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Feiern gegen den Untergang

Die Berliner Clubszene ruft beim Klimastreik zum Rave-Aufstand gegen den Kapitalismus auf

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 3 Min.
Im Mai 2018 hatte das Bündnis Reclaim Club Culture zur antifaschistischen Rave-Demo »AfD wegbassen« aufgerufen.
Im Mai 2018 hatte das Bündnis Reclaim Club Culture zur antifaschistischen Rave-Demo »AfD wegbassen« aufgerufen.

Die Berliner Clubszene ist nicht gerade für ihre Nachhaltigkeit bekannt – das räumt das Bündnis Reclaim Club Culture ganz selbstkritisch ein. »Wir feiern viel, gern und verschwenderisch«, heißt es in ihrem Aufruf zum globalen Klimastreik in der Hauptstadt an diesem Freitag. Doch auch wenn ihre »Ziehröhrchen nicht aus Zuckerrohr sind«, sei ihnen die Klimakatastrophe keinesfalls egal: »Ohne Frage verballern wir in den Clubs eine Menge Energie, der Blick auf unsere eigene Öko-Bilanz fällt oft ernüchternd aus. Wenn es um die Frage der globalen Zerstörung des Planeten geht, lassen wir uns aber nicht für dumm verkaufen«, heißt es.

Mehr als 90 Clubs, Kulturkollektive und Partygruppen haben den Aufruf »No Future No Dancefloor« bereits unterschrieben – und es werden täglich mehr, sagen die beiden Sprecher*innen von Reclaim Club Culture, die sich beide Rosa Rave nennen und mit ihren pinken Perücken und glitzernden Masken direkt von der Tanzfläche zu kommen scheinen. Das Bündnis lädt darin die Berliner Clubszene dazu ein, dem Aufruf von Fridays for Future zum Klimastreik zu folgen und ruft den »Rave-Aufstand« aus: »Wir laden zum system change ein, um sich mit der ganzen Welt zu erheben – denn innerhalb der kapitalistischen Verwertungslogik gibt es nix mehr zu feiern.«

Das Ziel: Die Clubszene politisieren

Seit 2016 setzt sich Reclaim Club Culture für eine Politisierung der Berliner Clubkultur ein, im vergangenen Jahr konnte es bei der antifaschistischen Rave-Demo »AfD wegbassen« Tausende Menschen mobilisieren. Am Freitag sollen es noch mehr werden. Neu ist, dass sie dieses mal eng mit den anderen beiden Bündnissen zusammenarbeiten – neben Fridays for Future (FFF) mobilisiert noch das linke Bündnis Ungehorsam für alle, das für Freitag im gesamten Stadtgebiet zu Straßenblockaden aufruft.

»Wir wollen hier eine Brücke schlagen«, sagt Rosa Rave. Die geplanten Aktionen fänden daher in enger Absprache mit FFF und den im Ungehorsam-Bündnis organisierten Gruppen wie der Interventionistischen Linken, Seebrücke, Frauen*streik Berlin und Extinction Rebellion statt. »Uns verbindet mit allen, die gegen die Klimakrise aktiv werden, die Entschiedenheit, dass es nicht so weitergehen kann und dass eine radikale Umkehr nötig ist«, sagt Rosa Rave. Gerade die Vielfalt des Protestes und der unbedingte Ungehorsam der Aktionen seien ihre Stärke und die »einzige Chance auf nachhaltige Veränderungen«.

22 verschiedene Blöcke soll es auf der Demo von Fridays For Future, die um zwölf Uhr vom Brandenburger Tor durch Mitte zieht, insgesamt geben. Neben den Schüler*innen auch einen Care-Block, einen Agrar- und Ernährungs-Block, einen Unternehmer-Block – und eben den Feier-Block. Dieser beginnt ab 15 Uhr dann seinen eigenen Rave-Aufstand, der vom Potsdamer Platz zum Alexanderplatz zieht. Auch auf der Spree werden die Clubs und Kollektive mit Booten unterwegs sein, um ihr Anliegen im Regierungsviertel sicht- und hörbar zu machen.

Party steht nicht im Vordergrund

Den Vorwurf, es ginge ihnen mehr ums Feiern als um Politik, weisen die Sprecher*innen entschieden zurück: »Unser Aufruf ist klar antikapitalistisch«, sagen sie. Auch die Redebeiträge seien durchweg politisch und setzten sich mit den Orten, die sie auf der Demoroute passieren, kritisch auseinander. Und auch wenn die konkreten Inhalte den Wagen überlassen werden, ist eins klar: Politische Parteien sind nicht erwünscht.

Es geht den Raver*innen von Reclaim Club Culture nämlich um mehr als nur einen Nachhaltigkeitsdiskurs oder eine Green Economy – sie wollen den Kapitalismus nicht reformieren, sondern abschaffen: »Nur die nachhaltige Stilllegung dieses Wirtschaftssystems kann den Planeten noch retten«, so Rosa Rave. Nationale Ausgrenzung sei dabei aber der falsche Weg: »Wir wollen alle dabei haben, egal, woher sie kommen, wie sie lieben, begehren oder aussehen.«

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