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Weil ich ein Wessi bin …

Als Ostdeutscher darf man im Grunde nicht in guten Tönen über die Zeit vor dem Mauerfall und der Wiedervereinigung sprechen.

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.
Wer in der DDR lebte, war permanenter Indoktrination ausgesetzt. Oder?
Wer in der DDR lebte, war permanenter Indoktrination ausgesetzt. Oder?

Ach, die Schulzeit war schon schön. Unbeschwert. Wir wussten ja noch nichts – damals in den Achtzigern. Wir hatten engagierte Lehrerinnen und nur wenige Lehrer. Unsere Bildung stand im Mittelpunkt. Man bemühte sich um uns. Damals in der guten alten Zeit. So darf ich schwelgen, das ist mein gutes Recht im heutigen Deutschland, wo viele auf ihre Weise nostalgisch zurückblicken, weil sie in der Gegenwart die Orientierung verloren haben. Wäre ich nicht in der bayerischen Provinz aufgewachsen, sondern in Görlitz oder Sömmerda, sähe es tatsächlich ein bisschen anders aus.

Denn Nostalgie muss man sich in der modernen Bundesrepublik leisten können. Und leisten kann man sie sich als Westdeutscher. Als Ostdeutscher darf man im Grunde nicht in guten Tönen über die Zeit vor dem Mauerfall und der Wiedervereinigung sprechen. Wer es tut, der verklärt nämlich nur. Der verdrängt. Hat immer noch nicht eingesehen, dass damals eben nichts gut war.

Das geht mit Kleinigkeiten los. Mit der schönen Schulzeit zum Beispiel. Wie könne man die als Ostdeutscher denn bitte genossen haben? In einem Unrechtsstaat gibt es nichts Schönes. Man wurde schließlich dauernd indoktriniert, keine Aufgabe wurde gestellt, die sich nicht ins sozialistische Weltbild einbettete. Und infiltriert wurde man auch noch. Ab der 9. Klasse gab es dann sogar Wehrunterricht. Um im Fall der Fälle die »sozialistische Landesverteidigung« sicherstellen zu können. Wie in aller Welt kann man da von der schönen Schulzeit schwelgen?

Ich hingegen kann das. Klar, ich erinnere mich an eine Grundschullehrerin, die hin und wieder ihre Schüler geohrfeigt hat, einen Freund schlug sie mal, weil der im Malunterricht keinen Schmetterling sondern eine Schnecke gepinselt hatte. Eine andere zeichnete ihre Schülerinnen und Schüler damit aus, dass sie ihre Arbeitstasche vom Auto ins Klassenzimmer und wieder zurück schleppen durften. Mein Klassenlehrer in der Hauptschule fragte einen dicklichen türkischen Mitschüler mal: »Hey Türke, hast du Ball verschluckt?« Und einer Mitschülerin drohte er Ohrfeigen an, von denen er erst wieder abließe, wenn ihr »Gesicht zum Arsch rausschaut«. Elternaufstand? Gab es nicht!

Außerdem hatten wir einen Rektor, der in der örtlichen CSU saß und Stadtrat war. Im Sozialkundeunterricht erklärte er uns, was die gesellschaftliche Schlechterstellung von Arbeitern berechtigte: Sie leisteten nämlich nicht das, was eben Leistungsträger leisteten. Im gleichen Schulfach hielten sie uns die Alterspyramide als demographischen Idealfall unter die Nase. Wenn eine Gesellschaft statistisch so aussähe, machte man uns deutlich, dann klappe das auch mit dem Rentensystem. Heute weiß ich natürlich, wer eine solche Pyramide aufweisen kann: Länder wie der Niger zum Beispiel, wo es hohe Kindersterblichkeit gibt und eine kurze Lebenserwartung.

Und jetzt habe ich nur meinen eigenen kleinen Kosmos bemüht. Von alle den alten Nazis, die sich aus dem Dritten Reich in die Bundesrepublik hinübergerettet haben, die dort in der Politik, Wirtschaft, Ärzte- und Lehrerschaft wirkten, muss man ja auch noch unbedingt sprechen. Wie konnte das in den guten alten Zeiten des westdeutschen Rechtsstaats nur geschehen? Warum wurde Frauen dort außerdem wesentlich stärker benachteiligt als etwa »drüben«?

Es stellt sich die Frage, ob Nostalgie eine berechtigte Reaktion sein kann, angesichts dessen, was auch im guten Westen den Alltag prägte. Aber wir Westdeutschen baden einfach ganz romantisch in unseren Erinnerungen, schweifen zurück, wir erlauben es uns einfach, weil die Retrospektive ein Recht zu sein scheint, dass wir uns aus unserer so stolz zitierten »freiheitlich-demokratischen Grundordnung« ableiten. Der Ostdeutsche kannte die ja nicht: Also hat er auch kein Recht zur Ostalgie.

Wenn er dieselben Märchen aus einer Vergangenheit bemüht, in der noch alles satter, bunter, gemütlicher war, dann rümpft der Wessi natürlich die Nase. Und das ist noch die freundlichere Reaktion. Oft erntet der Ostalgiker wütende Belehrungen. Dann unterstellt man ihm Undankbarkeit. Oder Vorteile durch Stasi-Nähe. Denn nur so einer könne schließlich eine gute Zeit gehabt haben in der Diktatur.

Mit der Nostalgie ist es wie mit der Geschichte: Die Gewinner schreiben sie vor. Wäre das 1989/90 andersrum gelaufen, würde dieser Text hier vermutlich »Weil ich kein Ossi bin …« heißen und ich würde mich darin bitter beklagen.

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