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Die Scheißespirale, again

Kolumne Sowieso über die sich selbst erfüllende Prophezeiung des »nichtssagenkönnen«.

  • Von Adrian Schulz
  • Lesedauer: 3 Min.

Mal wieder reden alle darüber, dass sie nichts sagen dürfen. Dabei gibt es durchaus Schöneres als paranoide Lebensverneinung.

Ein Schneeballsystem: Redaktionen von »Zeit«, »Spiegel«, »FAS«, der »Süddeutschen Zeitung« und des »Brunztaler Boten« glauben, dass sich Leute nicht mehr »trauen«, zu »sagen«, was sie »denken«. Das ist umso erfreulicher für sie - die Redaktionen -, denken die Leute doch meist gar nicht viel, und wenn, dann vor allem das, was sie, die Redaktionen, ihnen ein paar Tage zuvor umständlich mäandernd und mit ein paar repräsentativen Zitatgebern gespickt erhaben drängelnd ins Hirn insinuiert haben: dass sie sich nichts mehr zu »sagen« »trauen«. Es ist also eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die da zum hundertsten Mal vor unseren Augen zelebriert wird. Testlauf abermals bestanden. Toll wäre es, wenn die Leute wirklich nichts mehr sagten oder nur noch über Knieschmerzen und Nudelwasser redeten.

Widmete ich den da ellenlang Leitartikelnden ein ähnliches Maß an Gemeinheit wie sie mir (denn ich kann es nicht mehr, nicht mehr hören, es geht buchstäblich nichts mehr von diesem Drömmel in den Schädel rein, und ich bin ja noch privilegiert, wäre vielleicht erst vier Wochen oder acht Monate nach der »Machtergreifung« derer »dran«, die zukünftig entscheiden, wer von uns überleben darf und wer nicht), dann würde ich in dieser für alle Beteiligten offen masochistischen Prozedur einen tiefen Wunsch der da ellenlang Leitartikelnden nach ihrer eigenen Abschaffung samt Abschaffung ihres Publikums erkennen; eine Art vorauseilende Sehnsucht, dass es jetzt bitte auch mal genug sein möge mit diesem ewigen Warten auf das, was da kommt, und eben umso schneller kommt, je länger über »Meinungsfreiheit« und derlei rechts Geframetes naiv-böse geleitartikelt wird: auf dass »man« möglichst bald dann wirklich nichts mehr »sagen« kann und die Politik zur Abwechslung mal wieder etwas, na ja, handfesteres Interesse an der eigenen Arbeit zeigt.

Zeiten sind das, ich muss das noch mal so schriftlich fixieren, in denen darüber »gestritten« wird, ob Allgemein- oder Partikularnazis zu wenig »Meinungsfreiheit« genießen oder der neoliberale staatlich gepamperte Professor Bernd »Bodensatz« Lucke ein paar Banner und eine Hörsaalbesetzung verkraften muss; auch, weil die selbst ernannte »Mitte« sich in derlei rhetorische Niederungen schon seit ein paar Jahren gar nicht mehr begibt: Verantwortung für das zu übernehmen, was sie »sagt«.

Wenn also im »Spiegel« ein Bürgertums-Bestseller-Historiker Timothy Garden Ash, stellvertretend für tausend andere vor ihm herausgegriffen, »sagen« darf, dass zu wenig über Migration und Islam gesprochen worden sei und gerade deshalb nun plötzlich die Nazis im Vorgarten stünden, während in Zwickau die Polizei Angehörige von NSU-Opfern mit Pfefferspray besprüht - dann hilft angesichts solcher lustvoll-lustlos vorweggenommener Gesamtimplosionen nur noch der Hinweis darauf, dass es jedenfalls mir nicht zusteht, zu resignieren, und dass ich das auch keinem von Ihnen anraten möchte.

Werfen Sie doch lieber mal ein Brötchen die Rolltreppe runter oder niesen Sie ins Telefon. Das beruhigt die Nerven. Und sowieso: Antifaschismus. Weitermachen.

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