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In der Kneipe über Abtreibung reden

Sexualpädagoginnen aus Berlin haben sich auf ungewöhnliche Art an der Aktionswoche vor dem International Safe Abortion Day beteiligt

  • Von Lisa Winter
  • Lesedauer: 5 Min.

22.000 Menschen sterben jedes Jahr an einer unsicheren Abtreibung, wie das Büro der Hohen Kommissarin für Menschenrechte der Vereinten Nationen nun mitteilte. Schwangere stechen sich mit Nadeln in den Bauch oder führen sich Kleiderbügel ein, um ungewollte Schwangerschaften zu beenden. Ein Grund dafür ist, dass viele Staaten Abbrüche verbieten und bestrafen. Darauf aufmerksam machte vergangenen Samstag, wie jedes Jahr am 28. September, der International Safe Abortion Day – zu Deutsch: Internationaler Tag zur Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen.

Auch in Deutschland fanden in 35 Städten laut dem Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung 50 Aktionen statt. Darunter war eine Demonstration in Hamburg, eine Lesung mit der Frauenärztin Kristina Hänel in Erfurt und ein Kleiderbügel-Flashmob in Freiburg. In Berlin ging pro youth, das Jugendpartizipationsprojekt des Berliner Landesverbands Pro Familia, auf eine Kneipentour. Im Interview erklären drei Sexualpädagoginnen, weshalb es höchste Zeit ist, die Jugend stärker einzubeziehen.

Mit pro youth haben Sie in der Aktionswoche eine Kneipentour mit Quiz zum Thema Schwangerschaftsabbrüche veranstaltet. Ist dieses Format angemessen für solch eine ernste Angelegenheit?

Sonja: Ja, denn bei einer Kneipentour können wir niedrigschwellig mit jungen Leuten über das Thema Schwangerschaftsabbruch ins Gespräch kommen, aufklären und informieren.

War das erfolgreich?

Taina: Alle, die wir in den Kneipen angesprochen haben, hatten Lust, sich mit uns über das Thema Schwangerschaftsabbruch auszutauschen. Ein Paar hat uns beispielsweise erzählt, wie es seinen Schwangerschaftsabbruch gemeinsam erlebt hat. Andere Frauen haben von den Hürden erzählt, die ihnen vor ihrem Abbruch in den Weg gelegt wurden. Wir haben viele positive Rückmeldungen erhalten. Viele sagten uns, sie finden es toll, dass wir mit diesem Thema auf die Straße gehen.

Was ist Ihnen in den Gesprächen besonders aufgefallen?

Taina: Die meisten wussten nicht, dass Schwangerschaftsabbruch nach wie vor eine Straftat ist, die nach Paragraf 218 Strafgesetzbuch mit bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft werden kann. Straffrei bleibt ein Abbruch gemäß Paragraf 218a nur, wenn die schwangere Person sich vorher hat beraten lassen, der Eingriff von einem Arzt vorgenommen wird und seit der Empfängnis nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sind. Mich hat es sehr berührt zu erleben, wie gut man sich über dieses Thema in einer Bar unterhalten kann. Das zeigt, wie groß der Bedarf für Austausch ist.

Wie kommen Sie an allen anderen Tagen im Jahr mit jungen Menschen ins Gespräch?

Sonja: Wir geben Workshops an Schulen, betreuen Straßenstände und organisieren Info-Veranstaltungen. Bei sexueller Bildung ist Schwangerschaftsabbruch ein wichtiges Thema. Viele junge Leute denken zum Beispiel, dass die Pille danach bereits ein Schwangerschaftsabbruch sei, was sie jedoch nicht ist: Maßnahmen vor der Einnistung der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter gelten vor dem Gesetz nicht als Schwangerschaftsabbruch. Wir holen die Jugendlichen an ihrem jeweiligen Wissensstand ab, klären über die rechtliche Situation auf, informieren über verschiedene medizinische Möglichkeiten für Schwangerschaftsabbrüche und sagen ihnen, wo sie Hilfe bekommen können. Bei den Gesprächen mit den jungen Menschen fällt mir oft auf, dass der Begriff Schwangerschaftsabbruch emotional total aufgeladen und tabuisiert ist.

Warum ist das so?

Lyza: Solange Sex im Allgemeinen schambehaftet ist, sind das auch Schwangerschaft und Abbruch. Selbst einige Politiker*innen haben Angst, die ersatzlose Streichung der Paragrafen 218 und 219a zu fordern. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will ja eine Studie zu psychischen Folgen von Schwangerschaftsabbrüchen durchführen lassen. Bei all dem herrscht ein voreingenommener Blick auf Frauen vor, der ignoriert, dass viele auch nach dem Abbruch hinter ihrer Entscheidung stehen. Stattdessen müsste besser einmal erforscht werden, inwiefern es gesellschaftliche Stigmatisierung und konservative Diskurse sind, die zur psychischen Belastung der Schwangeren führen, die im Konflikt sind.

Wie können Schwangerschaftsabbrüche enttabuisiert werden?

Lyza: Durch Kampagnen wie den Safe Abortion Day und die Arbeit der Pro Choice-Bewegung ist das Thema bereits präsent. Nun muss ein gesellschaftlicher Prozess stattfinden und schwangere Personen müssen frei über ihren Körper entscheiden können. Dafür müssen Paragraf 218 und 219a gestrichen werden.

Taina: Wir brauchen eine ganzheitliche sexualpädagogische Aufklärung. Wenn man über Schwangerschaft spricht, muss man auch über Schwangerschaftsabbruch sprechen.

Welche Ideen dazu habt ihr und was braucht ihr dafür?

Taina: Als sexualpädagogisches Projekt, durch das sich Jugendliche einbringen sollen, sprechen wir in unseren Workshops zwar auch über Schwangerschaftsabbrüche, aber das ist meistens nur ein Thema von vielen. Um Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen, wäre es schön, ganze Unterrichtseinheiten gestalten zu können, in denen auch gesellschaftliche und psychosoziale Aspekte des Themas mehr beleuchtet werden könnten. Leider sind wir bislang aber nur ein sehr kleines Projekt und uns fehlt oft die Zeit. Es wäre toll, wenn es standardmäßig Projekte und Lehrkräfte an Schulen gäbe, die sich dem widmen könnten, um alle Facetten des Themas zu besprechen.

Auch fundamentalistische Abtreibungsgegner wollen neuerdings verstärkt junge Menschen erreichen. So fand kürzlich in Berlin ein Kongress der Jugendorganisation des Vereins Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) statt. Dort erklärte unter anderem ein Jurist, wie man Einfluss an Hochschulen gewinnen könnte. Wie erfolgreich ist diese Jugendarbeit bisher?

Taina: Wie man beim sogenannten Marsch für das Leben vergangenen Samstag sehen konnte, waren dort bereits sehr viele junge Menschen. Auch einige, die nicht religiös oder konservativ aussehen. Man kann jemandem seine Einstellung zwar nicht ansehen, aber das klassische Bild von Abtreibungsgegnern als alten weißen Männern mit Kruzifixen ist definitiv überholt. Die Bewegung ist sehr medienwirksam und hat sich in sozialen Netzwerken ihre Plattform geschaffen. Außerdem scheinen sie gut vernetzt und organisiert zu sein. Sie versuchen auch, den Feminismus-Begriff für sich zu reklamieren. So heißt es beispielsweise auf einem Meme, also einer Art Sticker, den Abtreibungsgegner*innen im Netz verbreiten: »Eine echte Feministin würde für die Rechte der ungeborenen Mädchen kämpfen.«

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