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In der U-Bahn-Leitstelle fehlt Personal

Mehr als jede vierte Schicht in den Stellwerken war im vergangenen August unbesetzt

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 4 Min.

Etwa 27 Prozent der Schichten in den Stellwerken der Berliner U-Bahn konnten im August nicht besetzt werden. Das geht aus internen Unterlagen der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hervor, die »nd« vorliegen. Trotzdem musste bisher der Betrieb auf einzelnen Linien nicht eingestellt werden. Denn im Zweifelsfall muss ein Weichensteller, so heißen die in den Stellwerken der U-Bahn tätigen, einen zusätzlichen Streckenbereich mit übernehmen.

Für das ganze Netz sind insgesamt elf Arbeitsplätze in der Leitstelle in Friedrichsfelde eingerichtet, drei davon sind zum Beispiel für die Linien U5 und U8 zuständig. »Allein in diesem kleinen Bereich sind 14 von 30 Stellen nicht besetzt, der Rest sind oft Teilzeitkräfte«, erklärt ein BVG-Beschäftigter, der anonym bleiben will. Beschäftigte mit Teilzeitverträgen hätten innerhalb weniger Jahre Hunderte Überstunden angehäuft, berichtet er. Das hinterlässt Spuren: »Ein Kollege ist seit Monaten wegen Burnout krankgeschrieben«, berichtet der BVGer.

Die Weichensteller sind zum Beispiel bei Bauarbeiten gefragt, oder wenn es aus anderen Gründen mal wieder nicht rund läuft bei der

U-Bahn. Bei Störungen ist es ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Auswirkungen möglichst gering bleiben, beziehungsweise der Verkehr möglichst schnell wieder regelmäßig läuft. Dafür müssten sie zum Beispiel manchmal Züge früher wenden lassen, damit die Taktlücke in der Gegenrichtung nicht zu groß wird. Doch dafür ist viel manuelles Eingreifen nötig. Die Zeit ist nicht immer da, wenn die Weichensteller gleich zwei Arbeitsplätze abdecken müssen. »Da können Störungen schon mal länger mitgeschleppt werden«, so der Beschäftigte.

Das liegt auch an der teilweise mangelhaften Technik. Häufige Nutzer des U-Bahnhofs Warschauer Straße merken das, wenn ihr Zug mal wieder auf der Oberbaumbrücke steht und nicht in die Endstation einfährt, obwohl sogar noch eines der drei Gleise frei ist. Oder auch an der U5, die noch bis nächstes Jahr am Alexanderplatz direkt am Bahnsteig wendet, wo es ebenfalls öfter hakt. Wirklich flüssig läuft es dort manchmal nur mit händischen Eingriffen. Wenn die Zeit dafür da ist, sich alle paar Minuten jedem Zug zu widmen, der an der Endstation ein- oder ausfährt.

Der BVGer ärgert sich, dass das Unternehmen nicht mal eine Prämie zahlt, wenn wieder mal zwei Plätze zu bedienen sind. »DB Netz zahlt Fahrdienstleitern 100 Euro extra, wenn sie einen zweiten Arbeitsplatz bedienen müssen«, zieht er den Vergleich mit der Eisenbahn.

Die BVG reagiert auf nd-Anfrage wie üblich beschwichtigend. Von einer anhaltenden Personallücke könne nun wirklich nicht die Rede sein, erklärt Sprecherin Petra Nelken. »Richtig ist, dass uns der verfügbare Personalbestand in der Leitstelle aktuell aufgrund eines erhöhten Krankenstandes vor große Herausforderungen stellt, die jedoch durch tägliche Anstrengungen ohne Auswirkungen auf den Betrieb bewältigt wurden und werden«, so Nelken weiter. Für den gesamten August habe die U-Bahn 98,6 Prozent der Fahrten so wie im Fahrplan veröffentlicht durchgeführt, »und das mit der höchsten Quote an Graffiti mit 862 betroffenen Wagen von rund 1300 einsatzfähigen Wagen«, erklärt sie. Die BVG habe trotz der Besetzungsprobleme in der Leitstelle weder an der Zuverlässigkeit der Störungsbearbeitung, im Veranstaltungsverkehr oder bei Bauarbeiten verloren, so die Sprecherin. Außerdem seien fünf zusätzliche Mitarbeiter in Ausbildung, neun seien für die nächsten Lehrgänge vorgesehen und weitere sieben Stellen befänden sich im Ausschreibungsprozess. »Das reicht nicht mal, um die in diesem Jahr anstehenden Abgänge aufzufangen«, sagt dagegen der Insider.

Einen Teil der Lücken in den Stellwerken wird mit den Bahnhofsmanagern gestopft. Die sind eigentlich zuständig für die Überprüfung der Technik im Streckennetz und, um bei Störungen möglichst schnell vor Ort zu sein und beispielsweise nicht mehr aus der Ferne steuerbare Weichen von Hand zu stellen. Dort konnten im August sogar über 29 Prozent der Schichten nicht besetzt werden.

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