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  • Laboratory Pharmacology and Toxicology

Schlachter als Tierpfleger

Tausende Hamburger demonstrieren gegen die Misshandlungen in Versuchslabor

  • Von Volker Stahl, Hamburg
  • Lesedauer: 4 Min.

So etwas hat Hamburg noch nicht erlebt. 15.000 Menschen demonstrierten am vergangenen Wochenende trotz Dauerregens für Tiere! Auslöser waren herzzerreißende Bilder, die ein von der Organisation SOKO Tierschutz beim Unternehmen Laboratory Pharmacology and Toxicology (LPT) eingeschmuggelter Informant publik gemacht hatte. Das Material belegt, dass Tiere in dem Versuchslabor teilweise grausam misshandelt worden sind.

Das LPT mit Standorten in Neugraben (Hamburg), Mienenbüttel (Niedersachsen) und Löhndorf (Schleswig-Holstein) ist seit Jahren im Visier von Tierrechtlern. In den mit Stacheldraht und hohen Zäunen gesicherten und von der Außenwelt komplett abgeschotteten Laboren des Unternehmens werden unter anderem Versuche an Primaten, Hunden und Katzen für die Pharmaindustrie durchgeführt. Was hinter der Mauer des Schweigens an Grausamkeiten geschah, konnte bis dato nur vermutet werden. Das ist nun anders. Denn im Dezember 2018 war es der bundesweit agierenden SOKO Tierschutz gelungen, für mehrere Monate einen Undercover-Mitarbeiter in das Mienenbütteler Labor einzuschleusen.

Dem verdeckten Ermittler gelang es, Versuche zu dokumentieren, die an Brutalität und Tierverachtung kaum zu überbieten sind. Sie zeigen stark blutende Hunde, denen Schläuche brutal in den Hals gerammt wurden und in zu engen Käfigen vor sich vegetierende Affen, die sich wie wild im Kreis drehen. Die Mitarbeiter des Labors zeigten in Anbetracht des Elends nicht nur keine Empathie, sondern gingen bei Experimenten äußerst brutal vor, sagt SOKO-Sprecher Friedrich Mülln: »Ein Mitarbeiter schlug einen Affen absichtlich krachend gegen die Türkante.« Proteste des SOKO-Mitarbeiters gegen die Misshandlungen seien bei den Vorgesetzten auf taube Ohren gestoßen. Die Auswahl des Personals zeigt, wie ernst es dem Unternehmen mit der Achtung der Tierschutzgesetze ist. Unter den Angestellten befand sich ein examinierter Tierpfleger. Ansonsten hätten sich Schlachter, Mechaniker und ein Militärmusiker um die Tiere gekümmert.

Wie absurd und wissenschaftlich unsinnig die Versuche sind, belegt eine »Katzenstudie« im Auftrag eines Tiermedizinherstellers: Den Tieren wurde ein Antibiotikum mit einem bereits durchgetesteten Wirkstoff verabreicht, nun aber mit Geschmack. Während der Versuchsreihe zerstachen unqualifizierte Mitarbeiter den Katzen die Beine an einem einzigen Tag 13 Mal! Nach Versuchsende werden die Tiere generell getötet. Ein Video zeigt, wie Hunde regelrecht geschlachtet werden und Katzen in Müllsäcken entsorgt werden. Vor ihrem grausamen Tod hätten die Tiere nicht nur Qualen bei Versuchen und durch die Haltung zu erleiden, sondern auch beim Transport, so die Soko Tierschutz: Katzen stammen aus Spanien, Hunde aus den USA und Affen aus China.

Seit Jahren protestieren Tierversuchsgegner gegen die mit schrecklichen Torturen verbundenen Experimente in den Folterkammern von LPT. Schon im März 2017 demonstrierten 50 Tierrechtler aus Lübeck, Neumünster und Hamburg gegen das Unternehmen, das ein Labor auf einem abgelegenen ehemaligen Gutshof in Löhndorf (Kreis Plön) betreibt. Sie verteilten in der Nachbargemeinde Wankendorf Flugblätter, in denen sie die »grausame Realität« schilderten: »Affen leiden an Krämpfen und Erbrechen, weil an ihnen die Entzugserscheinungen von Schlafmitteln getestet werden. Beagle-Hunde werden über ein Jahr lang täglich mit einer höchstmöglichen Dosis Gift gefüttert, so dass sie täglich über Stunden erbrechen, zittern, krampfen und sich vor Schmerzen winden.« Es sei unvorstellbar, welches Leid jedes Tier für den Profit von Unternehmen wie LPT durchmachen muss, so Initiativensprecherin Martina Kunze, »es muss endlich Schluss sein mit Tierversuchen, bei LPT und anderswo.«

Ihrem Ziel sind die Tierrechtler etwas näher gekommen. Das Chemie- und Pharmaunternehmen Merck erklärte die Geschäftsbeziehung mit LPT für beendet, die Staatsanwaltschaft Stade ermittelt gegen die Mienenbütteler Dependance und der Hamburger Senat will gegen das Skandal-Tierversuchslabor in Neugraben vorgehen. Derweil kündigte LPT laut einem NDR-Bericht an, die Versuche an Affen, Katzen und Hunde in Mienenbüttel bis Februar 2020 zu beenden und das Labor zu schließen. Ungeachtet der Ankündigung bleibt der tierschutzpolitische Sprecher der LINKEN-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft, Stephan Jersch, skeptisch: »Solange in Mienenbüttel der Betrieb weiterläuft, ist die vorgebliche Schließung nur eine leere Ankündigung. Der Senat bleibt in der Verantwortung, solange die Zentrale des LPT in Hamburg angesiedelt ist.«

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