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Kleine Handgriffe, große Wirkung

Der neue Trainer Achim Beierlorzer hat die Mainzer Fußballer gleich zu einem 5:1-Erfolg in Hoffenheim geführt

  • Von Frank Hellmann, Sinsheim
  • Lesedauer: 4 Min.
Viel Zeit brauchte Achim Beierlorzer (M.) in Mainz nicht, um seine neuen Spieler zum dringend notwendigen Erfolgserlebnis zu coachen.
Viel Zeit brauchte Achim Beierlorzer (M.) in Mainz nicht, um seine neuen Spieler zum dringend notwendigen Erfolgserlebnis zu coachen.

Vermutlich haben die glücklichen Protagonisten des 1. FSV Mainz 05 am Sonntagabend gar nicht mitbekommen, welch passende akustische Untermalung ihnen die Stadionregie in Sinsheim bot. »Ist da jemand« schepperte aus den Lautsprechern, als sich die Spieler mit ihrem neuen Trainer Achim Beierlorzer nach dem unerwarteten Überraschungscoup, dem 5:1-Auswärtssieg bei 1899 Hoffenheim, abklatschten. Der einfühlsame Popsong von Adel Tawil fasste die Gemengelage der Gäste insofern gut zusammen, weil darin das Lebensgefühl einer ganzen Generation besungen wird, deren Welt aus den Fugen geraten zu sein scheint.

So ähnlich hatte sich das bei den Rheinhessen zuletzt angefühlt. Mit mehreren missratenen Auftritten war die heile Fußballwelt der 05er kaputt gegangen - weil der gebürtige Mainzer und ehemalige FSV-Profi Sandro Schwarz seinen Trainerjob verlor, obwohl ihn menschlich eigentlich alle dufte fanden.

Daraufhin kam der Mainzer Sportvorstand Rouven Schröder auf die Idee, als Nachfolger den neun Tage zuvor beim 1. FC Köln - nach einer 1:2-Heimniederlage gegen Hoffenheim - entlassenen Fußballlehrer Beierlorzer zu verpflichten. Und jetzt ist da plötzlich ein Trainer, der mit Blickrichtung auf das Derby gegen Eintracht Frankfurt am kommenden Montag frohgemut verkündet, dass man »nachlegen« wolle.

Zum Debüt hatte der kernige Franke mit der klaren Stimme kleine Handgriffe mit großer Wirkung vorgenommen. Eine Dreierkette half, den wackligen Defensivverbund zu stabilisieren. Zudem tauchten weder Kapitän Danny Latza noch sein Stellvertreter Daniel Brosinski in der Startelf auf, nachdem beide in den krisenhaften Wochen viel zu viel mit sich selbst zu tun hatten. Die Binde trug dafür der junge Moussa Niakhaté, Führungskraft aus der frankophonen Fraktion, den das Mehr an Verantwortung zu beflügeln schien. Dass Beierlorzer direkt gegen denselben Gegner reüssierte, der ihn erst vor zwei Wochen um den Job gebracht hatte, bereicherte die Bundesliga um ein kurioses Kapitel. Oder wie Schröder sagte: »Im Endeffekt haben alle gespürt, dass Fußball manchmal nicht zu beschreiben ist. Wir lieben diesen Sport auch, weil manche Dinge gar nicht in Worte zu fassen sind.«

Der 44-jährige Sportvorstand versuchte es dann doch: Beierlorzer habe »Teamgedanke, Mut und Leidenschaft« belebt. Und: »Durch den neuen Trainer war der Konkurrenzkampf neu entbrannt.« Aber insgesamt war beim Fünferpack im Kraichgau fast alles für die Nullfünfer gelaufen. Schröder registrierte mit Wohlgefallen, dass Beierlorzer jede Verklärung seines Wirkens fern lag und die Verdienste seines Vorgängers Schwarz würdigte: »Die Arbeit wurde vorher gemacht. Ich bin erst gut eine Woche da.« Er vergaß auch keinesfalls zu erwähnen, dass das Matchglück - symbolisch beim kuriosen Kopfball-Eigentor von Pavel Kaderabek zum 0:2 (52.) zu besichtigen - auf seiner Seite stand. »Mit Köln bekommen wir in der 98. Minute einen Elfmeter gegen uns«, erinnerte sich der 52-Jährige an gegensätzliche Verläufe, als er noch rheinabwärts coachte. »Die Charakteristik eines Fußballspiels«, sinnierte er, »ist nicht vorhersehbar«.

Die Mainz wirkten jedenfalls wie wachgeküsst und bestachen beim bislang höchsten Saisonsieg mit gnadenloser Effizienz. Beierlorzer lobte zu Recht die »sensationelle Disziplin und klasse Umschaltmomente«. Nach der Führung durch den zum Rechtsverteidiger umfunktionierten Levin Öztunali (33.) folgten selbst in Unterzahl noch weitere blitzsaubere Kontertore. Der zu Recht von Schiedsrichter Bastian Dankert nachträglich mit Rot geahndete Tritt von Ridle Baku gegen Hoffenheims Sebastian Rudy zum Ende der ersten Halbzeit blieb damit folgenlos. »Er wollte ein Zeichen setzen, aber das darf nicht sein, dass man so gegen den Fuß des Gegners geht«, räumte Beierlorzer ein.

Sein Team fing den Ausfall im Kollektiv ebenfalls ohne Wehklagen auf, weil sich auf einmal viele Stützen zeigten. Der überragende Taktgeber Jean-Paul Boetius, der beim vierten Treffer halb Hoffenheim austrickste (90.), der bienenfleißige Stürmer Karim Onisiwo, der dynamische Doppeltorschütze Pierre Kunde (62. und 90.+3), der bärenstarke Abwehrchef Jeremiah St. Juste oder der tüchtige Tormann Robin Zentner, der mal wieder mit katzenhafter Gewandtheit bei kräftiger Statur verblüffte: Sie alle könnten die Gesichter des Aufschwungs werden.

Damit wäre dann auch die aufkeimende Kritik an der Kaderzusammenstellung gekontert, die dem Verantwortlichen Schröder nicht geschmeckt haben kann. Er stellte ohne rechthaberischen Unterton fest: »Man sieht, dass bei uns Potenzial drin steckt. Das heißt aber auch, es dauerhaft abzurufen. Deshalb ist der Anspruch fürs nächste Heimspiel gegen Frankfurt enorm hoch.« Damit hat er seinem neuen Trainer auch gleich einen Auftrag übermittelt.

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