedlung plötzlich in dieser gefangen sieht: Sobald die beiden versuchen, per Auto der gleichförmigen Siedlung, die ausschließlich aus lindgrünen identischen Häusern mit identischen Vorgärten besteht, zu entkommen, finden sie sich, nach einer Fahrt durch die labyrinthisch angelegte Trabantenstadt, stets vor jenem Gebäude wieder, das sie besichtigt haben und in dem sie der Makler zurückgelassen hat. Gefangen in der Reihenhaussiedlung, einer endlos scheinenden Parallelwelt, in der niemand wohnt außer ihnen selbst und in der stets wie zum Hohn identische kleine weiße Wölkchen am stets himmelblauen Himmel stehen, müssen sie sich aus ihrem alten Leben verabschieden und ein neues beginnen, das garantiert und im wahrsten Sinn des Wortes der reine Horror ist.

Die anfangs sympathisch erscheinenden Protagonisten, die sich im Lauf des Geschehens zu genau jenen monströsen, vom quälenden Alltag zermürbten Wracks entwickeln, wie sie der Kapitalismus zwingend hervorbringt, so viel sei hier verraten, sterben am Ende, was diesen surrealen Film überaus sympathisch macht. Denn er erzählt, wenn auch in Form einer filmischen Parabel, von unserer gegenwärtigen Wirklichkeit, die alles andere ist als eine Idylle. Birth, School, Work, Death. Niemand kann entkommen. Niemand gewinnt.

In Berlin und Frankfurt noch bis zum Sonntag, in anderen Städten noch bis zum 21.9. (München), 22.9. (Stuttgart, Köln) bzw. 29.9. (Hamburg, Nürnberg).

Programm: www.fantasyfilmfest.com