Ruderer Oliver Zeidler wurde 2019 Weltmeister. Dabei sei seine Förderung laut PotAS mangelhaft.
Deutscher Ruderverband

Die Ruderer verstehen die Welt nicht mehr

Wegen struktureller Defizite droht der Verband, künftig weniger Geld zu bekommen

Von Oliver Kern

Seit am Mittwoch die Zwischenergebnisse des Potenzial-Analysesystems* (PotAS) der olympischen Sommersportverbände veröffentlicht wurden, versteht Siegfried Kaidel die Welt nicht mehr. Denn der Deutschen Ruderverbands (DRV), den Kaidel als Vorsitzender anführt, steht dort an letzter Stelle. Damit hatte Kaidel nicht gerechnet, ist der Verband doch seit Jahrzehnten ein Medaillengarant bei Olympia. Die Gefahr, dass die Ruderer ab 2021 mit weniger Geld auskommen müssen, ist nun aber groß.

Kaidel ist eigentlich ein Anhänger von PotAS, ihm fehlt aber die Flexibilität in den Kriterien. »Es ist richtig, dass die Verbände überprüft werden, aber man muss verschiedene Strukturen akzeptieren, denn am Ende geht es um Erfolg«, sagt der 68-Jährige, der dem DRV ehrenamtlich vorsteht. Auch seine Stellvertreter sind Ehrenamtler, sie stehen wie er pro forma über dem hauptamtlich arbeitenden Sportdirektor. Bei PotAS bewirkt das allerdings Punktabzüge in Sachen Richtlinienkompetenz: Alle Leistungssportangelegenheiten sollen von Hauptamtlichen entschieden werden.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die Nachwuchsförderung. Der Spitzenverband soll mehr Einfluss auf den Leistungsaufbau bekommen, betont der Deutsche Olympische Sportbund. Der DRV geht aber einen anderen Weg. Bei Kindern seien die Landesverbände und Vereine für Sichtung und Entwicklung von Talenten zuständig, die besten Junioren werden in Regionen zusammengezogen. Erst nach nationalen Meisterschaften nominiert der Dachverband Athleten für internationale Titelkämpfe. »Das ist unsere Struktur. Aber für PotAS ist es keine, weil nicht überall DRV drübersteht«, ärgert sich Kaidel. »Dabei sind wir der weltweit erfolgreichste Verband im U19-Bereich. Warum soll ich ein funktionierendes System kaputt machen?«, zeigt Kaidel keine Absicht, für PotAS etwas zu ändern. Ein System, das seit Jahrzehnten erfolgreich ist, werde nun negativ dargestellt. »Wir haben gute Leute. Der Achter fährt seit Jahren erfolgreich, jetzt auch ein Einer. Das macht es so unverständlich, dass wir auf dem letzten Platz stehen.«

Die Struktur macht die Medaille
Politik und DOSB überprüfen die Fachverbände auf ihr Erfolgspotenzial. Ob die Datensammlung etwas bringt, steht erst in vielen Jahren fest.

Die Ruderer scheuen keineswegs Veränderungen, nur gehe das nicht so einfach. »Wir haben eine richtige Basisdemokratie«, gibt Kaidel zu bedenken. Die Delegierten der Vereine entscheiden auf dem Rudertag über die Strategie und die Richtung des DRV. »Wir sind der älteste deutsche Sportverband. Da kann man nicht von heute auf morgen alles komplett anders machen.«

Dennoch konnte gegen große Widerstände die Zusammenlegung der besten Athleten an drei Zentren durchgesetzt werden. Weil es die Leistungssportreform empfiehlt, plant der DRV die Bundesstützpunkte in Ulm und Saarbrücken zu schließen, und setzte dort keine neuen Stützpunktleiter mehr ein. PotAS fordert aber für jeden Bundesstützpunkt meinen Leiter und vergab daher auch dafür Abzüge.

Kaidel hat die Hoffnung, dass PotAS nicht ausschlaggebend ist für die Höhe der künftigen Förderung. Holen die Ruderer Medaillen bei Olympia, dürften sie die rote Laterne auch abgeben, denn die Erfolgskriterien werden erst nach den Spielen 2020 in Tokio bewertet. In den Strukturgesprächen will Kaidel diese Erfolge in den Mittelpunkt stellen. Die seien wichtiger als die Frage, wer haupt- und ehrenamtlich arbeitet.