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Mit automatischen Kassen gegen das Ladenschlussgesetz

Um auch sonntags Geschäfte zu machen, öffnete ein französischer Supermarkt ganz ohne Personal - trotz Gerichtsverbots

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 3 Min.
Der französische Supermarkt öffnete ganz ohne Personal.
Der französische Supermarkt öffnete ganz ohne Personal.

Die Einzelhandelsketten überbieten sich gerade mit Einfallsreichtum, wenn es um die Einsparung von Personal und Kosten sowie Gewinnmaximierung geht. Einen vorläufigen Rekord stellte am vergangenen Sonntag ein großer Supermarkt im westfranzösischen Angers auf, der völlig ohne Verkaufspersonal geöffnet hatte. Abgerechnet wurde an Selbstbedienungskassen, an denen der Kunde seine Einkäufe selbst einscannt und per Bankkarte bezahlt. Solche Automaten werden in Supermärkten immer zahlreicher.

Ende August hatte der Supermarkt der Groupe Casino Guichard-Perrachon an einem Sonntag bereits ohne Kassierpersonal geöffnet, jedoch noch mit drei Beraterinnen eines externen Dienstleistungsunternehmens. Diese standen bereit, um Hilfe zu leisten, falls ein Kunde mit der Selbstbedienungskasse nicht zurechtkam.

Casino wollte mit dieser Maßnahme ein Gesetz umgehen, das für den Lebensmittelhandel am Sonntag nach 13 Uhr »Betriebsruhe« vorschreibt. Die Beraterinnen gehörten ja nicht zum eigenen Personal und seien somit vom Gesetz nicht betroffen, argumentierte die Supermarktkette, ebenso wenig wie die drei Männer eines Sicherheitsdienstes, die sonntags wie wochentags am Ein- und Ausgang stehen.

Die Gewerkschaften der um ihren Arbeitsplatz fürchtenden Beschäftigten des Supermarkts reagierten seiner Zeit mit einer Protestaktion vor dem Geschäft. Einige aufgebrachte Demonstranten drangen dort sogar ein. Darüber hinaus haben die Gewerkschaften die Supermarktkette verklagt, weil sie das Gesetz über die - sowieso schon sehr relative - Sonntagsruhe verletzt hat. Die Richter gaben ihnen recht und urteilten, dass auch externe Beraterinnen zum Verkaufspersonal zu zählen seien und ihr Einsatz somit gegen das Gesetz verstoße.

Doch die Casino-Direktion lenkte nicht ein, sondern beharrte auf ihrem Vorhaben. Darum blieb am vergangenen Sonntagnachmittag der Supermarkt ganz ohne Personal geöffnet - abgesehen von den drei Sicherheitsmännern an der Tür. Damit wurde offenbar selbst das Risiko in Kauf genommen, dass einige Kunden den einen oder anderen Artikel einzuscannen vergessen. Der Einspareffekt beim Personal ist sicher ungleich größer als diese relativ geringfügigen Verluste. Allein der Casino-Supermarkt in Angers zählt 115 Mitarbeiter, von denen etwa die Hälfte Kassierer sind. Landesweit hat die Kette 80 solcher Geschäfte. Nimmt man alle Supermärkte der verschiedenen Handelsketten in Frankreich zusammen, so summiert sich die Zahl der Kassierer auf etwa 100 000.

Die Befürchtung der Beschäftigten im Handel und ihrer Gewerkschaften, dass viele von ihnen durch Automatisierung ihren Arbeitsplatz verlieren werden, versuchen die Konzerne indes zu zerstreuen. Die meisten Kunden und insbesondere ältere Menschen wollten keinesfalls auf die Präsenz von Verkaufspersonal und ihre Hilfe sowie Beratung verzichten, argumentieren sie. Dagegen seien vor allem jüngere Kunden an der Automatisierung interessiert oder am Kauf per Internet mit anschließender Lieferung nach Hause.

In diesem Zusammenhang haben die Supermarktketten der Regierung ein Tauschgeschäft angeboten: Sie würden die mit Entlassungen verbundenen Automatisierungsmaßnahmen drosseln, wenn dafür die Gesetze gelockert werden und die Verkaufseinrichtungen abends länger und auch am Sonntagnachmittag geöffnet bleiben dürfen.

Von den heute landesweit rund 100 000, zumeist weiblichen, Kassierern entfallen allein 30 000 auf die führende Kette Carrefour, die nach der US-Marke Walmart der zweitgrößte Einzelhandelskonzern der Welt ist. Das vergangene Jahr schloss Carrefour mit einem Gewinn von 1,4 Milliarden Euro ab. Wie »kostenbewusst« das Management ist, zeigt die gegenwärtige Restrukturierung, die angeblich durch veränderte Kaufgewohnheiten nötig wurde.

So sollen bis Jahresende landesweit 273 Geschäfte der Marke mit zusammen 2100 Mitarbeitern aufgegeben werden. Bisher haben sich nur für 46 dieser Verkaufseinrichtungen Käufer gefunden, die die Belegschaft mit übernehmen. Der überwiegenden Mehrheit, die in die Arbeitslosigkeit entlassen wird, wurden Abfindungen von lediglich 1500 bis 2000 Euro in Aussicht gestellt. Gegen dieses Ansinnen haben die Gewerkschaften bereits Protestaktionen angekündigt und Klage beim Arbeitsgericht eingereicht.

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