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Transatlantische Tourismuskooperation

Berlin und New York wollen beim Stadtmarketing zusammenarbeiten, was die LINKE scharf kritisiert

  • Von Nicolas Šustr, New York
  • Lesedauer: 4 Min.

Burkhard Kieker ist stolz wie Bolle. »Es ist ein Riesenkompliment, dass New York mit uns zusammenarbeitet«, sagt Berlins oberster Tourismuswerber dem »nd«, nachdem vor einigen Tagen in New York eine Kooperationsvereinbarung zwischen visitBerlin und NYC & Company unterzeichnet worden war. »New York und Berlin stehen für Internationalität, Vielfalt, Weltoffenheit und Freiheit. Unsere Städte ziehen Menschen aus aller Welt an, die neue Ideen einbringen und die wirtschaftliche Entwicklung unterstützen«, erklärt dazu Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne).

Ziel der neuen Städtepartnerschaft sei der Erfahrungsaustausch im Bereich Destinationsmanagement für eine nachhaltige Tourismusentwicklung. Dazu gehörten unter anderem Strategien zur Beratung und Vermarktung der Bezirke, heißt es in einer Mitteilung dazu.

Außerdem haben die beiden Stadtmarketingorganisationen ein gemeinsames Projekt mit der südkalifornischen Privatuniversität ArtCenter College of Design aus Pasadena vereinbart. Rund ein Dutzend Studierende sollen ab November diesen Jahres zunächst sechs Wochen in der US-amerikanischen Ostküstenmetropole verbringen und anschließend weitere sechs Wochen in der deutschen Hauptstadt. »Wir wollen Leute, die mit dem Fallschirm über Berlin abspringen«, sagt Kieker. Die Universität von Pasadena sei eine der renommiertesten ihres Fachs weltweit und die Studierenden hätten Design Thinking gelernt, so Kieker weiter. Letztlich geht es dabei darum, die Wünsche der Besucher besser zu verstehen und darauf zu reagieren. »Wir wollen von denen wissen: Was fällt euch auf, was ist komisch, was sind eure Ideen? Wir sagen denen aber nicht: Geht nach Friedrichshain und guckt, warum einige Leute zu Euch komisch sind«, erläutert der Tourismuswerber. Man erhoffe sich ungewöhnliche Ideen und Ansichten, auch zu der Frage, wie man das Verhältnis zwischen den Berlinern und ihren Gästen verbessern könne.

»Die Studenten sind gebildete Millenials - genau die Gäste, die wir haben wollen«, vergisst Kieker nicht zu erwähnen. Dann wird er grundsätzlich: »Die Aufgabe der Hauptstadt ist es, Schaufenster der Republik und gastfreundlich zu sein.« Viele Menschen kämen nach Berlin, »um ihre Magnetspäne neu auszurichten«. Kieker sagt: »Ich appelliere daran, diese Rolle auch mit Stolz anzunehmen.« Tourismusfeindliche Äußerungen hingegen zerstörten das Image der Stadt. »Das tut ihr nicht gut«, ist er überzeugt.

Kieker spielt damit vor allem auf die Forderung der LINKE-Abgeordneten Katalin Gennburg, an, die unter anderem eine Abschaffung des Tourismusmarketings fordert.

»Stadtmarketing ist ein Relikt der neoliberalen Erfindung, wonach Städte sich als Marke darzustellen und wie Unternehmen zu funktionieren hätten - das finde nicht nur ich falsch«, sagt Gennburg dazu dem »nd«. »Dass andere Städte wie Barcelona und Amsterdam das Stadtmarketing abgeschafft haben, ist Anlass, darüber zu sprechen, wofür hier Steuergelder in Größenordnung ausgegeben werden und zu fragen, warum diese Gelder nicht gleich in die öffentliche Infrastruktur, in Spielplätze und Grünflächenpflege, fließen und so Berliner*innen und Berlinreisende glücklich machen«, so Gennburg weiter.

Darauf will Kieker sich nicht einlassen: »Diejenigen bekommen die größere Aufmerksamkeit, denen das Wiederhineinwachsen in die Rolle als Weltstadt viel zu schnell geht.« Dabei schwinge Berlin sich wieder in den Normalzustand einer Metropole zurück. Durch Krieg, Teilung und die Wirtschaftskrise nach der Wiedervereinigung sei es so gewesen, als hätte jemand das Pendel angehalten, erklärt er. »Die Kräfte, die sich entfalten, sind sicher auch unangenehm, zum Beispiel für die Mieter. Es ist aber zu einfach und populistisch, das alles bei den Touristen abzuladen«, ist Kieker überzeugt.

Das empört wiederum Gennburg, die Sprecherin für Tourismus ihrer Abgeordnetenhausfraktion ist. »Dass der Chef der Berliner Tourismusagentur Gentrifizierungsprozesse hier salopp als ›Normalisierung‹ verklärt, ist angesichts der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten in Berlin und weltweit mehr als befremdlich«, findet sie. Und schließlich habe sich Rot-Rot-Grün vorgenommen, Schluss zu machen mit der Parole der Vorgängerregierung, dass es »Kein Recht auf Innenstadt« gebe. »Wir wollen ein Berlin für alle«, sagt sie.

»Wir und New York haben den gleichen Ansatz: Wir generieren keinen Massentourismus. Der Vorwurf, dass wir wie mit einem Braunkohlebagger Leute in die Stadt schaffen, stimmt nicht«, erklärt Kieker. »Wir machen kaum noch Marketing in Deutschland und Europa, dafür aber in Asien«, berichtet er.

Gennburg lässt das nicht gelten und nennt das Beispiel der geplanten Bebauung für den Checkpoint Charlie. Hier will der Eigentümer der Grundschulden der noch unbebauten Flächen, der undurchsichtige Investor Trockland, unter anderem ein Hardrock-Hotel direkt auf einen der berühmtesten ehemaligen Grenzübergänge der Welt platzieren. Rot-Rot-Grün konterte mit einem Bebauungsplanentwurf, der eine Hotelnutzung ausschließen soll. »Auch Burkhard Kieker hatte sich für die Investorenpläne eingesetzt und hier zeigt sich eben ganz plastisch, wie die Inwertsetzung und touristische Verwertung von bedeutsamen Stadträumen gegen eine inklusive und historisch sensible Stadtentwicklungspolitik gesetzt wird und sie sogar negiert«, sagt die Abgeordnete.

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