Öffentlicher Raum

Die große Verrümpelung

Leo Fischer bemerkt den Trend, öffentlichen Raum wie den privaten Dachboden zu gestalten

Von Leo Fischer

Vielleicht stimmt es wirklich: dass an der Art und Weise, wie die Menschen mit dem Raum umgehen, der ihnen gegeben ist, etwas abzulesen sei über ihre innerliche Verfasstheit, über den Zeitgeist oder den guten alten Überbau. Für Walter Benjamin war der lustwandelnde Flaneur, der sich räsonierend durchs Erlebnisbad bewegt, für Adorno der Autofahrer, der die Tür seines Gefährts mit Krawummsti zuschlägt, je Sinnbild des soziopsychologischen Verhältnisses zum öffentlichen Raum. Heute überhaupt ein solches Verhältnis zu haben, wird knifflig schon deswegen, weil es immer weniger von ihm gibt.

Einerseits natürlich durch seine gnadenlose Durchkommerzialisierung - wenn ein Platz nicht gleich komplett einer Firma überschrieben wird, dann sorgen Polizei und Einzelhandelsverband schon dafür, dass sich niemand zu lange irgendwo aufhält, ohne zu konsumieren. Andererseits braucht es den Zwang fast gar nicht - wird doch der öffentliche Raum auch von denen kaum verteidigt, die ihn eigentlich bräuchten. Im Gegenteil: Sie beteiligen sich noch am öffentlichen Angriff auf die Öffentlichkeit, den wenigen Platz, den es gibt, vermindern sie noch absichtsvoll: Sie rümpeln.

Leo Fischer war Chef des Nachrichtenmagazins »Titanic«. In dieser Rubrik entsorgt er den liegen gelassenen Politikmüll.
Leo Fischer war Chef des Nachrichtenmagazins »Titanic«. In dieser Rubrik entsorgt er den liegen gelassenen Politikmüll.

Seien es die zu Bergen von Elektroschrott gestapelten E-Scooter an der Kreuzung; sei es der mit dem Schild »zu verschenken« vor die Haustür gestellte Sperrmüllberg; sei es das klobige Tourenrad, mit welchem ganze Bahnabteile blockiert werden; seien es doppelt mannshohe Trekking-Rucksäcke, die einem in der Tram ins Gesicht gewemst werden; seien es die schlachtschiffartigen Kinderwägen, deren Breite das gesamte Trottoir in Anspruch nimmt; seien es die hektarweit ausgebreiteten Jacken und Mäntel, die in Theatern und Restaurants Plätze reservieren wie sonst nur am Pool; seien es die riesigen Haufen durchnässter, fauliger Stoffreste, die sich neben den Containern zur Kleidersammlung häufen; seien es die monströsen Hartschalenkoffer, die mit absoluter Selbstverständlichkeit auf Sitzplätze gestellt werden, als seien es besonderer Pflege bedürftige Kleinkinder - es wird gerümpelt, was das Zeug hält.

War Gerümpel in früheren Zeiten so lust- wie schamvoll verborgenes Familiengeheimnis, auf geheimnisumwitterte Dachböden und in gruselige Keller, ins architektonische Unbewusste entsorgte Peinlichkeit, so ist der öffentliche Raum auf schlechte Weise zur Allmende geworden - zur Universalmüllkippe, zum für jedermann kolonisierbaren Niemandsland, in welches man sich in einer Art umgekehrter Goldgräberstimmung hinein befreit und erleichtert.

In strenger Identifikation mit dem Angreifer tut man es den Unternehmen gleich, die ihre überteuerten E-Roller als Blechlawine auf die Innenstädte loslassen und sie nach der schnell folgenden Pleite von der Allgemeinheit recyceln lassen. Statt das karge Gut des friedvoll teilbaren Raums zu nutzen, wird jeder zum Agenten der Privatisierung in eigener Sache - möglichst große Räume müssen mit möglichst großen Schrottobjekten in Besitz genommen werden.

Während die Wohnungen immer unbewohnbarer werden, sei’s durch Mietpreise oder durch Minimalismus, wird das Zugabteil, der kleine Park zum Dachboden aller. Gleich, wie strapaziös das eigene Fortkommen wird, gleich, wie peinigend der Anblick - der Kampf um die Quadratmeter wird auf der Straße fortgesetzt. Aus kubikstarken Rucksäcken, Fahrrädern und sonstigen Raumverschwendern wird ein Körperpanzer geschmiedet, um sich auch »draußen zu Hause« zu fühlen, wie es bei einem führenden Gerümpelanbieter heißt. Zu Hause wäre man jedoch allenfalls da, wo man sich nicht verteidigen müsste.