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Urkatastrophe der Globalisierung

Zum Jahrestag des Giftgasunfalls in Bhopal würdigt Ethikstiftung den Einsatz für die Opfer

  • Von Peter Nowak
  • Lesedauer: 3 Min.
Chironjee Bai Thakur, eine Überlebende des Chemiedesasters von Bhopal, hält ein Bild ihres verstorbenen Ehemannes Maharja Singh während einer Demonstration in Bhopal 2014.
Chironjee Bai Thakur, eine Überlebende des Chemiedesasters von Bhopal, hält ein Bild ihres verstorbenen Ehemannes Maharja Singh während einer Demonstration in Bhopal 2014.

»Gerechtigkeit für die Überlebenden von Bhopal«, stand auf einen Banner in einem Raum der Berliner Kulturbrauerei. Dort vergab die Stiftung für Ethik und Ökonomie, Ethecon, am Samstag ihren »Blue Planet Award« an die indische Menschenrechts- und Umweltaktivistin Rachna Dhingra und ihren Mann Satinath Sarangi, Gründer eines selbstverwalteten Krankenhauses für die Opfer der Chemiekatastrophe von Bhopal, die sich am 3. Dezember zum 35. Mal jährt.

In der indischen Millionenstadt Bhopal war 1984 aus einer Anlage des US-amerikanischen Konzerns Union Carbide - heute eine Tochtergesellschaft von Dow Chemical - tödliches Giftgas ausgetreten. Auf der Ethecon-Veranstaltung ging Michael Gottlob von Amnesty International kenntnisreich auf die Folgen ein. Unmittelbar nach dem Austreten des Giftes starben demnach Hunderte Menschen, Zehntausende wurden vergiftet. In den letzten 35 Jahren sind nach vorsichtigen Schätzungen 25 000 Menschen an den Folgen gestorben. Wesentlich mehr Personen leiden noch heute an gesundheitlichen Problemen.

Indien-Experte Gottlob berichtete auch über den Kampf der Überlebenden um eine angemessene Entschädigung und von der Behebung der Gesundheits- und Umweltschäden im betroffenen Gebiet. Dow Chemical hat es abgelehnt, vor indischen Gerichten zu erscheinen. Dabei wurde der Konzern von der US-Regierung unterstützt. Sie überredete die indische Regierung, einen Vergleich zu akzeptieren, dessen Betrag durch die Versicherungen gedeckt war.

Dass der Ruf nach Entschädigung trotzdem nicht verstummt, ist auch ein Verdienst der Preisträgerin Rachna Dhingra. Nach ihrem Studium in den USA, wo sie Überlebende der Katastrophe kennenlernte, wurde sie zu einer wichtigen Stimme ihres Widerstands. Bei der Preisverleihung in Berlin klagte die Menschenrechtsaktivistin nicht nur Dow Chemical, sondern den globalen Kapitalismus insgesamt an. Um Kosten zu sparen, war beim Bau der Chemieanlage in Indien auf Sicherheitsstandards verzichtet worden, die bei ähnlichen Projekten in den USA vorgeschrieben gewesen wären. Ethecon-Gründungsmitglied Axel Köhler-Schnura bezeichnete den Unfall von Bhopal denn auch als »Urkatastrophe der Globalisierung«. Rund um den Jahrestag des Chemieunfalls finden in vielen Ländern Solidaritätsaktionen statt. In Berlin ist am Vorabend des 3. Dezember eine Mahnwache vor der US-Botschaft geplant.

Der Negativpreis der Ethikstiftung, der »Dead Planet Award«, ging in diesem Jahr an Großaktionäre und Vorstände von JBS, dem weltgrößten Fleischkonzern aus Brasilien. Ihnen wird nicht nur die Schädigung »menschlicher Gesundheit bis hin zum millionenfachen Tod« vorgeworfen, sondern auch, das Klima in irreparabler Weise zu ruinieren. Der Konzern trete die Rechte der Beschäftigten mit Füßen, sagte Christian Russau vom Dachverband der Kritischen Aktionäre in seiner Schmährede.

Zugleich lobte der Brasilien-Experte, dass sich weltweit Menschen gegen Brasiliens rechten Präsidenten Jair Bolsonaro stellten. Die Empörung über die Brände in den Wäldern des Amazonas sieht Russau hingegen mit gemischten Gefühlen. So habe die Sorge vor allem dem Erhalt »der grünen Lunge der Welt« gegolten, kritisierte er. Dabei müsse es darum gehen, den Lebensraum der dort wohnenden Indigenen zu schützen und ihre Rechte zu verteidigen.

Das Anliegen der Stiftung, die die beiden Preise seit 2006 verleiht, ist es, eine globale linke Bewegung zu unterstützen. Der Kampf für die Rechte von Arbeiter*innen steht dabei ebenso im Fokus wie der Schutz der Umwelt. Am Samstag wurde gezeigt, dass es möglich ist, diese Kämpfe mit einer antikapitalistischen Stoßrichtung zu verbinden.

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