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»Sig«, ein Mensch - und Kosmonaut

Falls Vorbilder heute noch gefragt sind - Dr. Sigmund Jähn kann eines sein. Am Samstag ist er gestorben

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 7 Min.

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Sigmund Jähn besuchte im März 2019 das nach ihm benannte Kosmonautenzentrum in Chemnitz.
Sigmund Jähn besuchte im März 2019 das nach ihm benannte Kosmonautenzentrum in Chemnitz.

Nachdem die traurige Nachricht am Sonntagabend von den Medien verbreitet worden war, kam vielfache Betroffenheit zurück. Mehr oder weniger bedeutende Menschen suchten in ihren Handyarchiven nach Selfies, auf denen sie neben dem berühmten Raumfahrtpionier zu sehen sind. Weltweit, in Europa, in Deutschland, vor allem in jenem Teil, der zu Jähns »Sternstunden« noch DDR hieß, trauern Menschen um den Mann, der der erste Deutsche im All war.

Er sei ihr erster »Held« gewesen, schreiben Leute, die heute um die 50 sind. Deren Kinder fragen, ob das einer von denen war, die auf dem Mond so komisch rumgehüpft sind. Die Zeit verändert Perspektiven. Die positive Sicht auf Sigmund Jähn hält jeder kritischen Betrachtung stand.

Die meisten, die jetzt voller Hochachtung von Jähn sprechen, haben ihn nie persönlich getroffen. Doch sie fühlen sich diesem Menschen - über Bewunderung und Respekt hinaus - nah. Seit Jahrzehnten. Warum das so ist, hat der (west-)deutsche Astronaut Thomas Reiter in seinem Vorwort zu einer vor zwei Jahrzehnten von Horst Hoffmann veröffentlichten und immer noch höchst lesenswerten Jähn-Biografie zusammengefasst: »Man fragt sich, wie die Welt wohl wäre, wenn es nur gute Menschen gäbe, tolerant, umsichtig, mit großem Herzen und großer Seele.« In diesem Zusammenhang, so Reiter, sei er von zwei Dingen fest überzeugt: »Es gibt leider noch nicht genug von diesen Menschen«, aber einen habe er kennengelernt: Sigmund Jähn.

Als der am 13. Februar 1937 im vogtländischen Morgenröthe-Rautenkranz in sogenannten einfachen Verhältnissen - Vater war Waldarbeiter, die Mutter Näherin - geborene Sigmund Werner Paul Jähn acht Jahre alt wurde, ging auf Dresden ein Bombenhagel nieder. Der Junge, dem in der Schule das »Heil Hitler« eingetrichtert wurde, sah fliehende deutsche Truppen und Flüchtlingstrecks, die sich ins Ungewisse quälten. Dann kamen die Sieger, der Krieg war aus. Etwas Neues begann. Was sollte Jähn daraus machen?

In der Jugendherberge von Rautenkranz waren Flüchtlingskinder aus Ostpreußen untergebracht. Ein Junge schenkte dem »Sig« - die Kurzform seines Namens hat ihn ein Leben lang begleitet - ein Modellflugzeug. Ob das der Anfang seiner Fliegerkarriere war? Ursprünglich jedenfalls hatte er Förster werden wollen. Oder Lokführer. Aber auf keinen Fall wollte er auf eine höhere Schule wechseln. Letztlich wurde er Buchdrucker und verdiente 380 Mark im Monat.

Bei Wikipedia liest man, Jähn sei »ein deutscher Jagdflieger« gewesen. Das ist nicht falsch. Aber mit »Kollegen« wie etwa Manfred von Richthofen, Werner Mölders und Johannes Steinhoff hatte er wenig gemein. Viele Piloten eifern diesen Wehrmachtsoffizieren noch immer nach. Jähn hatte sich aus anderen Gründen zum Militär gemeldet. Das war Anfang der 1950er Jahre, die Weltmächte rüsteten sich atomar, die beiden Deutschlands standen in der Ost-West-Konfrontation auch militärisch gegeneinander. Jähn stieg als Offizier der NVA und Mitglied der SED in Flugzeuge, um zu verhindern, dass der Frieden abermals zerschossen wird. Das Überlebensmodell beider Seiten hieß Abschreckung. Es hat - obwohl so oft knapp vor dem Scheitern - seinen Zweck erfüllt.

Von 1966 bis 1970 studierte Jähn an der Militärakademie »Juri Gagarin« in Monino bei Moskau. Sechs Jahre später sammelte er abermals Wissen an einer sowjetischen Lehreinrichtung, die nach dem ersten Kosmonauten der Welt benannt war. Gemeinsam mit seinem »Double« Eberhard Köllner bereitete sich der Auserwählte unter strikter Geheimhaltung auf einen Raumflug vor.

Damals lief gerade das Interkosmos-Programm an. Es bedeutete: Die sozialistischen Staaten beteiligten sich unter Führung der Sowjetunion an der friedlichen Eroberung des Weltraums. Die DDR hatte einiges zu bieten. Nicht nur die als »Multispektakelkamera« verspottete Jenaer High-tech-Kiste, mit der sich die Erde aus kosmischen Bahnen analysieren ließ.

Die Ausbildung im »Sternenstädtchen« war eine Tortur für Körper und Geist. Doch Jähn hielt stand, wuchs mit seinen Aufgaben. Dann, am 26. August 1978, war es so weit. An der Seite seines sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski (1934-2019) startete er mit Sojus 31 zu einer einwöchigen Forschungsmission. »Wenn man den Eindruck hat, in einem Auto mit viereckigen Rädern zu sitzen und damit über Kopfsteinpflaster zu holpern, dann ist alles normal«, hatte ihn sein Ausbilder, der Fliegerkosmonaut Alexej Leonow, vorgewarnt.

Wie normal der Start lief, konnte man Jähns hintergründigem Grinsen entnehmen, wenn er im engeren Kreis davon berichtete. Und dass seine Rückkehr zur Erde so brutal war, dass er teilinvalidisiert wurde und später jahrelang die Bekanntschaft diverser Bundeswehrärzte suchen musste, ist gleichfalls eine von der damaligen sozialistischen Propaganda unbeachtete Geschichte.

Der Kosmonautenkandidat war kein Riese, keiner, der das Wort führte. Der Flug um die Erde verlangte viele andere Eigenschaften: Wissen vor allem, Verlässlichkeit, Neugier, körperliche Fitness und vor allem: Eine gehörige Portion Mut. Vor Jähn waren bereits 89 Menschen ins All geflogen. Vier sowjetische Kosmonauten konnte man nur postum ehren, auch US-Astronauten starben beim Training auf der Erde. Auch nach Jähns Flug wurde Raumfahrt nicht zum Ausflugsvergnügen. Die Opferliste verlängerte 1986, als der US-Space-Shuttle »Challenger« nur Sekunden nach dem Start zerbrach. Alle sieben Crewmitglieder starben.

So sehr Jähn den Blick auf die Erde aus kosmischen Höhen genossen hat: Er blieb erdverbunden, obwohl die DDR-Partei- und Staatsführung ihn mit Orden und Beförderungen überhäufte - nicht zuletzt, um sich selbst in Jähns Ruhm zu sonnen. Dem Kosmonauten war das Heldengerede wie jegliche Lobhudelei zuwider. Oft genug war es ihm peinlich, wenn Brigaden aus Betrieben oder Schulen darum baten, seinen Namen tragen zu dürfen. Umso mehr bemühte er sich, mit ihnen auf menschlicher Ebene in Kontakt zu bleiben. Auch zu Journalisten pflegte er stets ehrliche Kontakte.

Er wollte nicht im Vordergrund stehen, konnte es aber doch nicht vermeiden, zu vielen Gelegenheiten Mittelpunkt des Interesses zu sein. Offiziell war er plötzlich Inbegriff der »Sieghaftigkeit des Sozialismus«. Er avancierte zum Volkshelden. Doch er gab dafür, auch das zeichnet ihn aus, niemandem die Schuld. Im Grunde habe er sich »freiwillig vereinnahmen« lassen, da er das gesellschaftliche System der DDR bejaht habe und sich für die Sache eines menschlichen Sozialismus habe engagieren wollen, bekannte er später.

Mit dem Ende der DDR wurde Jähn, damals im Range eines NVA-Generalmajors, entlassen. Er war damit ein in fremden Streitkräften Gedienter, wurde also für die Tradition der »neuen« deutschen Armee nicht für würdig befunden. Man stelle sich nur einem Moment vor, die Bundeswehr hätte angefragt, ob sie nicht eine Luftwaffenschule nach ihm benennen könne … absurder Gedanke - auch für Jähn.

Dass er als weltraumerfahrener Zivilist wieder Tritt fassen konnte, hat er seinem vogtländischen Landsmann Ulf Merbold zu verdanken. Der Mann, der 1983 als zweiter Deutscher ins All flog, hatte einst die DDR aus politischen Gründen verlassen. Er holte Dr. Jähn als Berater ins heutige Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Europäischen Weltraumorganisation ESA. Das ermöglichte Jähn auch, den Kontakt zu seinen russischen Freunden und Raumfahrerkollegen aufrecht zu erhalten. Die empfingen den »Mann aus dem Westen« mit offenen Armen und richteten ihm in Sternenstädtchen ein Büro ein. Von hier aus unterstützte er in den 90er Jahren deutsche Astronauten bei der Vorbereitung auf ihre Arbeit in der russischen Raumstation MIR. Als das Programm auslief, hätte Jähn sich mit seiner Frau in sein Wochenendhaus in der vogtländischen Heimat zurückziehen und warten können, dass die beiden Töchter samt Enkeln zu Besuch kommen. Doch er war weiter als Fachmann gefragt.

Darüber hinaus machte ihm die Gefährdung des Friedens durch die neue Konfrontationspolitik des Westens gegenüber Russland, Sorgen. 2014 wurde der Appell »Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!« veröffentlicht. Die Bundesregierung, hieß es darin, müsse ihrer Verantwortung für eine neue Entspannungspolitik gerecht werden. Wer nur Feindbilder aufbaue und mit einseitigen Schuldzuweisungen hantiere, verschärfe die Spannungen »in einer Zeit, in der die Signale auf Entspannung stehen müssten«. Berlin, so die Forderung, solle in der verfahrenen Situation »auch weiterhin zur Besonnenheit und zum Dialog mit Russland« aufrufen. Denn: »Das Sicherheitsbedürfnis der Russen ist so legitim und ausgeprägt wie das der Deutschen, der Polen, der Balten und der Ukrainer.« Zu den Unterzeichnern der Resolution gehörten Ex-Bundespräsident Roman Herzog, Altkanzler Gerhard Schröder, die ehemaligen Bundesminister Erhard Eppler, Herta Däubler-Gmelin, Otto Schily und Hans-Jochen Vogel, Wirtschaftsbosse, Künstler, Kirchenleute - und ein Fliegerkosmonaut: Sigmund Jähn. Ein Mann, der sich auch politisch treu geblieben war. Es war eine Ehre, ihn zu kennen!

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