Weg von der Straße durch Housing First

Das Modellprojekt für Wohnungslose zieht nach einem Jahr Bilanz und ist erfolgreicher als gedacht

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 4 Min.

Maria Schneider ist den Tränen nahe, als sie von ihren Problemen erzählt, in Berlin ein eigenes Dach über dem Kopf zu finden. »Ich habe in Notunterkünften gelebt, zwischendurch auch in einem Wohnheim, aber dort musste ich wieder raus, weil es so schlimm war«, sagt sie. Die Attacken vieler psychisch kranker Bewohner, die ihr dort das Leben schwer gemacht hätten, werde sie nie vergessen. Aber auch in der Notunterkunft sei es nicht viel besser: »Ich halte es dort nicht länger aus«, so Schneider.

Das muss sie auch nicht. Seit vergangenem Mittwoch hat die wohnungslose Frau ein eigenes Dach über dem Kopf. Maria Schneider ist einer von 35 Menschen, die über das Modellprojekt Housing First eine Wohnung gefunden haben. »Housing First ist die Rettung«, sagt sie. Am Montag wurde die Jahresbilanz des Modellprojekts vorgestellt. »Es ist eine tolle Chance für viele Frauen.« Insbesondere das Beratungs- und Unterstützungsangebot weiß Schneider zu schätzen. »Ich finde es toll, dass man immer einen Ansprechpartner hat, wenn man ihn braucht, zum Beispiel bei Behördengängen.«

Wie wichtig das ist, musste sie in den vergangenen Wochen am eigenen Leib erfahren: Fast hätte sie ihre neue Wohnung wieder verloren, weil das Jobcenter, das die Kosten für die Miete übernimmt, Probleme machte. Kein Einzelfall, wie Sozialarbeiterin Stefanie Albig weiß: »Die Zusammenarbeit mit den Jobcentern muss unbedingt besser werden«, fordert sie. Manche Frauen würden nach Monaten immer noch auf ihre Kaution warten. »Es kann nicht sein, dass wir die Menschen von der Straße holen und diese dann Gefahr laufen, ihre Wohnung zu verlieren, weil die Gelder nicht kommen.«

Seit Oktober 2018 gibt es das bundesweit einmalige Modellprojekt, durch das auf der Straße lebende Menschen ohne Bedingungen, also ohne dass sie etwa ihre Schulden oder ihre Sucht in den Griff bekommen müssen, eine eigene Wohnung erhalten. 143 000 Euro wurden dafür im letzten Jahr zur Verfügung gestellt, 580 000 sind es allein in diesem Jahr.

Sozialsenatorin Elke Breitenbach (LINKE) sprach am Montag von einem großen Erfolg, mit dem angesichts des angespannten Wohnungsmarkts in Berlin niemand gerechnet habe. Housing First sei ein wichtiger »Paradigmenwechsel« im System der Wohnungslosenhilfe. »Die Menschen auf der Straße sind den ganzen Tag damit beschäftigt, irgendetwas zu organisieren«, so Breitenbach. Sei es auf der Suche nach etwas zu essen, zu schlafen oder auch nach der nächsten Toilette. »Das schöne an Housing First ist, dass sie dadurch einen Ort haben, wo sie über solche Sachen nicht mehr nachdenken müssen und zur Ruhe kommen können.«

Ist dieser erste Schritt geschafft, geht es darum, dass die Betroffenen in ihren Wohnungen auch Fuß fassen und ihr Leben in die Hand nehmen können. Dafür gibt es ein freiwilliges Unterstützungsangebot, das von der Begleitung bei Behördengängen oder beim Einkaufen bis hin zu Therapieangeboten reicht. »Die meisten nehmen das Angebot an«, sagt Sozialarbeiterin Albig. Einige Frauen hätten Therapien angefangen, andere würden Sprachkurse besuchen und auch eine Ausbildung habe schon vermittelt werden können.

Die Nachfrage übersteigt das Angebot jedoch bei weitem: Von über 140 Anfragen hat das Projekt Housing First für Frauen lediglich 40 aufgenommen. Generell steht das Modellprojekt Menschen jeglichen Geschlechts offen, solange sie alleinstehend und seit mindestens einem Jahr wohnungslos sind. Voraussetzung ist jedoch, dass die Finanzierung der Miete gesichert ist, sei es über Transferleistungen oder eigenes Einkommen. Wer keinen Anspruch auf Sozialleistungen hat, wie die meisten osteuropäischen Obdachlosen, fällt raus.

Dass das Projekt angesichts Zehntausender Obdachloser in Berlin nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist, weiß auch die Senatorin: »Aber wenn es darum geht, die Menschen von der Straße zu holen, sind 80 schon eine ganze Menge.« Wie es weitergeht, wenn das Ziel der 80 Wohnungen erreicht ist und die drei Jahre verstrichen sind, ist noch unklar: »Seit gestern liegt der Evaluationsbericht vor. Der wird jetzt ausgewertet und geschaut, ob das Projekt noch ausgeweitet werden und in Zukunft eine normale Maßnahme der Wohnungslosenhilfe sein kann«, so Breitenbach.

Für die Ex-Wohnungslose Schneider ist klar: »Das Projekt muss erhalten und weiter ausgebaut werden.«

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