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Was, du sammelst Geruchsmelodien?

Hinter den Kulissen der DDR: Sebastian Guhr teilt die Menschen in Untergründige und Oberflächliche

  • Von Silvia Ottow
  • Lesedauer: 3 Min.
Sebastian Guhr
Sebastian Guhr

Yvette Gruentner aus Gangolfsömmern bei Sömmerda hat ein seltsames, abgefahrenes Hobby: Das Mädchen aus der 7. Klasse sammelt Geruchsmelodien. Zu diesem Zweck konstruiert sie in den 80er Jahren in der DDR eine Fleischblume aus den Köpfen toter Katzen. Eines schönen Tages tritt sie mit ihrer Schwester Antje und dieser Erfindung sogar vor den Gangolfsömmernern auf. Die hatten eine besondere Interpretation sozialistischen Liedgutes erwartet und nicht diese widerliche Mischung aus Gestank und Kakophonie. Kein Wunder, dass sie angesichts einer solchen Kadaverkunst blankes Entsetzen erfasst. Eines sei vorweggenommen: Der Autor sieht kein Happy End für Yvette und ihre krude Forschung in seinem Roman vor. Aber welches Schicksal der einsamen Geruchsfetischistin vorbehalten ist, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Es steht auf Seite 170, und da ist man als Leserin ganz schnell, weil es mit jedem Umblättern absonderlicher, aber auch spannender wird.

Sebastian Guhr, 35 Jahre alt, ist ein Berliner Autor, der 2018 den Blogbuster-Preis der Literaturblogger erhielt. In diesem Jahr wird er bereits zum dritten Mal verliehen. Dem Gewinner winkt jeweils ein Autorenvertrag mit einem Verlag. Der diesjährige Preisträger wird sein Werk 2020 bei Eichborn veröffentlichen.

Guhrs Buch erschien jetzt im Verlag Kein & Aber - ein handliches Büchlein, das womöglich Literaturblogskeptiker zu einem Besuch im Netz anzustacheln vermag. Umgekehrt dürfte die Erfahrung mit dem gedruckten Buch den Autor stärken, der bisher mit diesem Medium fremdelte und darauf wartete, dass die potenziellen Leserinnen und Leser seine Texte schon irgendwie finden würden - so wie Yvette und ihre Schwester Antje in seinem Buch unter Gangolfsömmern eine geheimnisvolle Tunnelwelt fanden.

Es handelt sich gewissermaßen um eine leere unterirdische Ebene, aus der es zu jedem Haus ein eigenes Treppchen gibt. Antje, die ältere der beiden Gruentner-Schwestern, erzählt uns, wie sie aus der Sicherheit der Unterwelt ihre Mitmenschen in der Oberwelt belauscht. So kommt sie hinter die Lügen des Abschnittsbevollmächtigten (ABV), die Verhörmethoden des Staatssicherheitsdienstes oder die Betrügereien in einer Ehe. Auch die Tageszeitung »Neues Deutschland« wird erwähnt. Der ABV Worgitzky liest darin, während er in seiner Wellblechbaracke sitzt.

Doch die wenigsten Menschen, in deren Lebenswelt Antje Gruentner eindringt, haben Kenntnis von den Dingen, die sich im Nachbarhaus abspielen; die meisten wollen überhaupt nichts davon wissen. Das Mädchen teilt sie in »Untergründige« und »Oberflächliche« ein. So beschäftigt ist sie mit ihren Dossiers und Beobachtungen, dass sie beinahe das Ende des politischen Systems der DDR verpasst. Doch schnell stellt sich heraus: Die neue Zeit hat ebenso viele Oberflächliche und ebenso wenige Untergründige, die hinter die Kulissen der Dinge schauen möchten.

Geschickt und absolut unaufdringlich verknüpft der sprachgewandte Guhr hier eine durch und durch verschrobene Geschichte mit einer philosophischen Ebene. Was anfangs nur verzwickt und ungewöhnlich zu sein scheint, greift am Ende tief in das Leben von Yvette und Antje ein, die Gangolfsömmern eines Tages verlassen und lediglich für das große Finale, das zum schrecklichen Fiasko gerät, hierher zurückkehren. Wer Gangolfsömmern übrigens auf der Landkarte sucht, wird nicht fündig. Aber einen Ort namens Gangloffsömmern gibt es. Ein Zufall?

Sebastian Guhr: Die langen Arme. Kein & Aber, 172 S., br., 17 €.

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