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Es wird schon gehen … irgendwie

Die Austeritätspolitik beflügelt ein Wort, das beschreibt, dass Arbeitnehmer leistungsfähig sein müssen, auch wenn sie in ihrer Branche unterbesetzt sind

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es fehlt an Erziehern, es fehlt an Pflegepersonal. Aber irgendwie geht es immer alles gut.
Es fehlt an Erziehern, es fehlt an Pflegepersonal. Aber irgendwie geht es immer alles gut.

Mehr als 100.000 Erzieher wären in deutschen Kitas notwendig. So sagt es jedenfalls eine Studie, die die Bertelsmann Stiftung in Auftrag gab. Der Personalmangel erschwert die (früh-)kindliche Förderung und belastet die Mitarbeiter schwer. Irgendwie stemmen sie es trotzdem. Wenn sie erkranken, kommen sie trotzdem irgendwie zum Dienst. Und wenn es auch mal zu viel wird in der Einrichtung: Es geht ja immer irgendwie gut.

Dasselbe Phänomen haben wir in der Pflege. Zu viele Patienten für zu wenig Pflegekräfte: Irgendwie muss es aber gehen, Aufschub gilt nicht, Patienten sind eben kein Wellblech oder ein Fetzen Jeansstoff, den man in die Ecke werfen kann, wenn einem die Arbeit gerade zu viel wird. Der Betriebsablauf muss weitergehen. Irgendwie. Man muss funktionieren. Irgendwie. The Show must irgendwie go on: Auch unterbesetzt, auch nicht ganz gesund und auf die Gefahr hin, sich selbst zu schaden.

Irgendwie ist das auch bei der Bahn, auch im ÖPNV so. Alles läuft auf Verschleiß, es fehlen Lokführer, Busfahrer und Triebführer für U- und S-Bahnen oder Tram. Servicepersonal ist rar. Investitionen sind noch rarer. Aber irgendwie muss das alles reichen, muss sich das spärliche Personal zerreißen. Die Fahrgäste scheinen sich irgendwie damit arrangiert zu haben. Sie kalkulieren Verspätungen großzügig ein – als sei das irgendwie die normalste Sache der Welt, dass man eine großzügige Karenzzeit berücksichtigt, wenn man mit der Bahn reist.

Selbst die Polizei, der Zoll und die Ordnungsämter beklagen sich, auch ihnen fehlt es an Personal. Speziell der Zoll hat mehrere neue Aufgaben übertragen bekommen, die er irgendwie mit weniger Kollegen stemmen muss. Wie man liest, fehlt es Polizisten an Material, teilweise bringen sie sich selbst Gürtel und Taschenlampen mit zum Dienst, damit sie irgendwie arbeiten können. Ähnlich läuft es wohl vor deutschen Gerichten. Zu viele Fälle, zu wenige Richter. Aber irgendwie klagt ja immer jemand, was heißt, dass irgendwie Justiz gesprochen werden muss.

Tut mir ja leid, dass ich irgendwie dauernd das Wörtchen irgendwie einschiebe. Ich weiß freilich, dass Wiederholung beim Lesen langweilt. Nur ist dieses Adverb in unseren Zeiten eigentlich kein Umstandswort mehr - sondern mehr so ein Modewort. Ein unspezifisches, nicht näher definierendes Nebenwort, dass die Malaise der Sparpolitik passend wie kein anderes auf den Punkt bringt. Es macht eine schlechte Gesamtsituation nicht nur als einen Zustand des Mangels kenntlich, sondern eben auch als einen Umstand, den die letzten verbleibenden Arbeitskraftressourcen mit ausbeuterischen Mehreinsatz ausgleichen müssen.

Fast scheint es so, als wähle man dieses Umstandswort nur, weil es so Umstände macht, wenn man mit seinen letzten Reserven auffangen muss, was die Sparsamkeit verbrochen hat. Irgendwie muss es ja schließlich weitergehen, irgendwie müssen Patienten versorgt, Kinder betreut oder Fahrgäste befördert werden. Es tut mir ja wie gesagt irgendwie auch leid, dass ich mich wiederhole – aber irgendwie müssen wir da jetzt alle durch.

Denn wir haben es mit der wörtlichen Quintessenz einer gleichgültigen Sparmentalität zu tun, die uns allen schadet. Und es beinhaltet nicht durch eine Strategie derer, die Personal abbauen und Material veralten lassen. Es deutet an, wie sich die verbliebenen Arbeitnehmer sorgen, wie sie einsehen, dass sie ihr Soll nicht mehr richtig erfüllen können. Die Sparfüchse machen sich darüber keine Gedanken, die Übriggebliebenen sollen halt mal machen – irgendwie. Sie werden es schon richten.

Sucht man im Synonymwörterbuch nach Alternativen zu irgendwie, bekommt man genannt: Auf die eine oder andere Weise, gleichgültig wie, egal wer oder x-beliebig. Das fasst deutlich zusammen, wie man sich Austerität denkt: Durchwursteln, ihr schafft das schon, macht mal. Wie konkret ihr das macht, das ist egal, irgendwie wird euch schon irgendwas einfallen. Außer Mehrarbeit, Überstunden oder verschleppte Krankphasen kommt dabei aber meist nichts heraus. Irgendwie nur Selbstausbeutung. Wenn man überlastet ist, hat man irgendwie keine guten Ideen.

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