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Zuerst Klum, dann die OP

Roberto J. De Lapuente glaubt, dass erst medialer Druck Körper zu chirurgischen Projekten macht

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

Nie waren wir so schön wie heute. Jedenfalls, wenn man der Statistik glaubt. 2018 wuchs nämlich die Zahl der dem Verband der Schönheitschirurgen gemeldeten Schönheitsoperationen in Deutschland um neun Prozent, verglichen zum Vorjahr. So steht es im Ärzteblatt. Insbesondere Männer seien mittlerweile geneigter, sich beim Schönheitschirurgen vorzustellen. Viele dieser Eingriffe sind ethisch nicht zu beanstanden. Wenn es einem Menschen hilft, sein Selbstwertgefühl zu steigern, zum Beispiel durch die Entfernung der sogenannten Fettschürze nach starkem Abnehmen, kann man das nur befürworten. Die Krankenkassen tun dies in der Regel auch.

Problematisch sind hingegen solche Operationen, die aus Lifestyle-Gründen stattfinden: Oberlidstraffungen, Fettabsaugungen, Lifting, Bauch- und Oberschenkelstraffung, Brustvergrößerungen oder künstlicher Sixpack beispielsweise. Besonderer Renner soll das Anal Bleaching sein, das Bleichen der Hautpartien um die Rosetten herum, weil der braune Teint da nicht gewollt ist - zur Bräunung des Restkörpers geht man hingegen ins Solarium.

Solche Eingriffe gründen auf einem übersteigerten Schönheitsideal, einer oberflächlichen Selbstwahrnehmung und nicht selten auf psychologischen Problemen. Das American National Center for Biotechnology Information konnte 2017 in einer Umfrage ermitteln: Menschen, die sich selbst für überarbeitungswürdig halten, leiden »eher unter Neurosen, Ängsten und angstbehafteten Bindungsstilen und verbringen mehr Stunden vor dem Fernseher«. Das Aufhellen des Anus’ ist dann übrigens ein solches »TV-Feature«. Es stammt aus der Porno-Branche, aus dem Umfeld des brutalstmöglichen Lookism, wie man die Stereotypisierung von Aussehen zuweilen nennt. Dieser Schönheitswahn entsteht ganz und gar nicht im luftleeren Raum. Er rekrutiert sich aus einem medialen Apparat, der den ästhetischen Takt vorgibt - und dabei nicht selten junge Leute auf einen falschen Weg lotst.

Es ist nämlich nicht die Werbung, die junge Menschen für operationswürdig erklärt. Sie bietet nur an, ködert mit dem Angebot. Die Nachfrage entsteht im TV und im Kino, bei Heidi Klum oder in Lifestyle-Magazinen, wo eine konventionelle Schönheit forciert, eine gleichgeschaltete Ästhetik befeuert wird. In den sozialen Netzwerken potenziert sich dieses Ideal, dort präsentiert sich alle Welt von ihrer besten Seite, zeigt gefilterte, mit Photoshop manipulierte Bilder von sich.

Die Werbung für schönheitsoperative Zwecke ist erst das Ende vom Lied. Ein gesunder Körperbezug macht einen mehr oder weniger blind für Angebote der chirurgischen Zunft. Es ist vergleichbar mit dem Wunsch nach einer Playstation. Solange man keine wollte, blendet man etwaige Sonderangebote einfach aus. Aber wenn man erst einmal spürt, dass so ein Gerät ins Haus muss, studiert man Prospekte und Onlineshops und kriegt einen richtigen Adlerblick dafür.

Insbesondere wenn man im Internet nach einem Gerät sucht, wird man dank Cookies immer wieder mit weiteren Angeboten konfrontiert. Die algorithmische Intelligenz des Netzes vergisst nicht, wonach uns ist und was uns beschäftigt. Dort prasseln dann Verkaufsangebote auf einen ein und es fühlt sich plötzlich so an, als sei die Playstation die Anschaffung der Stunde. Wenn jemand online nach einer OP forscht, ist es genau so. Plötzlich sieht es so aus, als habe selbst das Internet erkannt, dass jetzt ein Eingriff der letzte Ausweg zum Glücklichsein sei.

Wenn Gesundheitsminister Jens Spahn nun Werbung für solche OPs verbieten möchte, klingt das nach einer guten Sache. Aber mehr als Symbolik und gespieltes Bewusstsein ist das nicht. Da steckt mehr dahinter, es braucht ein Diskriminierungsverständnis, wonach jemand, der nicht so aussieht, wie es die Schönheitsindustrie empfiehlt, nicht etwa schlecht, hässlich, überarbeitungswürdig oder gar für den Spott freigegeben ist.

Im australischen Victoria ist der Lookism verboten, dort darf niemand wegen seines Aussehens diskriminiert werden. Auch das wäre ein Ansatz - wenngleich die Exekution eines solchen Gesetzes schwierig sein dürfte. Wenn aber der Fernsehrat und die Medienlandesanstalten genauer guckten, was die Klums auf Sendung so treiben, sich kritisch einschalteten und notfalls abmahnten: Damit wäre schon was gewonnen.

Falls man diesem Schönheitsfaschismus den Saft abdreht, schwindet auch die Operationsbereitschaft. Da kann es dann noch so viel Werbung geben. Im Grunde strotzt die Schönheitsindustrie vor hässlichen Menschen. Da hilft dann auch kein plastischer Chirurg mehr. Denn die operieren nur Körperteile und keine Denkweisen.

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