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  • Causa Gündogan/Can

Im düsteren Schatten

Trotz erneuten militärischen Jubels türkischer Fußballer bleibt eine Reaktion des DFB im Fall Gündogan und Can aus

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn es noch Zweifel gegeben haben sollte, dann wurden sie vom türkischen Nationalteam am Montagabend beseitigt. Sie stellten ihre eigentlich anerkennenswert gute Leistung im Spiel gegen die Weltmeisterfußballer aus Frankreich selbst in den Schatten. Nach dem späten Ausgleichstreffer durch Kaan Ayhan zum 1:1-Endstand im EM-Qualifikationsspiel salutierten die meisten türkischen Spieler im Pariser Stade de France erneut beim Torjubel. Nachdem sie das schon am vergangenen Freitag beim Sieg gegen Albanien getan hatten, veröffentlichte der türkische Fußballverband folgende Erklärung: »Die Fußballer haben dieses Tor mit dem Militärgruß den Soldaten geschenkt, die in der ›Operation Friedensquelle‹ dienen.«

In den düsteren Schatten des türkischen Angriffskrieges in Nordsyrien waren auch die deutschen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Emre Can geraten. Cenk Tosun, ihr gemeinsamer »Freund« und ehemaliger Mitspieler aus dem deutschen U21-Nationalteam, hatte nach seinem Siegtreffer gegen Albanien auf Instagram ein Foto mit dem militärischen Jubel gepostet - Can und Gündogan haben gelikt.

»Gündogan ist ›Spieler des Estland-Spiels‹« - das war noch am Dienstagnachmittag die aktuellste Meldung auf der Homepage des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Es mag sein, dass die beiden deutschen Nationalspieler mit türkischen Wurzeln im Bann und Wahn der sozialen Medien unbedacht geklickt haben. Wenn es so sein sollte, dann wäre die Wahl Gündogans zum »Spieler des Estland-Spiels« durch den »Fan Club Nationalmannschaft« durchaus ein gutes Zeichen für die Widerstandsfähigkeit einer demokratischen Gesellschaft. Beide haben ja auch ihr »Herzchen« unter Tosuns Post wieder gelöscht. Und beide versicherten, dass sie gegen jeglichen Terror und Krieg seien.

Es bleibt jedoch mehr als ein großes Aber. Das erste steht hinter der Unschuldsvermutung bei Gündogan und Can. Denn folgende Worte schrieb Cenk Tosun zu seinem Foto: »Für unsere Nation, vor allem für jene, die für unser Land ihr Leben riskieren.« Mit einer öffentlichen Entschuldigung zu ihrem öffentlichen Fehlklick könnten Gündogan und Can Verdächtigungen zumindest entkräften. Bislang blieb sie aus. Die Dimension der Diskussionen um den doppelten türkischen Torjubel macht sie zwingend notwendig.

Vincenzo Spadafora forderte am Dienstag harte Konsequenzen. »Ich bitte Sie zu überlegen, ob es nicht inopportun ist, das für den 30. Mai 2020 geplante Finale der Champions League in Istanbul beizubehalten«, schrieb Italiens Sportminister in einem Brief an UEFA-Präsident Aleksander Ceferin. Möglichkeiten von Sanktionen sind genug gegeben - bis hin zu einem Ausschluss von Mannschaften aus laufenden Wettbewerben. Das ist eines der wirksamsten Mittel, denn die Bühne des großen Sports benutzt die Politik seit jeher für ihre Zwecke. Dürfen die Türkei, ihr Fußballverband und ihre Nationalmannschaft an der paneuropäischen EM 2020 mit 24 Nationen und 12 Gastgeberstädten teilnehmen? Die UEFA will »erst die offiziellen Spielberichte analysieren und dann über etwaige Maßnahmen entscheiden.«

Wo ist eigentlich Fritz Keller? Der mit viel Vorschusslorbeeren inthronisierte neue DFB-Präsident schweigt bislang. Und auf der Startseite des Internetauftritts des Verbandes war ja auch nichts zu den Vorkommnissen um die türkische Nationalmannschaft und die deutschen Kollateralopfer Gündogan und Can zu finden. Auf der zweiten Meldungsseite, zwölf Nachrichten unter Gündogans Ehrung steht ein kurzes Interview mit Oliver Bierhoff. »Sie wissen, dass es ein Fehler war«, wird der Nationalmannschaftsdirektor dort zitiert. Nach dem Spiel in Tallinn gegen Estland forderte er: »Ich glaube, es wäre auch mal an der Zeit, ihnen einfach mal ein bisschen Vertrauen zu schenken und daraus nicht solche Geschichten zu machen.«

Von einem ehemaligen Fußballprofi und eloquenten Funktionär mit Hang zum Sportbusiness muss man keine gehaltvollen politischen Beiträge erwarten. Etwas Sensibilität als Führungskraft des größten Sportverbandes der Welt aber schon. Die gesellschaftlichen Auswüchse eines Angriffskrieges als irgendeine »Geschichte«, abzutun, ist in keinster Weise verantwortungsvoll. Stattdessen sollten Bierhoff und der DFB Stellung beziehen und von Ilkay Gündogan und Emre Can eine öffentliche Entschuldigung einfordern - auch zum Schutz ihrer eigenen Spieler.

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