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Häusliche Gewalt

Aber »nicht krankenhausreif«

Werner Scholl versucht, sein gewalttätiges Verhalten gegen seine Frau mit einem Training in den Griff zu bekommen.

Von Lena Fiedler

Wenn es Werner Scholls Frau unangenehm wird, geht sie einfach weg. So wie im Supermarkt an der Fleischtheke, als ihrem Mann bei der Verkäuferin der Geduldsfaden riss: »Sind Sie geistig nicht in der Lage 100 Gramm Wurst abzuwiegen?« Oder als er im Hausflur die Nachbarn anschrie. Er musste dann noch einmal zu ihnen runtergehen und sich entschuldigen. Irgendwann konnte Scholls Frau nicht mehr einfach weggehen. Irgendwann gab er ihr die erste Ohrfeige. »Erst eine, dann habe ich sie aufs Bett geschmissen und ihr eine Tracht Ohrfeigen gegeben«, erzählt er leise. »Nicht krankenhausreif.« Aber doch so, dass sie nach einer seiner Attacken versuchte, sich das Leben zu nehmen. Trotzdem kann er nicht damit aufhören. Menschen, die sich regelmäßig nur mit Gewalt weiterzuhelfen wissen, haben ein Problem - ein Teil von ihnen weiß das auch.

Ein paar Wochen nach dem Angriff auf seine Frau sitzt Scholl in einem Gruppenraum im siebten Stock eines Gebäudes an der Landsberger Allee in Berlin-Friedrichshain in einem Stuhlkreis mit sieben anderen Männern. Er wird sie im Verlauf des nächsten halben Jahres gut kennenlernen. Immer mittwochs von sechs bis acht Uhr. Das heißt, nicht wirklich tiefgehend, aber Seiten von ihnen, die dazu geführt haben, dass sie sich gemeinsam einen Stuhlkreis teilen. So unterschiedlich ihre persönlichen Geschichten sind, der gemeinsame Nenner ist immer Gewalt. Gewalt gegen den Chef, gegen einen Fahrradfahrer, einen Obdachlosen, eine Autofahrerin, eine Passantin oder, wie in Scholls Fall, gegen die eigene Frau.

Die Männer hier haben noch etwas gemeinsam, sie wollen an sich arbeiten. Zusammen mit zwei Mitarbeiter*innen des Berliner Zentrums für Gewaltprävention (BZfG) sprechen sie einer nach dem anderen über sich, ihr Leben und ihre Taten. Für Scholl ist es das erste Mal, dass er anderen davon erzählt, dass er ein Problem mit »Gewalt in der Ehe« hat, wie er es umschreibt. Er schämt sich. Deswegen ist Werner Scholl auch nicht sein richtiger Name. Aber: Er ist einer der Männer, die von sich aus Hilfe gesucht haben.

2017 registrierte die Polizei allein in Berlin 14 600 Fälle häuslicher Gewalt. Für ganz Deutschland erfasste das BKA 138 893 Opfer - etwa 80 Prozent von ihnen waren Frauen. Und sie sind es auch, die überall auf der Welt in einem hohen Ausmaß geschlechtsspezifische Gewalt erleben, häufig durch ihren Partner oder Ex-Partner. Dass sich an dieser Statistik etwas ändern muss, darin ist man sich weltweit einig. 2017 einigten sich 46 Staaten auf die Istanbul-Konvention, einen völkerrechtlichen Menschenrechtsvertrag, der die Staaten verpflichtet, umfassende Maßnahmen zur Prävention, Intervention und zum Schutz zu ergreifen. Zu den Maßnahmen zählen Beratungs- und Unterstützungsangebote für Opfer und Täter häuslicher Gewalt. Bei der Finanzierungsfrage stehen Bund und Kommunen vor der Frage, wen sie fördern wollen, Opfer oder Täter? Die Arbeit mit Tätern ist in Deutschland ein relativ neues Arbeitsfeld, das erst Anfang der 1990er Jahre entstand. Kritiker*innen fragen sich, ob die Gelder bei Frauenhäusern und Frauenberatungsstellen nicht besser aufgehoben wären als bei jenen, die für die Gewalt verantwortlich sind. Das kann man aber auch anders sehen.

Hilfe gesucht und gefunden hat Werner Scholl im Internet, nach vielen Stunden Recherche, auf der Seite des Beratungszentrums Gewaltprävention Berlin. Es kostete ihn viel Überwindung, sich fremden Menschen zu offenbaren. Mit den anderen Männern zusammen soll er einen Umgang ohne Gewalt und Aggressionen erlernen. »Am Anfang hielt sich jeder noch dezent zurück. Würden Sie Fremden intimste Dinge erzählen?« Scholl sei in seiner Gruppe der Einzige gewesen, der nicht vorbestraft war. »Alle anderen hatten Knasterfahrung«, sagt er, um noch hinzuzufügen, dass er damit seine Taten nicht verharmlosen wolle, wie er es häufig tut und dann etwas sagt, das ihn in einem besseren Licht dastehen lässt.

Der große Vorteil der Gruppensitzung für die Männer ist die Erkenntnis, dass sie nicht allein sind mit ihrem Verhalten: »Ich muss mich nicht verstecken, hab ja auch was gemacht«, sagt Scholl. Die anderen Teilnehmer heißen bei Scholl Kollegen oder Mitarbeiter oder Mitstreiter, so als sei die Gewalt ihr gemeinsamer Arbeitgeber. Dann erzählt er von dem einen, der einen Fahrradfahrer verprügelt habe, als der ihm aufs Auto spuckte, oder dem anderen, der seinen Chef geschlagen habe, oder dem einen, der einen Obdachlosen das Nasenbein und die Augenhöhle brach. »Nach drei oder vier Stunden wollte ich aufhören«, sagt Scholl. »War mir zu brutal.« Wenn es um die Gewalt anderer geht, fällt das Urteil leicht.

»Gewalt ist keine Krankheit«, sagt Isabella Spiesberger, Psychologin und Soziologin am BZfG. »Sie ist ein Verhalten, das irgendwann erlernt worden ist.« Die Sitzungen, an denen Scholl teilnimmt, sind deswegen keine Therapie, sondern ein Verhaltenstraining. Für Scholl und die anderen Männer mit Gewaltproblem ist das eine gute Nachricht, denn das heißt, dass sie ihr Verhalten ändern können. Wenn die Männer bei Spiesberger in der Beratungsstelle anrufen, sei der erste wichtige Schritt passiert. Das Zentrum für Gewaltprävention gibt es seit 2001. Verhaltenstrainings bietet es für Männer und Frauen immer getrennt an. Für die Täterarbeit holt sich das Zentrum außerdem Unterstützung von anderen Institutionen und Kooperationspartnern.

Gewalttätiges Verhalten kann man den Menschen nicht ansehen, auch Scholl nicht. Der ältere Mann ist groß, aber eher schmal, hat graue Haare, helle Augen und trägt eine ordentliche Jeans mit kariertem Hemd, dazu ein Ehering am Finger. Sein Leben lang arbeitete er als Bestatter für ein großes Bestattungsunternehmen in Berlin. Mit seiner Frau ist er seit 40 Jahren verheiratet. Die anderen Männer in der Gruppe konnten sich nicht vorstellen, warum Scholl Teil der Gruppe ist: »Du machst so einen seriösen Eindruck - und dann auch noch Bestatter, das kann nicht sein«, erinnert sich Scholl. Als er in der letzten Sitzung dann seine Geschichte erzählte, seien die Reaktionen ein Schock für ihn gewesen. »Ich wurde dafür von der Gruppe verurteilt.« Er habe die Stunde verlassen müssen - es aber nicht bereut. Denn: »Da war ein Kloß draußen, das hat mir geholfen.«

Spiesberger zufolge zieht sich Gewalt in Familie und Partnerschaft durch alle Schichten. Man sehe sie überall, in allen Milieus, allen Altersklassen und Bildungsschichten. Die Studie »Gewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen« von 2009 belegt ihren Eindruck. Auch Frauen in mittleren und hohen Bildungs- und Sozialschichten werden Opfer von Gewalt.

Eigentlich wäre Scholl im Kurs gar nicht aufgenommen worden, weil keine Kurse speziell für häusliche Gewalt angeboten werden. »Die Finanzierung fehlt«, sagt Spiesberger. Nur weil Scholls Situation dringend war, konnte sie ihn kurzfristig im Kurs unterbringen. Anders als in anderen Bereichen der Täterarbeit haben Täter und Opfer häuslicher Gewalt in vielen Fällen weiterhin engen Kontakt miteinander. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Gewalttaten wiederholen, ist besonders hoch. Wenn die Beratung dann nicht schnell stattfindet, schließt sich das Fenster, und der Moment, mit den Tätern in Kontakt zu treten, geht vorbei bis zur nächsten Krise. Bei 14 000 Fällen von häuslicher Gewalt allein in Berlin haben die beiden Beratungsstellen in der Hauptstadt mit Fokus auf Täterarbeit viel zu tun. »Wenn Männer anrufen, die vertröstet werden müssen, vergrößert sich das Problem, weil die Hemmschwelle, noch einmal anzurufen, steigt.«

»Viele Täter haben selbst Gewalt- und Opfererfahrungen, und das ist natürlich auch erst mal ein großes Thema bei ihnen«, sagt Spiesberger. So auch Scholl: »Ich kenne es von zu Hause.« Vater gewalttätig und Mutter gleichgültig. Das solle keine Rechtfertigung sein, aber: »Man übernimmt solche Taten, ob gewollt oder ungewollt«, sagt Scholl. Ziel sei es, dass die Männer Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen.

Während des Verhaltenstrainings geht es für die Teilnehmer um Wahrnehmung. Sie sollen merken, wie Stress auf ihren Körper wirkt und wann der Impuls zur Gewalt größer wird, während die Kontrolle schwindet. In Rollenspielen lernen die Männer, Risikosituationen zu erkennen und die Eskalation zu verhindern. Wenn Scholl im Supermarkt merkt, dass er aggressiv wird, nimmt er sich schnell irgendeine Packung und schaut, was darauf steht. Und wenn er zu Hause ist? »Schnell den Raum verlassen, Fernsehen an und Kopfhörer auf«, sagt er. Oder zehnmal tief einatmen. Das war ein anderer Tipp aus der Gruppenstunde. Und helfe das? »Klappt«.

Im letzten Jahr ist von der Fachkommission häusliche Gewalt beschlossen worden, dass der Senat dafür Sorge tragen soll ausreichende Mittel für weitere Täterarbeitseinrichtungen bereit zu stellen. Dieser Beschluss ist bis heute nicht umgesetzt worden. Mit den Tätern möchte sich kaum jemand befassen - auch wenn die Arbeit mit ihnen einen nachhaltigen Opferschutz bedeutet.

Im letzten Jahr hat die Fachkommission häusliche Gewalt beschlossen, dass der Berliner Senat ausreichende Mittel für weitere Tätereinrichtungen bereitstellen soll. Dieser Beschluss sei nie umgesetzt worden, sagt Spiesberger. »Es ist nicht salonfähig, mit Tätern zusammenzuarbeiten. Das ist ein Schmuddelbereich. Auch wenn die Arbeit mit ihnen nachhaltigen Opferschutz bedeutet.«

Am Ende der letzten Gruppensitzung halten die Teilnehmer ein Zertifikat über ihre erfolgreiche Teilnahme in Händen. Ein halbes Jahr trafen die Männer zusammen, und ein halbes Jahr lang beschäftigen sie sich mit den Geschichten von Faustschlägen, Untreue und Alkohol. »Es war eine intensive Beziehung, fast freundschaftlich«, sagt Scholl. Die letzte Stunde, die fand Scholl traurig, »obwohl es sich komisch anhören mag«.

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