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Sozialismus im Weltraum

Neben seinem neuen Roman »Neptunation« liefert Dietmar Dath 1000 Seiten Science-Fiction-Theorie

An den Science-Fiction-Film »Eolomea« von 1972 mit Cox Habbema in der Hauptrolle dürften sich vor allem ältere Semester erinnern. In Dietmar Daths neuem Roman »Neptunation« ist ein Raumschiff nach dem legendären DEFA-Film benannt, der als Highlight auch in der Berlinale-Retrospektive 2017 zu sehen war.

Dietmar Dath: Neptunation.
Fischer Tor, 688 S., br., 16,99 €.
Dietmar Dath: Niegeschichte. Science Fiction als Kunst- und Denkmaschine.
Matthes & Seitz, 1000 S., geb., 30 €.

Die »Eolomea« in Daths Roman fliegt mit Kommandantin Alexandra Burkhard weit hinaus ans äußere Ende unseres Sonnensystems, in die Nähe des Neptun - ähnlich wie die sozialistischen Helden in der DEFA-Produktion. Das Raumschiff »Eolomea« in Daths Roman war Teil eines Weltraumkommandos, das kurz vor Ende des Realsozialismus ins All geschickt wurde und sich im Asteroidengürtel teilte.

Gestartet waren die Teilnehmer der großen Mission in den 1980er Jahren auf einem gigantischen Raumschiff namens »Iwan Jefremow«, benannt nach einem der bedeutendsten Science-Fiction-Autoren der Sowjetunion. Denn die UdSSR war neben der DDR bei einem ambitionierten interplanetaren Weltraumprogramm dabei, das den Ausgangspunkt für Dietmar Daths fast 700-seitigen Roman bildet, der zugleich die Fortsetzung seines 2017 erschienenen Buches »Der Schnitt durch die Sonne« ist, aber auch unabhängig davon gelesen werden kann.

Im Asteroidengürtel lieferten sich die Kosmonauten aus Daths Roman massive Grabenkämpfe. Ein Teil der Besatzung der »Iwan Jefremow« blieb auf den Asteroidenfelsen und baute dort im Lauf von drei Jahrzehnten eine sozialistische Hochtechnologie-Zivilisation auf. Diejenigen, die mit diesen ziemlich realsozialistisch wirkenden Dysoniki, wie sich die Asteroidengürtelbewohner nennen, nicht zurechtkamen, flogen weiter hinaus mit der »Eolomea«.

Erzählt wird diese Geschichte linker Spaltungen im Weltraum aus Sicht einer Gruppe von Astronauten, die in unserer jetzigen Zeit in den Kosmos fliegen, um der jahrelang geheim gehaltenen sozialistischen Mission zu folgen. Das sind neben dem chinesischen Kommandanten, einem süddeutschen Linguisten, einem Bundeswehrsoldaten und einer geheimnisvollen Frau, die im Lauf der Jahrzehnte nicht zu altern scheint, auch Figuren, die schon in Daths letztem Roman durchs Sonnensystem reisten.

Dabei geht es nicht nur um wissenschaftliches Interesse an der verschollenen Mission, sondern auch um die Reaktion auf einen Angriff aus dem Weltraum: Denn im Asteroidengürtel kam es erneut zu einem Putsch im Zuge dessen Killerdrohnen auf die Erde geschickt wurden. Aber schließlich finden die Sozialisten im Asteroidengürtel und die multinationale Mannschaft des bundesdeutsch-chinesischen Raumschiffs zu einer friedlichen Koexistenz und teilen ihr Wissen. Denn die in den 80ern gestarteten Kosmonauten verfügen über unglaubliche technologische Fähigkeiten. Durch biotechnologische Selbstoptimierung haben sie ihre Sinnesorgane und Gliedmaßen multipliziert, unzählige Fabriken auf Asteroiden errichtet, zwischen denen sie hin- und herfliegen, eine ganze Spezies hybrider Menschenwesen gezüchtet, und sie stehen in Kontakt zu einer Art feinstofflicher Lebewesen, die ihnen dienstbar sind.

In dieser von Dietmar Dath großartig und spannend in Szene gesetzten fantastischen Kulisse entbrennt besagter Kampf verfeindeter politischer Fraktionen, in denen ein Alter Ego Trotzkis ebenso vorkommt (und sogar mit einem Pickelstoß in den Kopf ermordet wird) wie ein realpolitischer Lenin. Doch bei aller unglaublichen Technologie wirken die Sozialisten im Asteroidengürtel mitunter etwas bieder. Die Mannschaft der »Eolomea«, die in die Außenzonen des Sonnensystems vordringt, gibt sich mit dem autoritären Sozialismus nicht zufrieden und begibt sich auf die Suche nach einem anderen, besseren Leben, wohin ihnen das irdische Raumschiff folgt.

In »Neptunation« finden sich zahlreiche Anspielungen und Zitate des Science-Fiction-Genres, von Iwan Jefremow über Robert Heinlein bis hin zu zahlreichen Filmen, über die die Besatzung des irdischen Raumschiffs auf ihrem Flug zum Neptun eifrig im raumschiffeigenen Filmclub debattiert.

Mit der Geschichte der Science Fiction setzt sich der 1970 geborene Dietmar Dath, der neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch als Feuilletonredakteur der »FAZ« arbeitet, in seinem ebenfalls in diesem Herbst erscheinenden Sachbuch »Niegeschichte« auseinander. Auf 1000 Seiten entwirft Dath eine Genealogie, Poetik und Theorie des Genres, um nachzuspüren, was Science Fiction eigentlich ausmacht und was sie kann. Denn Dath versteht SF als »Kunst- und Denkmaschine«, so auch der Untertitel seines Buches, in dem er anhand zahlreicher Beispiele aus der SF-Literatur, von Mary Shelly über H. G. Wells, Jules Verne und Joanna Russ bis hin zu zeitgenössischen Autoren wie Greg Egan, über Möglichkeiten der Fantastik insgesamt, aber vor allem der SF schreibt.

Dabei taucht Dath, der das Genre ausgezeichnet kennt und auch auf viele Autoren verweist, die bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurden, tief in die Geschichte der fantastischen Literatur ein. Auch wenn nicht jeder Leser ihm über die Länge des Textes in allen Details seiner komplexen Darstellung wird folgen können, erschließt sich doch ein unglaubliches kulturelles und dabei sehr politisches Universum, das im piefigen Möchtegern-Hochkultur-Deutschland in ignoranter Idiotie gerne in die Pop-Schmuddel-Ecke gepackt wird.

Dabei haben sowohl die SF als auch ihr hiesiger Hohepriester Dietmar Dath einiges zu bieten, das weit über die vermeintlich bei pickelgesichtigen Nerds beliebten Technik- und Abenteuerromane hinausgeht. »Die Form SF ist ein Antidot gegen den Platonismus, von der Offenbarungsreligion bis zum politischen Dogma. Sie hebt den Unglauben ans Unwirkliche auf, um den Glauben ans Wirkliche von der Seite anzuschauen. Wo das Wirkliche nicht wahr ist, kann die Kunst das zeigen. Ihr Spiel heißt Erkenntnis; der Gewinn ist der Kosmos.«

Das sind keine kleinen Brötchen, die Dietmar Dath da gebacken hat. Er arbeitet sich kritisch am Literaturbetrieb und am Hollywood-Kino ab und verfolgt minutiös die Literaturgeschichte der Fantastik. Dabei würdigt er etwa Joanna Russ, deren Bücher vielen als zu sperrig gelten, er erklärt, was es mit der Auseinandersetzung von rechter und linker Science Fiction auf sich hat, wie sich die »Kunst- und Denkmaschine« im Lauf der Jahrzehnte in unterschiedlichen Schulen verändert hat, und er fragt, welche Rolle die wissenschaftliche (Un)Korrektheit von Technologie und fiktionalen Wissensbeständen in Science-Fiction-Erzählungen spielen.

Über diesen letzten Punkt, wie stimmig und stichhaltig die wissenschaftliche Basis von SF denn nun ist, streiten sich auch die Besucher des Filmclubs auf dem Raumschiff »Robert A. Heinlein«, benannt nach einem der bedeutendsten amerikanischen Science-Fiction-Autoren, dem Dath ein langes Kapitel seiner »Niegeschichte« widmet. Die »Robert A. Heinlein« folgt der »Eolomea« Richtung Neptun - »weg von der Insel und vom Strand« und hinaus aufs offene Meer, wie es in Daths Roman so schön heißt. Dort lüftet sich dann auch das Geheimnis, was aus dem Flug der »Eolomea« wurde, anders als im DEFA-Film, dessen Ende offenbleibt. Aber in der fantastischen Literatur ist eben vieles möglich, sodass hier sogar gigantische Oktopusse durch die Luft fliegen, aber auch plötzlich ein ganz irdischer, altbekannter imperialistischer Feind auftaucht, der alles infrage stellt, was durch die Flüge zum Neptun möglich wurde.

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