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Der Brennpunktentschärfer

Der Bezirk Lichtenberg setzt einen Sozialarbeiter nur für das Bahnhofsgebiet ein

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.
Josef Parzinger soll zukünftig Konflikte managen.
Josef Parzinger soll zukünftig Konflikte managen.

»Ich bin gut aufgestellt«, sagt Josef Parzinger am Mittwoch selbstbewusst anlässlich seiner Vorstellung als Platzmanager des Gebiets rund um den Bahnhof Lichtenberg. Der 26-jährige studierte Sozialarbeiter ist neu in Berlin, sieht das aber nicht als Hindernis für seine Aufgabe, die er bereits seit dem 1. Oktober ausübt. »Ich kann mich so besser konzentrieren«, sagt er freundlich und strahlt dabei Ruhe und Gelassenheit aus. Die wird er auch brauchen. Sein neuer Job sieht vor, dass er rund um den Verkehrsknoten versucht, eine »friedliche und sozialverträgliche Koexistenz« vieler unterschiedlicher Beteiligter abzusichern.

Im Sommer hatte sich die Stimmung vor Ort nicht nur aufgrund der Temperaturen erhitzt. Nachdem der U-Bahnhof Lichtenberg in der Wintersaison als Kältebahnhof genutzt worden war, hatten sich etliche der Obdachlose im Bereich des Vorplatzes eingerichtet. »Auf der Platte hängengeblieben«, nennt es Bezirksbürgermeister Michael Grunst (LINKE) salopp, aber zutreffend bei der Einführung Josef Parzingers im Lichtenberger Rathaus.

Zwar ist der Bahnhof Lichtenberg seit über zwei Jahrzehnten ein Anlaufpunkt für Obdachlose und Menschen mit Alkohol- und anderen Abhängigkeiten, seit dem Winter hat sich deren Zahl aber erheblich erhöht. Laut Bezirk nächtigen dort seitdem 20 bis 30 Personen, tagsüber seien bis zu 80 wohnungslose Menschen dort anzutreffen. Innerhalb kürzester Zeit gab es zahlreiche Beschwerden von Anwohner*innen, die sich unter anderem von Müll und Lärm belästigt gefühlt hatten. In der Bezirksverordnetenversammlung nahm die CDU den Faden auf und forderte eine umgehende Räumung. Grunst sprach sich stattdessen für eine »soziale Lösung« aus.

Er sei erschrocken, sagt Grunst am Mittwoch, über die Verrohung, mit der ihm Anwohner*innen begegnet seien, wenn er dazu das Gespräch gesucht habe. Die Suche nach sicheren Orten für die Menschen müsse trotzdem vorrangig sein, gestalte sich aber langwieriger. Deshalb sei für die kommende Zeit das Instrument des Platzmanagements der geeignete Lösungsansatz. Der Bezirk finanziert nun für zwei Jahre die Stelle und anfallende Sachkosten mit 50 000 Euro.

Maria Richter, die den nahgelegenen Tagestreff Weitlingstraße koordiniert, ist froh über die Entwicklung. Parzinger wird ein kleines Büro in ihrer Einrichtung beziehen. Seit 2013 betreibt der Humanistische Verband den Treff zur medizinisch-psychosozialen Versorgung von obdachlosen Menschen. Auch Richter spricht sich für langfristige Lösungen aus. Mit dem Verweis auf die vorhandenen Hilfseinrichtungen und Notunterkünfte sei es nicht getan, sagt sie. Der Großteil der Angebote sei nicht auf die multiplen Problemlagen vieler von Obdachlosigkeit Betroffener eingerichtet. Man müsse viel mehr auf deren individuelle Bedürfnisse eingehen.

Das auch im Stadtteil zu vermitteln, ist nun Parzingers Aufgabe. »Ich werde wohl viel auf der Straße unterwegs sein«, meint er dazu.

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