Malte Teichmann, Bonny Brandenburger und Niklas von Kalckreuth (v.l.) widmen sich am Weizenbaum-Institut wissenschaftlichen Fragestellungen der Digitalisierung.
Digitalisierung

Wo sich die Gesellschaft vernetzt

Das Berliner Weizenbaum-Institut setzt auf mehr Selbstbestimmung im Netz.

Von Jérôme Lombard

Als ich mir letztens eine App downloaden wollte, konnte ich es mal wieder nicht fassen«, sagt Niklas von Kalckreuth und zieht sein schwarzes Smartphone aus der Hosentasche. Es war eine simple Taschenlampen-App, die sich der 29-Jährige auf sein Handy herunterladen wollte.

Kostenfrei, einfach in der Bedienung, nützlich in vielen Lebenslagen. Eigentlich eine super Sache, wenn da nicht das Problem mit den Daten gewesen wäre: »Beim Download der App öffneten sich mehrere Dialogfenster, die von mir den Zugang zu meinen Fotos, meinem Kalender und meinen Kontakten haben wollten«, erzählt von Kalckreuth. Viele hätten dem Begehren der App wahrscheinlich zugestimmt. Schließlich will man doch die Taschenlampe nutzen. Was sind da schon ein paar preisgegebene Daten mehr oder weniger? Datenschutzexperte von Kalckreuth kann nur mit dem Kopf schütteln. »Es ist doch vollkommen absurd, wieso soll ich die sensibelsten Daten auf meinem Smartphone offenlegen, nur, weil ich eine Taschenlampe nutzen will?«

Den jungen Wissenschaftler machen solche Fälle übergriffiger Smartphone-Anwendungen wütend. »Es gibt heutzutage so viele Apps, die sich so ziemlich alle Daten abgreifen, die sie kriegen können«, sagt der Mann, der an der Technischen Universität Berlin Ingenieurswissenschaften und Psychologie studiert hat. »Viel zu oft ist dabei für den Nutzer gar nicht ersichtlich, auf welche Daten eine App und deren Betreiber zugreifen und welche Folgen das für die Privatsphäre hat«, sagt er.

Von Kalckreuth forscht seit diesem Jahr zusammen mit einer Gruppe von Wissenschaftlern am Berliner Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft, auch Deutsches Internet-Institut genannt, zum Thema Daten als Zahlungsmittel. Die 2017 gegründete Einrichtung in der Hardenbergstraße nahe dem Bahnhof Zoologischer Garten wird vom Bundesbildungsministerium finanziert und hat sich zum Ziel gesetzt, Handlungsoptionen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu entwickeln, um mehr Selbstbestimmung im Netz zu erreichen. Namenspate des Instituts ist der deutsch-amerikanische Informatikpionier Joseph Weizenbaum (1923-2008). Schwerpunkt seiner Arbeit war die kritische Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Mensch und Maschine und welche Risiken die Digitalisierung aller Lebensbereiche mit sich bringt.

Ganz in diesem Sinne steht auch das Thema von von Kalckreuths Promotionsarbeit, die er im Rahmen seiner Forschungstätigkeit am Institut bearbeitet. Der Smartphone-affine Wissenschaftler stellt sich die Frage: Wie können Nutzer schnell und unkompliziert erkennen, ob eine App datenschutzrechtlich seriös ist oder sich als gefräßige Datenkrake entpuppt, bei der man zwar nicht mit Geld, aber dafür mit seinen Daten bezahlt?

»Ich will herausfinden, ob Bildsymbole dabei helfen können, dass Nutzer von Apps selbstbestimmter entscheiden können, welcher Verwendung ihrer Daten sie zustimmen wollen oder nicht«, sagt der Wissenschaftler. Diese sogenannten Privacy Icons, an denen er gemeinsam mit seinem Team arbeitet, könne man sich als Ampel vorstellen.

Wenn eine App datenschutzrechtlich unbedenklich ist, leuchtet das Symbol grün. Wenn sich die Anwendung mehr Daten als notwendig ziehen will, leuchtet ein warnendes gelbes Licht, und wenn es um sensible persönliche Daten geht, die für die Nutzung der Anwendung preisgegeben werden sollen, zeigt die Ampel rot. Das Piktogramm soll dabei die Art der Datenverarbeitung und deren Ausmaß verständlich machen. Sie soll weder den klassischen Text einer Datenschutzerklärung ersetzen noch den Nutzer darin hindern, eine App herunterzuladen, wie der Wissenschaftler erläutert.

»In meiner Forschungsgruppe arbeite ich mit Rechtswissenschaftlern und Psychologen verschiedener Universitäten zusammen«, erzählt von Kalckreuth. Während die Juristen die rechtliche Machbarkeit der Privacy Icons in der Europäischen Union prüfen, seien die Psychologen für die Risikowahrnehmung der Nutzer bei digitalen Entscheidungsprozessen zuständig. Er als Ingenieurswissenschaftler kümmert sich um die technische Komponente. »Durch den interdisziplinären Ansatz können wir unsere Fachqualifikationen voll ausspielen und uns prima gegenseitig ergänzen«, sagt der gebürtige Berliner von Kalckreuth.

Interdisziplinarität ist ein wichtiges Stichwort beim Weizenbaum-Institut. Als Verbundprojekt sind die vier Berliner Universitäten - Freie, Humboldt-, Technische und Universität der Künste - beteiligt. Ebenso ist die Universität Potsdam sowie das Fraunhofer-Institut für Offene Kommunikationssysteme (FOKUS) und das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung als Koordinator mit an Bord. Derzeit forschen an der Einrichtung 20 Wissenschaftlerteams zu ethischen, rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekten rund um die Themen Internet und Digitalisierung. »Da die Digitalisierung ein hochkomplexer Prozess ist, der alle Lebensbereiche von uns Menschen durchdringt, sollten auch die Forschungsfragen dazu interdisziplinär angepackt werden«, findet Malte Teichmann. Der 28-jährige Erziehungswissenschaftler von der Universität Potsdam arbeitet mit seinem Team zum Thema Bildung und Weiterbildung in der digitalen Gesellschaft. Teichmanns Fokus liegt auf den Bereichen Schule, betriebliche Weiterbildung und Hochschulwesen.

»Am Weizenbaum-Institut haben wir die Chance, Fragestellungen zu adressieren, die im regulären Unibetrieb so nicht angesprochen werden können«, sagt Teichmann. »Das Institut ist völlig unabhängig von Drittmitteln, dadurch haben wir als Wissenschaftler die Möglichkeit, den Finger in die Wunde zu legen und auch mal unbequeme Studienergebnisse vorzustellen«. Diese wissenschaftliche Freiheit schätzt auch Bonny Brandenburger. Die 30-jährige Doktorandin ist mit Kollege Teichmann in einem Team. »Die Digitalisierung der Unis bringt nicht nur Vorteile mit sich«, sagt Brandenburger. Lehre habe auch immer etwas mit persönlichem Kontakt zu tun. »Wir werden in Zukunft beides brauchen, digital und analog«, sagt sie.