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Pleite vor Berufsbeginn

In den USA stehen immer mehr Studenten in der Kreide. Schuld sind die hohen Studiengebühren

  • Von Max Böhnel
  • Lesedauer: 7 Min.
Im Film wie im realen Leben: An Thanksgiving kommt in den USA die Familie zusammen. Für Studenten ist die Reise ein teures Vergnügen.
Im Film wie im realen Leben: An Thanksgiving kommt in den USA die Familie zusammen. Für Studenten ist die Reise ein teures Vergnügen.

Der Truthahn war schon vorbestellt. Die Moores füllten ihn am Donnerstagmorgen wie immer klassisch, mit Sellerie, Apfel, Zwiebel und Weißbrot. Dazu gab es Süßkartoffeln mit Marshmellows obendrauf sowie Salate. Darauf freute sich der 19-jährige Jake Moore schon seit Wochen. Seit Dienstag ist der strubbelhaarige junge Mann zum Thanksgiving-Besuch zu Hause bei seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester Emma. So lange war er noch nie weg gewesen. Im Spätsommer war er ausgezogen, zum Studium an die Universität in Vermont, im Nordosten der USA, an der Grenze zu Kanada. Das Elternhaus in New Jersey liegt sieben Stunden Busfahrt weiter südlich, mit einmal Umsteigen. Die kurze Semesterpause nutzt Jake zum Durchatmen vor den Prüfungen vor Weihnachten.

Ähnlich geht es der Mehrzahl der 20 Millionen Studenten in den USA, die über Thanksgiving nach Hause fahren. Die meisten reisen tags davor an, am schlimmsten Reisetag des Jahres. Aber selbst wenn die Blechschlangen überstanden sind, ist der Stress nicht vorbei. In vielen US-amerikanischen Familien geht es ums leidige Geld. Darüber muss gesprochen werden. Denn fast alle sind von der Studienkreditkrise betroffen. Auch die Moores.

Die Mittelklasse wird geschröpft

Ein Jahr Studium an der University of Vermont kostet 60 000 Dollar, inklusive Essen, Wohnheim und Bücher. So viel müssen allerdings nur die Allerreichsten bezahlen. Die monströse Summe reduziert sich mittels Finanzhilfen. Die werden ein paar Monate vor Semesterbeginn beantragt. Die Universität nimmt dabei die Finanzen der Familie unter die Lupe. Jahreseinkommen, Immobilienwerte, Einkommenssteuern und Erspartes werden miteinander verrechnet. Daraus ergibt sich laut einer Formel, die der Gesetzgeber festgelegt hat, der »voraussichtlich fällige Familienbeitrag«. Eine arme Familie hat nichts zu bezahlen. Abkassiert wird bei allen, die darüberliegen, mehrheitlich bei der »middle class«.

Bei den Moores beträgt die Summe, die für Jakes Studium jährlich zu überweisen ist, 19 000 Dollar. Aber das Geld ist nicht da. Jakes Vater ist Filialleiter in einem Supermarkt, seine Mutter arbeitet als Buchhalterin. Von dem Einkommen wird die Hypothek aufs Eigenheim - Schätzwert 280 000 Dollar - abbezahlt und der Alltag bestritten. Zwei Familienurlaube pro Jahr waren bisher drin - eineinhalb Wochen im Sommer, ein paar Tage im Winter. Aber jetzt müssen Abstriche gemacht werden. »Ausgaben reduzieren und Einkommen steigern«, sagt Mutter Moore mit dem Taschenrechner in der Hand.

Vater Moore hat für den kommenden Sommer schon einen zweiten Job bei dem Internet-Fahrdienstvermittler Lyft angenommen. An freien Wochenenden fährt er Taxi. Die Moores führten schon immer streng Buch. Zur Seite legen konnten sie in den Jahren, als die Kinder groß wurden, nicht viel. Emma ist inzwischen 14 Jahre alt. 100, manchmal 200 Dollar der elterlichen Einkommen gingen am Monatsende auf ein College-Sparkonto. Als Jake in der 11. Klasse war, refinanzierte die Familie das Haus. Dadurch verlängerte sich zwar die Laufzeit, aber die Monatsrate wurde kleiner. »Unterm Strich können wir ungefähr 14 000 im Jahr bezahlen, der Rest sind Schulden«, sagt Jake. »Die muss ich nach dem Studium abbezahlen.«

Ein Jahr vor Jakes Highschool-Abschluss begann mit der College-Suche auch die stressige Rechnerei. »Die Wochenenden waren voll davon«, sagt Jake. Wie in einem Hamsterrad habe es sich angefühlt, die Studienfinanzierung auszuloten, erinnert er sich. Statt sich mit Freunden zu treffen, saß er damals grummelnd mit seinen Eltern am Küchentisch. Immer wieder tauchte die Frage auf: Lohnt es sich überhaupt, Schulden zu machen? Zu einem Studium, auch auf Pump, gebe es aber nur »die Alternative mieser Job«, sagt Jake.

Wachsender Leistungsdruck

College-Absolventen verdienen im Laufe ihres Lebens zwar deutlich mehr als Lohnarbeiter, die direkt nach der Highschool auf den Arbeitsmarkt gehen. Aber nicht alle finden eine gut bezahlte Stelle, mit der sie die Studienschulden zurückzahlen können. Wer nach dem Abschluss keine hoch dotierte oder sogar gar keine Arbeit findet, ist auf »Hotel Mama« angewiesen und muss notgedrungen wieder zu Hause einziehen. Die Schuldenlast von College-Absolventen macht die Lebensplanung immer öfter unmöglich. Die Angst vor der Zukunft nagt an vielen. An den Kauf oder die Miete einer Wohnung - der erste Schritt zur Unabhängigkeit - ist nicht zu denken, ebenso wenig an Heirat und Familiengründung. Das Bewusstsein darüber, zu Karrierebeginn tief in den roten Zahlen zu stecken, wirkt sich verschiedenen Studien zufolge auf Gesundheit und Familie aus. Laut einer Umfrage vom September ging über die Hälfte der verschuldeten Uni-Absolventen nicht zum Arzt. Etwa die Hälfte nahm Abstand vom Hauskauf. Ein Drittel blieb in einem schlecht bezahlten Job hängen. Und ein Drittel entschloss sich, keine Familie zu gründen.

Dass Schulden ein Riesenproblem sind, ist Jake bewusst. Er beißt sich auf die Lippen und verrät sein Hauptziel an der Uni: »Keinen einzigen Kurs verschlafen, gute Prüfungsnoten und netzwerken«, damit er sich nicht lange auf Arbeitsplatzsuche begeben muss. Mit etwa 20 000 Dollar Schulden wird er in dreieinhalb Jahren die Universität verlassen »und diese irgendwie abstottern«. Das ist noch ziemlich wenig im Vergleich zu seinen Freunden aus der Highschool. Mit ihnen hatte er sich gleich am Dienstag nach der Rückkehr aus Vermont getroffen. Bis in die Morgenstunden feierten sie ihr Wiedersehen. Dabei wurde auch das Thema Geld gestreift. Einer sieht 50 000 Miesen entgegen, ein anderer 32 000, ein Dritter so viel wie Jake. »Das sitzt dir jeden Tag im Nacken, das ist ein Druck, der nicht weggeht«, sagt Jake. Er verweist auf Mister Meru. Der Fall war vergangenes Jahr durch alle Medien gegangen.

Das »Wall Street Journal« berichtete damals über den Zahnarzt Mike Meru aus Utah und seine Schuldenodyssee. Meru hatte seine Ausbildung an der University of Southern California zehn Jahre zuvor erfolgreich abgeschlossen, aber mit der ungeheuren Schuldenlast von über 600 000 Dollar. Meru fand schnell eine Topstelle in einer Gemeinschaftspraxis. Seitdem überweist er laut Vereinbarung monatlich zehn Prozent seines Einkommens an den Kreditgeber, also 1589,57 Dollar. Aber der Schuldzins steigt und damit der Schuldenberg, den Merus Monatsrate längst nicht mehr abtragen kann. Der 38-Jährige ist deshalb heute mit über einer Million Dollar verschuldet. Wenn die 25-jährige Laufzeit abgelaufen ist, wird sich die Summe verdoppelt haben. Dann streicht der Staat laut Vereinbarung seine Restschuld - aber dafür muss Meru 700 000 Einkommensteuer überweisen.

Die meisten Schuldner, die ein hohes Einkommen haben, strecken den Schuldendienst, wenn die Voraussetzungen stimmen: gute Bonität, stabiles Monatseinkommen und ein günstiges Einkommens-Schulden-Verhältnis. Die Refinanzierungszinsen sind für sie derzeit mit bis zu zwei Prozent recht günstig. Eine weitere Option ist die, die der Zahnarzt aus Utah in Anspruch nimmt: die Anpassung der Schuldenrückzahlungsrate an das Einkommen.

Alles richtig gemacht und doch verschuldet

Bei den Moores spielten Geld und Finanzen schon früh eine wichtige Rolle. Mit zwölf drittelte Jake sein Taschengeld und was er sonst noch so an kleinen Geldgeschenken, etwa zum Geburtstag, erhielt: Ein Drittel wurde gleich weggesteckt fürs Alter, ein Drittel ging aufs Sparkonto und ein Drittel blieb für Kino und Kaugummi. Ab dem 15. Lebensjahr arbeitete er in den Sommerferien, zweimal sogar im Winter. Seine Schwester ist in seine Fußstapfen getreten. An den Wochenenden arbeitet sie als Babysitterin bei Bekannten. Das Geld spart sie fürs College.

Alles richtig gemacht und doch verschuldet. Das ist das Schicksal vieler Absolventen. Der Hauptgrund ist das unregulierte private Hochschulwesen. Die Erhöhung der Studiengebühren um drei bis fünf Prozent pro Jahr ist ein fast schon für natürlich gehaltenes Ritual. In den vergangenen 25 Jahren sind sie inflationsbereinigt um durchschnittlich 85 Prozent gestiegen.

Linke Demokraten entdecken Studienkredite als Thema

Die Studienkosten sind deshalb ein Wahlkampfthema. Die Progressiven unter den Demokraten haben entsprechende Reformvorschläge gemacht. Elisabeth Warren will Haushalte, die ein Einkommen von weniger als 100 000 Dollar im Jahr haben, bis zu 50 000 Dollar ihrer Studienschulden erlassen.

Im Sommer präsentierte Bernie Sanders seinen Gesetzesentwurf. Er will allen 45 Millionen US-Amerikanern - von Alt bis Jung - die Studienkredite erlassen. Zudem soll jeder Highschool-Schulabgänger das Recht auf ein kostenloses Bachelor-Studium an einer öffentlichen Hochschule erhalten. Finanzieren will der 78-jährige Sanders das Vorhaben mit einer Spekulationssteuer auf Wall-Street-Transaktionen. »2008 hat das amerikanische Volk die Wall Street gerettet. Jetzt ist die Wall Street an der Reihe. Sie muss der Mittelschicht und der Arbeiterklasse unseres Landes helfen«, sagte Sanders.

Jake Moore hatte sich schon vergangenes Jahr zu seinem 18. Geburtstag ins Wählerregister eingetragen. Er hat vor, an den Vorwahlen der Demokraten teilzunehmen. »Warren oder Sanders, beide sind gut«, sagt er. »Vielleicht komme ich aus der Uni sogar schuldenfrei heraus.«

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