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Die Globalisierung der Ungleichheit

Entstehen im Zeitalter der Krisen tatsächlich weltweit eine Super- und eine Unterklasse? Eine Analyse

  • Von Christoph Butterwegge
  • Lesedauer: 7 Min.

Seit geraumer Zeit ist auch in solchen Medien, die Deutschland lange als »nivellierte Mittelstandsgesellschaft« begriffen hatten, von einer »Rückkehr der Klassengesellschaft« die Rede. Was auch manchen Feuilleton-Soziologen als »Wiederkehr der Klassengesellschaft« erschien, war allerdings bloß ihre Wiederentdeckung nach einer längeren Phase völliger Ignoranz gegenüber den sozioökonomischen Polarisierungstendenzen. Hierzulande wagten es jahrzehntelang fast nur Außenseiter der Wissenschaftsgemeinde, die spezifischen Formen jener Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, welche heute kaum mehr zu übersehen ist, auf den Interessengegensatz von Kapital und Arbeit zurückzuführen.

Klassenverhältnisse im Zeichen der Globalisierung

Aufgrund der neoliberalen Modernisierung haben nationalstaatliche Grenzen in Bezug auf die Wertschöpfungsketten, die Produktion und den Handel, aber auch in Bezug auf Reichtum, Macht und Einfluss während der vergangenen Jahrzehnte an Bedeutung verloren. Der liberale Soziologe Ralf Dahrendorf, der ein besonderes Sensorium für solche Entwicklungen hatte, sprach denn auch zur Jahrtausendwende von einer »globalen Klasse«, die im Entstehen begriffen sei und im Rahmen einer »politischen Ökonomie des Neoliberalismus« eine »neue Ungleichheit« begründe. Was die Struktur und die personelle Zusammensetzung der von ihm beschriebenen Klasse betraf, blieben Dahrendorfs Angaben jedoch ziemlich vage.

In der »alten« Bundesrepublik galt jahrzehntelang das soziale Aufstiegsversprechen, dem sich auch ihr großer wirtschaftlicher Erfolg verdankte: »Wer sich anstrengt, fleißig ist und etwas leistet, wird mit lebenslangem Wohlstand belohnt.« Auch für den Neoliberalismus ist ein meritokratisches Gerechtigkeitsverständnis typisch, das wirtschaftlichen Erfolg, Wohlstand und Reichtum auf die persönliche Leistung von Individuen zurückführt. Die soziale Ungleichheit gilt als notwendig und natürlich, weil sie vermeintlich auf der unterschiedlichen Leistungsbereitschaft und -fähigkeit der Individuen beruht.

Mit der globalen Klasse sah Dahrendorf eine Renaissance der Meritokratie heraufziehen: »Meritokratie, also die Verfügbarkeit von Chancen für alle, die sie suchen und verdienen, ist ein Teil des globalen Klassenbewusstseins.« Dahrendorf nahm die von dem Münchner Soziologen Ulrich Beck in den 1980er Jahren popularisierte Fahrstuhl-Metapher auf, modifizierte sie jedoch, um damit die Realität zweier Welten zu kennzeichnen, einer »Welt der Chancen« und einer »des Ausschlusses«, wie er sie nannte: »Die im Wolkenkratzer der Möglichkeiten Angekommenen mögen es nicht bis zur Spitze schaffen; die Spitze ist heutzutage weit weg für die Mehrheit, die realistischerweise nicht erwarten kann, in den Club der Dollar-Milliardäre zu gelangen; aber während manche Fahrstühle nur bis zum 10. Stock fahren und andere erst im 50. beginnen, gibt es doch für alle eine Fahrt nach oben.

Dann aber sind da diejenigen, die nicht einmal das Erdgeschoss des Hochhauses der Möglichkeiten erreichen. Sie bleiben draußen auf der Straße, wo sie Obdachlosenmagazine an den Mann zu bringen versuchen oder Passanten berauben, um für ihre Drogen zu zahlen. Andere sind weniger sichtbar in den neuen Ghettos, den Favelas der globalisierten Welt.«

Ein paar Jahre später untersuchten die Soziologen Sighard Neckel, Lukas Hofstätter und Marco Hohmann Klassenbildungsprozesse im empirischen Bezugsrahmen zweier Bankmetropolen - Frankfurt am Main und das australische Sydney. Dabei gelangten sie zu der Überzeugung, dass sich auf den Finanzmärkten eine »globale Klasse« herausgebildet habe, die nicht mehr in einem nationalstaatlichen Handlungskorsett stecke.

Mit den Bourdieu’schen Schlüsselkategorien erklärten die genannten Autoren, dass die neuen Finanzakteure aufgrund ihnen gemeinsamer Formen ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals typische Habitusformen entwickelt hätten, was eine andere, spezifische Art der Distinktion begründe: »Typisch ist neben den üblichen Statussymbolen ein demonstrativer Gestus von kultureller Offenheit, Diversität, Weltläufigkeit und Toleranz, in dem sich eine kosmopolitische Selbstdarstellung mit dem ökonomischen Interesse an der finanziellen In-Wert-Setzung möglichst vieler Lebensbereiche verbindet.

Expansive Geschäftspraktiken und kulturelle Vereinnahmung stehen in einem engen Zusammenhang. Darin wird ein Modus sozialer Grenzziehung sichtbar, der nicht wenig paradox erscheint: Exklusivität durch Einschluss, Abschottung durch Öffnung.«

David Rothkopf, unter dem US-Präsidenten Bill Clinton Staatssekretär im Handelsministerium der Vereinigten Staaten, glaubte kurz danach sogar, eine »globale Superklasse« erkennen zu können, die nur wenige Tausend, durch ihre Sonderstellung im Bereich der Weltwirtschaft, der Finanzwelt, der Politik, des Militärs, der Religion oder der Wissenschaft über internationalen Einfluss verfügende, Mitglieder umfasst: »Was diese Personen in besonderer Weise auszeichnet, ist ihre Macht - eine Macht, die Millionen oder Milliarden Menschen berührt, nicht nur innerhalb eines Landes, sondern über Grenzen hinweg. Sie beschäftigen Menschen, bringen Märkte in Bewegung, beginnen Angriffskriege, entfachen Leidenschaften oder verändern tief verwurzelte Glaubenshaltungen.«

Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangte Chrystia Freeland in ihrem Buch »Plutocrats: The Rise of the New Global Super-Rich and the Fall of Everyone Else«, das 2012 erschienen ist. Sie beschrieb darin die kosmopolitische Lebensweise von Multimilliardären und vertrat die Auffassung, dass während der vergangenen Jahre eine »globale Geldelite« entstanden sei und sich auf dem Weg zur Weltherrschaft befinde. In den USA ist das politische System tatsächlich längst von Hyperreichen zu einer Plutokratie umfunktioniert worden, die ihren Kapitalverwertungs- und Machtinteressen dient.

Auch von einer »transnationalen Klasse des Kapitals« war schon die Rede. In seinem 2018 erschienenen Buch »Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts« sprach der Kölner Publizist und interventionistische Philosoph Werner Rügemer präziser von einer »transnationalen kapitalistischen Rentiersklasse«, die über eine »hochbezahlte Privatarmee« von Managern, Beratern und Kreditgebern verfüge.

Hans Jürgen Krysmanski, im Juni 2016 viel zu früh verstorbener Münsteraner Soziologe, sah einen »Geldmachtapparat« am Werk, der es unterschiedlichen Gruppen von Super- bzw. Hyperreichen ermögliche, ein neuartiges Regime zu errichten: »Unter dem Banner des Neoliberalismus ist ein Geldmachtapparat entstanden, welcher unternehmerische Eigentumsoperationen, die Generierung von Einkommen aus allen möglichen Quellen (insbesondere den Finanzmärkten), die Vererbung und auch den Raub in einen abgestimmten und vermachteten, netzwerkartigen Zusammenhang bringt.«

Transnationalisierung der Unterschicht?

Die Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch stellte einer »globalen Oberschicht« und einer »kosmopolitischen Mittelschicht« ein »globales Dienstleistungsproletariat« als »transnationales Unten« gegenüber, das die traditionelle Arbeiterklasse abgelöst habe und weitaus heterogener sei als diese, weil es sich aus einfachen Dienstleister*innen, industriellen Randbelegschaften, Erwerbslosen und anderen Transferleistungsempfänger*innen zusammensetze: »Transnationalisierung ist somit nicht mit Migration identisch - die Verflechtung mit konkurrierenden Arbeitnehmern anderer Weltregionen hat gerade auch dort stattgefunden, wo sich die Einzelnen gar nicht bewegt haben. Transnational ist diese Klasse, weil sie faktisch nicht mehr unter dem Dach der nationalen Volkswirtschaft angesiedelt ist, auch wenn ein Teil ihrer Mitglieder alle Rechte der Staatsbürgerschaft genießt.«

Der frühere Darmstädter Hochschullehrer Michael Hartmann hat die These, dass sich eine globale Wirtschaftselite herausgebildet habe, empirisch widerlegt und als Legende bezeichnet. Denn, so lautete seine mit Vergleichszahlen gesättigte Argumentation, im Unterschied zu den Profis der nationalen Fußballligen waren Ausländer in den Vorstandsetagen von Unternehmen, Banken und Versicherungen selten zu finden.

Um dort Karriere zu machen, waren nicht einmal längere Auslandsaufenthalte nötig. Vielmehr dominierten hierzulande weiterhin deutsche oder zumindest deutschsprachige Geschäftsführer, Spitzenmanager und Banker. »Global ist nicht die Klasse der Kapitalisten, sondern das System des Kapitalismus«, schlussfolgerten Boike Rehbein und Jessé Souza, wobei sich der Berliner und der brasilianische Soziologe auf eigene internationale Vergleichsstudien zur Sozialstrukturentwicklung stützten.

Sie hielten es allerdings für möglich, dass längerfristig eine globale Klassenherrschaft entsteht, wiewohl es ihres Erachtens schwierig werden dürfte, unterschiedliche nationale Kulturelemente zu vereinigen oder gar zu vereinheitlichen. Insofern könnten sich höchstens längerfristig Strukturen einer transnationalen Ungleichheit herausbilden.

Aufgrund der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 ist die soziale Aufstiegshoffnung der Angst vieler Mittelschichtangehöriger gewichen, trotz guter beruflicher Qualifikation und harter Arbeit sozial abzusteigen. Da die soziale Aufstiegsmobilität spürbar nachgelassen hat, saugen rechtspopulistische Parteien wie die Alternative für Deutschland (AfD) und Gruppierungen wie die »Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« (Pegida) zunehmend Honig aus der Verteilungsschieflage.

Sie deklarieren ihre demagogische Propaganda als Ergebnis der Machenschaften einer korrupten Elite und einer Welle der Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme (»Flüchtlingskrise«). Arbeitsmigranten, Geflüchtete und Muslime werden so zu Sündenböcken für die politisch herbeigeführte Zunahme der Ungleichheit.

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