Werbung

Musik von unten

Jaimie Branch

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 2 Min.

Vielleicht wird es irgendwann einmal faschistischen Free Jazz geben, aber eigentlich glaube ich nicht daran«, sagt die Trompeterin Jaimie Branch, nachzulesen in der aktuellen Ausgabe des »Wire«-Magazins. Denn sie glaube, »dass diese Musik inhärent revolutionär ist«. Ist sie das? Auf jeden Fall sind beim Jazz in seinen freieren Formen die Körperlichkeit, der temporäre, ergebnisoffene Produktionszusammenhang ganz unterschiedlicher Menschen, die trotz Bandleader alle als Individuen präsent sind in der Musik, nicht kompatibel mit den Blockbildungen und Körperpanzern des Faschismus.

Jaimie Branch führt auf ihrem zweiten Album »Fly or Die II: Bird Dogs of Paradise« unbeirrt fort, was auf dem Debüt 2017 entworfen wurde: massiv groovende Stücke, die allen Musikern Raum lassen und eine unakademische Freude am Experiment zeigen. Branch hat eine emotional konfrontative Musik komponiert und dann in Sessions in London mit Jason Ajemian (Bass), Lester St. Louis (Cello) und Chad Taylor (Schlagzeug) entfaltet.

Gerade Taylor trägt zum explosiven Eindruck, den das Ganze hinterlässt, wesentlich bei. Die Stücke springen einen förmlich an, die düsteren genauso wie die euphorischen. Und trotzdem klingen Jaimie Branchs Kompositionen seltsam abgeklärt. Die entspannte Haltung der Musik von Tortoise und Isotope 217, mit der Branch in Chicago aufwuchs, ist hier noch präsent.

»Fly or Die II« - erschienen auf International Anthem, einem der interessantesten Jazz-Labels zurzeit - wirkt um einiges fokussierter als das skizzenhafte Debüt und klarer in Hinsicht auf die musikalischen Traditionen, die hier aufgerufen werden sollen. Der eigentliche Opener des Albums, »prayer for amerikkka pt 1 & 2«, beginnt als New-Orleans-Jazz-artiges Stück, ein Blues eigentlich; und so weit ich sehen kann, ist es das erste, auf dem Branch singt. »We got a bunch of wide-eyed racists / and they think they run this shit«. Das über zehnminütige »Gebet für Amerika« kommt ab der Mitte ins Rollen und wechselt vom Sloganhaften ins Narrative. Branch erzählt die Geschichte einer Migrantin (»She was only 19, they crossed over at dawn / Now her mother and brothers are safe in Chicago and she’s all alone«), dann schraubt sich die Trompete zu einer wunderschönen Mariachi-Melodie in die Höhe. »They think they run this shit« heißt eben auch: Diese Musik kommt von unten, und sie ist in ihrer Lebendigkeit allem überlegen, was der Faschismus an Versprechen anzubieten hat.

Jaimie Branch: »Fly or Die II: Bird Dogs of Paradise« (International Anthem/Indigo)

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!