Körpergesellschaft - Gesellschaftskörper

sieben tage, sieben nächte

Von Stephan Fischer

Die Körper der Menschen sind die Schlachtfelder der Zeiten, in denen sie leben. Sie sind Waffen, Opfer und Spielfeld gesellschaftlicher Konflikte zugleich. Fitnessstudios sind Alltagsorte für Millionen; vor nur einer Generation war daran nicht zu denken. Kraft und Ausdauer werden dort trainiert, die Steigerung körperlicher Attraktivität ist Effekt und Ziel zugleich. Natürlich ist dabei vieles Selbstzweck - aber kommt dieser Zweck wirklich aus einem selbst? An den Effekten ist an sich nichts Verwerfliches, aber sie passen auch hervorragend in die meisten gesellschaftlichen Ordnungen. Starke, gesunde Körper sind nicht nur für die Menschen selbst erstrebenswert.

Nun wäre der Mensch nicht der Mensch, würde er sich dabei nicht fortwährend in Widersprüche verwickeln. Eine Fitnesskette wirbt mit dem Slogan, dass ein starker Rücken keinen Schmerz kenne. Diesen starken Rücken trainieren sich die meisten jedoch an, weil sie ihren Rücken eben viel zu oft in ungesunder Art und Weise brauchen und gebrauchen und damit wieder schwächen: ein starker Rücken, damit man lange sitzen kann. Einen starken Rücken, damit man zu schwere Lasten, physisch wie psychisch, tragen kann. Man trainiert sich gesund, um mehr und länger ungesunde Dinge tun zu können.

Ein Beispiel hierfür ist die in den letzten Jahrzehnten aufgekommene Marathonmanie. Gesellschaftlich ist sie anerkannt: wegen der Ausdauer, der Kraft und Willensstärke, die im Training für die und in der Überwindung der mehr als 42 Kilometer steckt. Aber wenn die Laufenden ihre Gelenke in Knie und Knöchel fragen könnten, was die vom tausendfachen Aufprall auf steinhartem Grund halten, die Antwort fiele nicht unbedingt positiv aus.

Die positive Bewertung durch Mitmenschen macht da vieles wett und ist auch entscheidend: Eine ähnliche Leistung wäre es doch, seine Lunge zu trainieren, damit man länger und mehr rauchen kann. Zu weit hergeholt? Nun, man sprüht sich auch mit Deo ein, um kurzfristig gesellschaftsadäquat zu riechen, und nimmt dabei Aerosole und Aluminium mit dem Körper auf - mit Effekten zum Vergessen. Aber eben später.

Der Mensch mit seinem Körper ist gern ein Individuum und geht dabei doch in der Masse, im Gesellschaftskörper, auf: Zum einen ist der individuell erstrebte Körper eben auch normiert, zum anderen gibt es tolle Teile im Gesellschaftskörper. Manche wären gern das Gehirn der Gruppe, andere die Faust - interessanterweise ist keiner gern der kleine Finger, ohne den keine Faust auskommt. Und niemand möchte gern der Blinddarm sein, obwohl auf die meisten Menschen genau dessen Wesen zutrifft: nicht zu sehen, keiner weiß, was er genau macht und wofür. Doch wenn er Schaden anrichtet, dann nur am eigenen Träger - und hat damit vielen Menschen sogar etwas voraus. Stephan Fischer