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Die Ankunft des pummeligen Messias

Peter Bremers »junger Doktorand« weckt die höchsten Erwartungen

Seit gut 28 Jahren liefert Jan Peter Bremer stetig neue Kurzromane. Er selbst nannte sie einmal »Bonsairomane«, in denen er dem Bürger die Narrenkappe immer wieder aufs Neue über den Schädel stülpt. Manche halten ihn deshalb für einen kleinen Kafka oder Walser (Robert), der Klappentextdichter seines neuen Werks »Der junge Doktorand« adelt ihn gar zu einem schreibenden Charlie Chaplin. Das ist gewiss viel zu kurz gegriffen und ein weiteres Beispiel für die gnadenlose Geistlosigkeit vieler Literaturbetriebler*innen.

Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand.
Berlin- Verlag, 176 S., geb., 20 €.

Bremer wird es wahrscheinlich Wurscht sein. Denn er weiß ganz genau, was er schreibt. Seine Sätze sind ausgewogene Kompositionen, die uns Leser wie eine gute Unterhose im Winter einmummeln und in Sphären fluffiger Beschlagenheit katapultieren (in Zeitlupe).

War man in Bremers früheren Romanen oft in abstrakten Welten unterwegs, so ist er inzwischen in der Wirklichkeit angelangt. Und er hat in seinem neuesten kleinen Glanzstück »Der junge Doktorand« einen spannenden Plot zu bieten. Was noch bemerkenswerter ist: Es ist ein Buch mit Haltung.

Bremer erzählt einen Tag im Leben des erfolglosen Provinzmalers Günter Greilich samt dessen frustrierter Frau Natascha und des jungen Menschen Florian. Dieser ist für die beiden Greilichs aus unerklärlichen Gründen »der junge Doktorand« und soll Günter Greilichs fast vergessener Kunst zu neuem Ruhm verhelfen. Seit zwei Jahren warten die Greilichs schon auf diesen Messias, der immer wieder seinen Besuch angekündigt hat. Doch immer wieder kam bei ihm etwas dazwischen. Mal fiel er in Spanien vom Pferd, mal wurde seine Freundin plötzlich krank, mal war es die heillose Weltlage, die ihn vom Besuch abhielt.

In der beiden Greilichs Wahn- und Wunschvorstellungen wuchs der junge Doktorand zu unermesslicher Größe. Diese Erwartungen wollen nun so gar nicht zu dem pummeligen Männchen passen, das alle paar Minuten auf seinem rätselhaften Taschentelefon ohne Tasten herumwischt.

In feinen szenischen Dialogen berichtet Bremer von den in der Routine des Alltags erloschenen Sehnsüchten und Träumen des Künstlerpaars. Für Natascha ist Florian eine Art Jungbrunnen, der ihr die Würde zurückzaubern soll. Für Günter soll er der Schüler und Freund werden, den er Zeit seines Lebens suchte.

Doch auch Florian ist nicht frei von Zweifeln. Seine Mutter hält ihn für einen begnadeten Künstler. Er lebt im fernen Berlin von ihrem Geld, findet sein Glück aber in einer Sprachschule, wo er Geflüchteten Deutschunterricht gibt und einen von ihnen zu Hause aufgenommen hat.

Im letzten Drittel geht es ans Eingemachte. Florian kann nicht mehr an sich halten, und die beiden Greilichs bekommen es mit der Wahrheit zu tun: »Das heißt Geflüchtete, nicht Flüchtlinge!«

Selten ist in diesem Leseherbst ein Buch so nah am Puls der Wirklichkeit wie Bremers »Doktorand«, dem ich sofort jeden Preis zuschanzen würde.

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