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Tränen beim Casting

Die Kandidatenkür in den Parteien müsste noch viel lebendiger werden, wünscht sich Bernd Zeller

  • Von Bernd Zeller
  • Lesedauer: 3 Min.

Unser heutiger Bericht beleuchtet die Pläne der Groko-Parteien, wie sie die Vergabe ihrer Spitzenpositionen noch emotionaler und publikumsorientierter gestalten können.

Die SPD hat die Regionalkonferenzen herumgebracht, auf denen sich die Kandidaten für den Parteivorsitz der verblüfften Basis vorgestellt haben, und aus dieser Staffel von »SPD sucht ein passables Vorsitzenden-Duo« lässt sich, wenn Profis am Werk sind, lernen, wie das Format funktionieren könnte. Kommentatoren haben gern den Vergleich zu den Castingshows gezogen, aber nur, weil ihnen keine bessere Sprachschablone eingefallen war.

Doch während die Castingshows das Problem haben, dass die Talente nur im Business benutzt werden und der Superstar auch diesmal wieder nicht gefunden wird, könnte die SPD einen Vorteil daraus ziehen, dass wirklich eine Planstelle zu besetzen ist. Es geht wirklich um etwas, nicht nur um die Träume einer sich selbst überschätzenden Jugend.

Das wäre ein Grund mehr, das gängige Mittel des Herumzickens und Angiftens einzusetzen, verbunden mit dem Geheule darüber, dass die anderen so gemein sind. So was sollte ein potenzieller Parteivorsitzender beherrschen. In den Regionalkonferenzen hätte es so laufen müssen - und das wäre für künftige Gelegenheiten zu lernen -, dass die Kandidatenduos über die anderen herziehen und davon, was die anderen Übles gesagt haben, Weinkrämpfe kriegen, wobei deutlich wird, wie das jeweilige Duo zusammenhält und sich Kraft gibt. Es kommt schließlich nicht nur auf den Unterhaltungswert an, sondern auf das Zutrauen in die Kompetenz, in Koalitionsverhandlungen etwas herauszuholen.

So hätten die einen ihre emotional vorgetragenen Klimaziele mit dem Vorwurf an den anwesenden Olaf einhergehen lassen können, der ja das Klimapaket der Bundesregierung mitverantwortet, woraufhin dieser in Tränen ausgebrochen wäre. Hätte ihn anschließend seine Co-Bewerberin wieder aufgerichtet und an seiner Stelle weitergeweint, dann hätten diese beiden die Wahl bereits jetzt für sich entschieden - sofern die anderen nicht mit irgend etwas Ähnlichem nachgezogen hätten. Das freilich wäre zweifellos besser, weil es die Konkurrenz belebt.

Die Show lässt sich auch durch den Einsatz von Jury und Coaches optimieren. Oder, wem das besser gefällt, von Paten, die sich für ihre Schützlinge einsetzen und am besten in den ersten Runden diese gar nicht zu sehen kriegen, sondern sie nur hören und daher allein nach rhetorischen Fähigkeiten bewerten. Wer sich für wen entscheidet, das würde Schlagzeilen oder Meldungen in den Internetdiensten generieren. Das Emotionale würde in dieser Phase mehr auf den prominenten Juroren oder Paten lasten, sie müssten aufspringen vor Begeisterung oder vor Ergriffenheit ein ergriffenes Gesicht machen. In den anschließenden Phasen setzen sie sich für die von ihnen favorisierten Kandidatenpaare ein, was dem Wettbewerb eine weitere Dimension verleiht. Es liegt auf der Hand, dass die Presse mit solcher Art von Informationen viel besser umzugehen vermag als mit Prozentzahlen, die auch noch dicht beieinander liegen.

Auch die Junge Union hat sich dafür ausgesprochen, die Kanzlerkandidatur an ein Mitgliedervotum zu binden. Dabei scheint es aber eher darum zu gehen, dass Annegret Kramp-Karrenbauer dem Parteinachwuchs noch einige Posten zur Verfügung stellt, um sich die Unterstützung zu sichern. Indes gelten die gleichen Prinzipien des Entertainments.

Ein Schwachpunkt bleibt, dass nicht alle Zuschauer an der Abstimmung teilnehmen dürfen, sondern nur Parteimitglieder. So gesehen könnte man sich das ganze Verfahren sparen, stattdessen einfach jemanden aufstellen und am Wahlabend gucken, wie diese Person ankommt. Aber es ist wichtig, dass die Wähler auch ihre Lieblinge, die es nicht nach ganz vorn geschafft haben, mit der Partei verbinden. Denn vielleicht werden sie ja beim nächsten Mal wieder gebraucht. Und es wird ein nächstes Mal geben, garantiert. Vor allem bei der SPD sind die Abstände sehr kurz.

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