Das »nd« reiste mit an den Nordpol.

Zwei Jahre auf dem Weg des Lebens

Erst lief Robby Clemens vom Nordpol bis (fast) zum Südpol, nun ist das Buch dazu erschienen

Von Heidi Diehl

Robby Clemens: Bis ans Ende der Welt und zu mir selbst. Piper, 272 S., brosch., 18 €; E-Book: 15,99 €.
Robby Clemens: Bis ans Ende der Welt und zu mir selbst. Piper, 272 S., brosch., 18 €; E-Book: 15,99 €.

Wovon Frank Schöbel nur sang, das hat er in die Tat umgesetzt: Robby Clemens lief vom Nordpol zum Südpol zu Fuß. Fast jedenfalls, denn als die Kosten für das letzte Stück des Weges zum Südpol in schwindelerregende Höhen stiegen, musste er sich entscheiden, ob er seinen Lebenstraum auf Biegen und Brechen durchsetzt oder aus Vernunftsgründen kurz vor dem Ziel aufhört. Die Vernunft siegte, und so beendete er den Lauf seines Lebens nach 611 Tagen in Punta Arenas, der südlichsten Stadt Chiles. »Ich habe meinen persönlichen Südpol erreicht«, sagte er mir damals. Auch ich war somit am Ziel meiner Reise angekommen, denn von Anfang bis Ende begleitete ich ihn gewissermaßen in seinem Windschatten per Telefon, Skype und WhatsApp, um seine Abenteuer für Sie, liebe Leserinnen und Leser, in einem Blog festzuhalten. Unter www.neues-deutschland.de/rubrik/nordpolsuedpol können Sie diese 32 Texte nachlesen.

Wem das nicht genug ist, dem sei das gerade erschienene Buch »Bis ans Ende der Welt und zu mir selbst« empfohlen, das Robby Clemens nach seiner Rückkehr vor knapp einem Jahr gemeinsam mit dem Autor Nils Straatmann geschrieben hat. »Das war noch mal ein hartes Stück Arbeit«, sagt Robby, »doch jetzt habe ich meinen Lauf wirklich beendet.« Wobei er auch nach einem Jahr noch bekennt: »So richtig zu Hause angekommen bin ich noch immer nicht.«

Wer will ihm das verdenken. Waren doch die fast zwei Jahre, die er in Laufschuhen vom Nordpol bis ans Ende von Patagonien zurücklegte, von einer Intensität, wie sie wohl nur wenige je erleben. »Ich habe so viele Menschen kennengelernt, die mir zu Freunden geworden sind, die mich ein Stück des Weges begleiteten oder mir in schwierigen Situationen halfen.«

Nach einer langen Vorbereitungszeit begann das Abenteuer am 9. April 2017 mit Robbys Teilnahme am Nordpolmarathon, dem wohl härtesten Marathon der Welt. 42,195 Kilometer bei Minus 40 Grad zurückzulegen, das bringt auch die besten Läufer an ihre Grenzen. Umso mehr zogen alle den Hut vor Robby, der mit 56 Jahren einer der Ältesten unter den 55 Teilnehmern des Marathons war. Nach neun Stunden, 38 Minuten und neun Sekunden lief er über die Ziellinie - völlig fertig, aber überglücklich.

Da hatte er noch keine Ahnung, welche Hürden er bis zum Ende der Tour im Dezember 2018 noch nehmen würde. Die nächste und, wie er im Nachhinein sagt, mit Abstand anstrengendste Herausforderung folgte gleich auf dem Fuße: die Durchquerung Grönlands gemeinsam mit einer Gruppe ebenso »Verrückter«. 550 Kilometer durchs ewige Eis, wochenlang nur Schnee und Eis vor, hinter und neben sich, eisiger Wind und im Schlepptau den schweren Pulka, in dem alles verstaut war, was das Überleben sicherte. Zwei Wochen war er regelrecht vom Radar verschwunden, keinerlei Funkempfang mehr möglich - und ich war glücklich, als ich ihn endlich wieder an der »Strippe« hatte und erfuhr, dass es ihm und allen anderen einigermaßen gut geht. Er habe sich einige Erfrierungen an den Fingern der linken Hand zugezogen, »amputiert werden müssen sie nicht«, sagte er, »doch als kribbelndes Souvenir aus Grönland werden sie mich auf meinem weiteren Lebensweg wohl begleiten«.

Nach diesem »kleinen« Abstecher ins (hoffentlich) ewige Eis flog er in die USA, um von dort aus immer südwärts seinem Ziel entgegenzulaufen. Am Ende hatte er 23 000 Kilometer unter die Füße genommen und dabei 15 Länder durchquert. Wohin er auch kam, Überraschungen erlebte er immer wieder: In Houston wurde ihm die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen; in Mexiko ernannte man ihn zum Klimabotschafter; in Guatemala wurden Robby und Ralf - der »Franky« steuerte, das in Houston gekaufte Begleitfahrzeug - von einer Familie spontan eingeladen, mit ihr das Weihnachtsfest zu verbringen; und in El Salvador segnete ihn der Erzbischof. Doch es gab auch Tage, die den Extremläufer an seine psychischen Grenzen brachten: Die schlimmste Nachricht erreichte ihn in Peru, als er erfuhr, dass sein Freund Marco Mittag völlig unerwartet im Alter von nur 43 Jahren gestorben ist. Marco war maßgeblich an der Vorbereitung der Tour beteiligt, gemeinsam wollten sie das letzte Stück bis zum Ziel laufen. In einem bewegenden Facebook-Eintrag verabschiedete sich Robby von ihm und schrieb: »In Gedanken läufst du neben mir!«

Nerven musste Robby lassen, als »Franky« gleich zweimal unverschuldet in Unfälle verwickelt wurde. Auch da waren es gestern noch Fremde, die dem Dodge wieder auf die Räder halfen. »Franky« übrigens steht noch immer in Punta Arena. Wenn er genügend »Kleingeld« zusammenhat, will Robby ihn nach Deutschland holen, wo das Fahrzeug eines der wichtigsten Exponate in dem geplanten Museumscafé in seiner Heimatstadt Hohenmölsen werden soll.

All das und vieles mehr können Sie, liebe Leserinnen und Leser, in Robbys Buch über die Reise zum Südpol und zu sich selbst erfahren. Und wenn Ihnen das noch nicht reicht, so besuchen Sie Robby Clemens vielleicht bei einem seiner Vorträge, für die er seit März quer durch Deutschland tourt. Angefangen hat er übrigens beim »nd«, auch als Dankeschön an Sie, die sie ihn seit Jahren treu begleiten.

Robby läuft weiter, und sicher werden alle nd-Rennsteigläufer ihn auch im kommenden Jahr wieder am Ziel in Schmiedefeld treffen. Schon dreimal war er Kapitän der nd-Mannschaft; dass er selber mitläuft, ist für Robby längst Ehrensache. Und wer weiß, von welchen neuen Plänen er im kommenden Mai berichten wird.

nd-Buchservice

Robby Clemens: Bis ans Ende der Welt und zu mir selbst.