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Eine Gehirnerschütterung zu viel

Wie Ex-Handballerin Pauline Radke um ihren Alltag kämpft

  • Von Jane Sichting, Köln
  • Lesedauer: 3 Min.
Handball: Eine Gehirnerschütterung zu viel

Plötzlich machte der Kreislauf schlapp. Der heiße Sommer, das fettige Essen im Restaurant - für Pauline Radke ein toxisches Gemisch. Mit voller Wucht knallte die ehemalige Handball-Torhüterin mit dem Gesicht gegen eine Wand. Es bebte ein erstes Mal im Kopf. Rückwärts taumelnd stürzte sie und schlug mit dem Hinterkopf auf dem Steinboden auf. Knockout Nummer zwei.

Die Folge war neben Schürfwunden und Beulen auch eine Gehirnerschütterung. Doch bereits in den ersten Tagen spürte die 33-Jährige, dass es diesmal schlimmer war. Anders als nach Kopftreffern in ihren 17 Jahren Leistungssport, zuletzt stand Radke sechs Jahre für den Bundesligisten HSG Bensheim/Auerbach zwischen den Pfosten, war das kein gewöhnlicher Brummschädel. Da war ein tiefer, hartnäckiger Schmerz in ihrem Kopf, dazu Schwindel und Panikattacken.

Auch konnte sie sich kaum konzentrieren und litt an einer Art Müdigkeit, die sich anfühlte »wie Watte im Kopf oder ein Juckreiz, den man sich am liebsten aus dem Kopf reißen würde«, sagt Radke. Und erzählt mit ruhiger Stimme weiter: »In den ersten Tagen war ich körperlich so schwach, dass ich mich nicht mehr selbst verpflegen konnte. Erst mit der Hilfe meiner Eltern fand ich langsam wieder zu Kräften.«

Richtig fit wurde sie aber nicht. Normalerweise ist eine Gehirnerschütterung nach zwei Wochen ausgestanden. Doch es ging ihr immer schlechter. »Ich wurde sehr emotional, habe zehn Stunden am Tag geweint, ohne Grund«, erinnert sich Radke. Verzweifelt begab sie sich auf eine Ärzte-Odyssee, gefangen in einem Krankheitsbild, das keiner kannte. Mit der Ratlosigkeit der Ärzte wuchsen auch die Zweifel. Zumal auf MRT-Bildern »nichts zu sehen war, das im Kopf kaputt ist«, sagt Radke. Von einem unguten Gefühl begleitet redete sie sich dennoch ein, dass ihr Gehirn durch den Doppelschlag einfach mehr Ruhe bräuchte.

Der gebürtigen Rostockerin war es kaum mehr möglich, ihren Alltag zu bestreiten. Mit banalen Dingen wie Lesen, Autofahren oder Einkaufen war sie komplett überfordert. »Wenn ich in einer Warteschlange an der Kasse stehe und vor und hinter mir jemand spricht, dazu das Piepen der Kasse, das bekommt mein Gehirn irgendwie nicht gefiltert. Dann entsteht eine innere Unruhe, am Anfang war es sogar richtig Panik«, erklärt Radke. Ähnlich sei es in einem Café: »Wenn viele Leute durcheinander reden, wird mir das zu viel. Dann muss ich raus.«

Erleichterung stellte sich erst nach Wochen der Ungewissheit ein. Endlich ein Arzt, der ihr helfen konnte, endlich ein Name für ihr schwer zu erklärendes Befinden: postkommotionelles Syndrom. Endlich die Bestätigung, weder verrückt, noch depressiv zu sein. Doch dann kam die Angst, was solch eine Diagnose nach sich zieht. Ausgelöst wurde sie womöglich durch vorausgehende Gehirnerschütterungen.

Rückblickend sagt Radke: »Man hat das einfach nicht ernst genommen. Als Sportler bist du einfach so unter Adrenalin, dass du den Schmerz zunächst nicht spürst.« Trotz Kopftreffern bei Ballgeschwindigkeiten von bis zu 100 Stundenkilometer. Statt dem sensiblen Organ die nötige Ruhe zu gewähren, habe sie einfach weitergemacht. Heute weiß sie es besser. Und appelliert an die Verantwortlichen, mehr auf die Sportler zu achten und sie vor sich selbst und falschem Ehrgeiz zu schützen.

Für sich selbst wünscht sich Pauline Radke, dass es weiter bergauf geht und sie wieder gesund wird - »wenn auch nur langsam«. Doch Geduld ist das, was sie für die Genesung am meisten braucht: »Es gibt weder eine Therapie noch Medizin«, sagt sie. SID

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