Bis zu 3600 Meter dick ist die 
Inlands-Eisschicht. Foto: Christiane Flechtner honorarpflichtig Seite 31, 9.11.
Grönland

Eis unter den Füßen

Auf Wandertour durch Ostgrönlands einzigartige Landschaft.

Von Christiane Flechtner

Das Eis ist immer schon da gewesen. Zu riesigen weißen Bergen aufgefroren treibt es im Zeitlupentempo an der Küste entlang. Die Stille ringsum wird nur hin und wieder unterbrochen von lautem Grollen, das kilometerweit durch den Sermilik-Fjord hallt: Immer, wenn ein Eisbergs ein Stück verliert oder er sich, aus dem Gleichgewicht geraten, um 180 Grad dreht. Das Obere wird nach unten gedrückt, die schneeweiße Spitze versinkt im blauen Dunkel, leuchtendes Türkis tritt stattdessen an die Oberfläche: die mit Wasser vollgesogene Unterseite des Eiskolosses.

Neben dem Heulen des Windes ist dieses Donnergrollen das einzige, was hier zu hören ist. Keine fremden Sprachen, kein Touristenlachen. Weder Wanderweg noch Trampelpfad haben sich in die Landschaft gefressen. Wer hier seinen Fuß vor den anderen setzt, hat das Gefühl, diese besondere Landschaft als erster zu betreten.
»Tunu« – so nennen die Inuit Ostgrönland. Es bedeutet: »Die Rückseite des Landes«. Und wenn man dagegen Westgrönland mit seiner belebten Hauptstadt Nuuk betrachtet, ist Tunu mit Sicherheit auch die Schattenseite Grönlands: Die Menschen hier sind arm, das Leben ist hart auf der Insel Amassalik.

Grönland ist die meiste Zeit durch einen gigantischen Packeisgürtel isoliert, und nur in den wärmeren Monaten Juli und August können Versorgungsschiffe bis zum Land vordringen. Doch wo Schatten ist, ist auch Licht: Im Sommer wetteifert das Weiß des Inlandeises mit der bunten Pracht der arktischen Blumen. Diese nahezu unberührte Landschaft gilt es zu erkunden: Zwei Wochen Wandern entlang des Ammassalik-Fjordes, durch einsame Täler mit Blütenteppichen, durch steile Felsmassive oder barfuß durch kleine Gletscherflüsse.
Die Landung ist holprig auf der sandigen Landebahn des Flughafens der kleinen Insel Kulusuk. Zu Fuß geht es samt Rucksack zum Hafen und dort in offenen Motorbooten weiter über das Polarmeer, vorbei an Eisbergen und kleinen Eisschollen, bis nach anderthalb Stunden die bunten Holzhäuser von Tasiilaq am Horizont aufleuchten. Rund 2000 Inuit leben in der größten Stadt Ostgrönlands.

Direkt am Hafen liegt der Zeltplatz mit grandiosem Blick auf den Fjord, und der Weg ins Stadtzentrum führt vorbei an unzähligen Schlittenhunden, die mit ihren Welpen an der Kette auf den nächsten Winter und auf Bewegung warten. Im Hafen hängen erlegte Robben von den Booten hinunter ins kalte Salzwasser, die beste Kühlung für die heutige Beute. Stockfisch trocknet an Schnüren vor farbigen Hauswänden.

Mit dem Boot geht es zum Ausgangspunkt der Wanderung: vier Stunden bis Tiniteqilaaq. An diesem Nachmittag ist der kleine Supermarkt im Jägerdorf gut besucht. Draußen in der Bucht schmilzt die Sonne erbarmungslos Schicht für Schicht vom Eispanzer, drinnen kauft ein kleines Inuit-Mädchen Schokolade. Hinten im Markt hängen Robbenfelle zum Verkauf, daneben Gewehre für die Jagd. Letzter Halt vor der Wildnis: Hier gibt es auch noch Handyempfang und Strom – die nächsten zwei Wochen müssen wir ohne auskommen.
Erstes Trekking-Ziel ist ein Lagerplatz am Amitsivartiva-Fjord – doch dazwischen liegen Geröllhalden, ausgetrocknete Flussbetten und viele Anstiege auf bis zu 400 Meter hohe Berge. Das GPS-Gerät weist den Weg. Jeder Schritt muss sorgsam gesetzt werden, denn einen Wanderpfad gibt es nicht. Immer wieder endet ein Weg an einem Hindernis, das zur Umkehr zwingt. Mühsam und kräftezehrend ist dieser Tag, die Wanderung dauert neun Stunden, doch für die Strapazen wird man immer wieder durch phantastische Aussichten entschädigt. Am Ende des Tages sind es 21 Kilometer Wanderung mit 880 überwundenen Höhenmetern. Sie haben einerseits erste Schrammen, Erschöpfung und knurrende Mägen beschert, andererseits aber bleibende Erinnerungen an eine einzigartige Landschaft.

Der heimische Fischer, der das schwere Equipment transportiert, ist schon lange am verabredeten Treffpunkt und wartet darauf, dass Zelte, Gepäck und Küchenutensilien an Land gebracht werden. Der Hunger ist groß, es ist frisch, zwei Grad kalt und alle freuen sich auf heißen Tee und warmes Essen. Doch das muss erst gekocht werden. Keine Köche stehen bereit, kein Wasserhahn weit und breit. Schlaf- und Küchenzelte werden aufgebaut, Zeltheringe in den steinigen Boden geschlagen.

Das Kochteam schnippelt derweil Zwiebeln und weicht das getrocknete Gemüse ein, während andere Wasser vom nahe gelegenen Gletscherfluss holen. Die Mücken kommen – und jeder, der ein Kopfnetz mit im Gepäck hat, ist für diesen Besitz dankbar. Um 21 Uhr ist es endlich soweit: Selten nur war ein Abendessen so ein Genuss – dazu gibt´s die Kulisse einer Eisbergkette im Sonnenuntergang. Ein mitgebrachter Whiskey macht die Runde, keiner will in den Schlafsack kriechen. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Mitternacht. Eine Taschenlampe ist überflüssig, denn im August bleibt es auch nachts immer hell. Die Zeit und der Rest der Welt spielen plötzlich keine Rolle mehr.

7 Uhr morgens: Es ist kuschlig im Schlafsack, die Glieder schmerzen. Die Sonne erwärmt das Zelt, und draußen riecht es nach Salami, Käse und Kaffee – das Küchenteam war schon fleißig.

Heute ist der Weg bunt: Die tiefen Täler bieten der arktischen Vegetation Schutz und lassen nicht nur die violette Nationalblume Grönlands, das arktische Weidenröschen, sondern auch das fleischblättrige gelbe Rosenrot, das pinkfarbene Läusekraut oder den hellgelben Mohn erblühen. Zudem sind Blau- und Krähenbeeren ein süßsaurer Leckerbissen für unterwegs. Nach 18 Kilometern ist das Ziel am Sermilik-Fjord erreicht. Hier tragen zahlreiche Eiskolosse jahrtausendealtes Wasser mit sich und driften mit Ebbe und Flut gemächlich.
Vor Ort ist für uns alles Routine: Die Zelte werden aufgebaut, ein Klo geschaufelt, der Magen knurrt, die Beine schmerzen, Eisschollen werden zu Nudel- und Teewasser geschmolzen, in der Zeltküche dampft es.

So vergeht ein Tag nach dem anderen. Die Wanderungen durch unberührte Landschaften, vorbei an Gletschern und hohen schneebedeckten Bergen bieten jeden Tag ein neues Naturschauspiel. Immer im Gepäck: das Gewehr, denn oft verirren sich Eisbären in dieses Gebiet. »Durch die Klimaveränderung finden sie im Norden Grönlands nicht mehr genug Nahrung – und suchen Futter weiter im Süden«, erklärt Robert Peroni, Extrembergsteiger, Bergführer und Abenteurer, der von Südtirol nach Tasiilaq zog und dort seit den 1990er Jahren ein Hotel betreibt. Doch auf unserer Tour treffen wir keinen Nanoq an, wie der Eisbär bei den Inuit genannt wird. Es wird lediglich erzählt, dass eine Eisbärin mit ihren Jungen ein paar Kilometer weiter ein leeres Zelt nach Fressbarem durchsucht hat.

Peroni rät zu einer Fahrt zum Inlandeis: Es überzieht das ganze Landesinnere und ist mit einer Fläche von 1,8 Millionen Quadratkilometern fast fünfmal so groß wie Deutschland. Aber nicht nur wegen seiner gigantischen Ausdehnung fasziniert der arktische Eisschild, sondern auch aufgrund seiner enormen Dicke: An der höchsten Stelle misst der Eispanzer 3600 Meter. Per Motorboot geht es hinüber nach Nagtivit und dann Schritt für Schritt aufs Eis. Die harsche Schicht knirscht unter den Füßen – ein merkwürdiges Gefühl zu wissen, dass der Untergrund in Bewegung ist, sich immer wieder Spalten und Ritzen auftun. Unterirdisches Schmelzwasser ist zu hören, sonst nichts. Weiß in allen Facetten bis zum Horizont.
Ostgrönland schafft Beruhigung: Wer es schafft, auf Komfort und Sommerhitze zu verzichten, wird mit eisigen, ursprünglichen und einsamen Eindrücken und wirklicher Entschleunigung belohnt.