Frankfurter Verlag

Bergüber bergunter

Der Frankfurter Verlag der Autoren ist 50 geworden.

Von Christof Meueler

Wie gründet man im Winter 1969 einen neuen linken Verlag in Frankfurt? Als erstes stellt man im Wohnzimmer einer Altbauwohnung die Stühle hoch. Damit genug Platz ist für die erste vollständige Versammlung der Suhrkamp-Autoren, die für das Theater schreiben und für ihre Lektoren. Alle sind sie sauer auf Suhrkamp, weil es dort keine Mitbestimmung geben soll. Solche Ideen waren zwar 1968/69 ganz normal, wurden aber vom Verleger Siegfried Unseld abgelehnt, einerlei, wie lieb und liberal er sonst auch schöntun wollte. Stattdessen musste der Cheflektor Walter Boehlich den Verlag verlassen. Auf den wartet die Versammlung an diesem 8. Februar 1969.

In seinem Tagebuch hat der Schriftsteller Jochen Ziem festgehalten, welche Leute damals im Wohnzimmer waren: Martin Sperr mit lang ausgestreckten Beinen auf dem Boden, die Schuhe ausgezogen: »seine verfärbten Wollstrümpfe sehen aus, als müssten sie riechen«. Und »Peter Handke hockt bescheiden in der Ecke, als warte er darauf, eine Anstellung als Stenotypistin zu bekommen. [Wolfgang] Deichsel erinnert mich an einen früh gealterten Kontoristen, der gerade von einer Beerdigung kommt. Hartmut Lange sieht auch in diesem Kreis wie ein KGB-Agent aus, der Verhaftungsbefehle für einige der Anwesenden bereits in der Tasche trägt.«

Von Boehlich heißt es, er habe für das neue Projekt einen zinslosen Kredit bei seiner reichen Verwandtschaft in Hamburg lockergemacht. Das wurde Jochen Ziem eingangs zugeraunt. »Ich weiß nicht, ob nur ich diese Information erhalte oder ob sie jedem Anwesenden als heimliche Ermutigungsdroge verabreicht worden ist, bevor wir die Lösung vom Suhrkamp-Mutterkuchen beschließen«. Als Boehlich endlich erscheint, »nervös und grundlos lachend«, kann der neue Verlag der Autoren gegründet werden.

In »Theater heute« erklären die Initiatoren des Treffens, Karlheinz Braun und Wolfgang Wiens ihren großen Plan: »Man sollte anfangen, die normalen Zustände abzuschaffen«. Also den Kapitalismus. Doch wie soll der besiegt werden, wenn, anders als erwartet, gerade keine Revolution vor der Tür steht? Man versucht, die Geschäftspraktiken zu ändern. Klingt nach wenig, ist aber viel wert, denn die ernst gemeinte Frage nach den Eigentumsverhältnissen ist bis heute eine revolutionäre geblieben, eben, weil sie viel zu selten gestellt wird. Gerlind Rheinshagen fordert damals von den Autoren eine »Politisierung des Theaters«, um »das sicher nicht geringe Potential an Phantasie, an Spielbereitschaft auszugraben«, damit man nicht mehr sagen muss: »mein Stück, dein Stück, sondern eher wie eine Fußballmannschaft oder ein Physikerteam: wir haben ein Ergebnis erzielt«. Und das heißt: Der neue Verlag gehört tatsächlich den Autoren, die in ihm veröffentlichen. Sie sind die Gesellschafter und bestimmen sein Programm. Und das schon seit 50 Jahren. Ganz so, wie es Rudi Dutschke 1967 postuliert hatte: »Wir sind nicht hoffnungslose Idioten der Geschichte, die unfähig sind, ihr eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen«.

Zuerst werden nur Theaterstücke verlegt, ab 1971 auch Filme. Mitgründer des Filmverlags der Autoren sind unter anderem die Regisseure Hark Bohm, Rainer Werner Fassbinder, Hans Werner Geißendörfer und Wim Wenders. Die erste Produktion ist »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter«, Wim Wenders verfilmt Peter Handke. Doch schon nach einem Jahr wird klar, dass die Filmproduktion für ein rein genossenschaftliches Modell zu teuer ist. Dem Verlag bleiben die Drehbücher, auch für Hörspiele.

Welche Theaterstücke hatte der Verlag der Autoren 1972 im Angebot? Aus einer Anzeige in »Theater heute«: »Für Marxianer: Trotzki in Coyoacan + Die Ermordung des Aias oder Ein Diskurs über das Holzhacken von Hartmut Lange / Für Aktionäre und Reaktionäre: Lombard gibt den Letzten von Peter Rühmkorf / Für Aktionisten: Vielleicht bin ich schon morgen eine Leiche von Erasmus Schöfer / Für Parteimitglieder: Die Massen von Hsunhi von Gerhard Kelling / Für Kinski-Geschädigte: Jesus von Osaka von Günter Herburger (...)«.

Peter Rühmkorf hätte sein Stück »Lombard« aber auch anders nennen können. Er machte dem Verlag ein paar Alternativvorschläge wie »Mit dem Gipfel bergab« oder »Bergüber Bergunter«. Letzterer wäre ein guter Titel für das Buch über die Geschichte des Verlags gewesen. Doch Wolfgang Schopf und Marion Victor haben einen noch naheliegenderen Titel gewählt: »Fundus«. Es ist eine chronologisch geordnete Collage aus Archiv-Schnipseln geworden: von alten Vorschauen, Plakaten, Notizen, Fotos und Korrespondenzen.

Victor war lange Zeit Geschäftsführerin des Verlags, Schopf ist Leiter des Literaturarchivs der Frankfurter Universität. Man kann in ihrem Buch voller Anteilnahme oder auch Abscheu hin und her blättern wie in einem Familienalbum - es ist ja auch so etwas ähnliches geworden: »Fundus« erzählt eine kleine Sozialgeschichte der BRD-Intellektuellen seit 1969. Es geht hauptsächlich um Rebellion, Migration, Feminismus, Arbeitswelt, Ökologie, Ost und West. Grob gesagt. Oder noch gröber: Für die Herausgeber reicht das thematische Spektrum »von ältesten Menschheitsfragen bis zu deren Negation durch schiere Gewalt«. So könnte man auch pauschal die Stücke von Heiner Müller zusammenfassen, der es in der DDR durchsetzte, im Westen vom Verlag der Autoren vertreten zu werden. Eine intelligente Beantwortung der »ältesten Menschheitsfragen« gibt es auch im Kindertheater von Friedrich Karl Waechter, das dieser geniale Zeichner neben seiner Arbeit für »Pardon« und »Titanic« auf die Bühne gebracht hat. In seinem Stück »Schule mit Clowns« (1975), einem Klassiker des Genres, begrüßt ein strenger Lehrer namens Dr. Sinn seine Schüler, die Clowns, jeden Morgen mit einem sinnlosen »Kuten Morken!«, um sie dann zu fragen: »Wo waren wir steckengepliepen?« Im Autoritarismus, den Waechter hier genial auseinandernimmt, in dem er Dr. Sinn selbst zu einem Clown macht.

Die Autoren des Verlags agieren oft ähnlich clownesk, besonders, wenn an ihnen der Selbstzweifel nagt. 1979 bekommt Reinhard Lettau den Hörspielpreis der Kriegsblinden für sein Werk »Frühstücksgespräche in Miami«, schreibt aber sauertöpfisch: »Ich habe bisher noch keinen einzigen Menschen gehört, der mein ›Hörspiel‹ gehört hätte.«

Sehr schön sind auch die »Goldenen Regeln für den Deutschen Fernsehkommissar«, die Patrick Gurris 2005 aufgestellt hat: »Regel der rituellen Redundanz: Immer den Gerichtsmediziner nach dem Todeszeitpunkt fragen, obwohl er ›Genaueres erst nach der Obduktion‹ sagen kann. Regel der diametralen Beziehung: War das Opfer unsympathisch, ist der Täter sympathisch. Und umgekehrt: Niemals bringt ein unsympathischer Mörder ein unsympathisches Opfer um. Regel vom produktiven Irrglauben: Haben zwei am Fall beteiligte Kommissare unterschiedliche Theorien, dann hat der Kommissar recht, dessen Theorie am unwahrscheinlichsten ist.«

Rainer Werner Fassbinder dagegen arbeitete für das Fernsehen nach anderen Prämissen. Für seine erste - proletarische - Fernsehserie »Acht Stunden sind kein Tag« (1972) erklärte er, dass seine Filme für Intellektuelle ruhig pessimistisch enden könnten, doch niemals die für das große Fernsehpublikum. Denn es wäre reaktionär, »ja fast ein Verbrechen, wenn man die Welt so aussichtslos darstellen würde, denn man muss denen Mut machen und zu ihnen sagen: ›Für euch gibt es trotz allem Möglichkeiten, ihr habt eine Kraft, die ihr einsetzen müsst, denn eure Unterdrücker sind von euch abhängig. Was ist ein Arbeitgeber ohne Arbeiter? Nichts.‹«

Wolfgang Schopf / Marion Victor (Hg.): Fundus. Das Buch vom Verlag der Autoren 1969-2019. Verlag der Autoren, 304 S., bros., 39 €.