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Ein feministischer Sieg bei der Leichtathletik-WM

Eine neue Kamera-Einstellung filmte ihnen in den Schritt: Dagegen haben sich die deutschen Sprinterinnen erfolgreich gewehrt.

  • Von Lou Zucker
  • Lesedauer: 3 Min.

Schalten Sie mal Ihr Handy auf Selfie-Modus, legen es auf den Boden und hocken sich darüber. Wie gerne würden Sie das Bild, das jetzt auf Ihrem Handy-Display zu sehen ist, im Fernsehen übertragen lassen? Genau, gar nicht. Die deutschen Sprinterinnen Gina Lückenkemper und Tatjana Pinto sind am Sonntag zwar bei der Leichtathletik-WM in Doha im Halbfinale ausgeschieden, haben zugleich aber einen feministischen Erfolg erzielt. Sie haben sich nämlich gegen den neusten Einfall der männerdominierten Sportwelt zur Wehr gesetzt: Die Startblock-Kameras, welche die Athlet:innen vor dem Start von unten filmen.

Das Ganze erinnert an das sogenannte Upskirting, das heimliche Fotografieren unter Röcke, das in Großbritannien neuerdings mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden kann. »Ey Leute. Wir in diesen kurzen Sachen müssen da immer drüber steigen, das ist ziemlich unangenehm!«, sagte Lückenkemper im ARD-Sportschau-Interview. Das Video wurde in den sozialen Medien oft geteilt. Auch Pinto findet: »Das ist eine ganz fragwürdige Position.« Die Sportlerinnen waren über die neuen Kameras offenbar nicht informiert.

Lückenkemper bringt es auf den Punkt, wenn sie sagt: »Ob da 'ne Frau an dieser Blockentwicklung dran beteiligt war, wage ich ehrlich gesagt zu bezweifeln.« Auch männliche Athleten werden von den »upper cameras« gefilmt. Doch für Frauen und Menschen, die selbst schon sexuelle Belästigung erfahren haben, muss das Gefühl ein besonders unangenehmes sein. Eine Frau im Planungsteam der neuen Startblöcke hätte das sicher bedacht.

Die Ignoranz von Männern gegenüber diesem Problem wird gleich darauf im Sportschau-Interview deutlich. Moderator Claus Lufen fragt Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann: »Frank, darf man sich von diesen Kameras irritieren lassen?« Buschmann urteilt: »Nee, darf man nicht. Aber Gina macht's gerade, und das sind dann diese 1, 2 Hundertstel, die dadurch liegen bleiben.«

Die Kameras stehen exemplarisch für zwei Probleme der Sportwelt: Sie zeigen konkret, was passiert, wenn es in entscheidenden Positionen an Diversität mangelt. Außerdem hinterlassen sie den Eindruck, dass es für Sportlerinnen immer noch nicht ausreicht, einfach ihren Job zu machen. Für die Vermarktung muss offenbar immer eine Spur Sexyness an den Haaren herbeigezogen werden - auch ohne die Zustimmung der Athletinnen.

Doch Lückenkemper und Pinto haben sich erfolgreich gewehrt - so wie britische Frauen gegen das Upskirting. Sie beschwerten sich beim Deutschen Leichtathletikverband, dieser legte Beschwerde beim Leichtathletik-Weltverband ein. Ab jetzt sollen die Bilder erst übertragen werden, wenn die Sportler:innen sich bereits in den Blöcken installiert haben. Während sie über die Kameras steigen, werden die Bilder geschwärzt, es sind nur ihre Gesichter und Knie zu sehen. Nach 24 Stunden sollen die Bilder gelöscht werden. »So werden wir zwar in den Schritt gefilmt, aber es bekommt keiner zu sehen«, kommentierte Lückenkemper die Entscheidung gegenüber dpa. »Darauf müssen wir an der Stelle vertrauen.«

Dass es überhaupt in so kurzer Zeit zu einer Änderung kam, ist neben dem Halbfinale ihr und Pintos Gewinn bei dieser Leichtathletik-WM. Ein Sieg, der vielen Anderen zugute kommt.

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