Mehr als zehn Jahre lebte Ernest Hemingway (1899–1961) mit 
seiner zweiten Frau Pauline auf den Florida Keys. Die Villa in der 907 Whitehead Street hatte ein vermögender Onkel Paulines dem Paar geschenkt.
Florida Keys

Tausend gute Tage

Florida Keys: Die Inseln am südlichsten Zipfel der USA sind ein Rentnerparadies und ein Eldorado für Unkonventionelle.

Von Jirka Grahl

Hemingway, klar! Der Rauschebart mit den vielen Frauen und den wenigen Worten, natürlich hat es ihr auch hierher verschlagen: ins endlose Türkisblau der Florida Keys. Hemingway - Soldat, Pilot, Angler, Großwildjäger: der Abenteurer unter Amerikas Geschichtenschreibern: »Jeder Tag über der Erde ist ein guter!«

Ein paar Tausend sehr guter Tage verbrachte der Schriftsteller auf den Keys - fischend, trinkend, schreibend, liebend. Zehn Jahre, neun Romane; eine Frau, zwei Kinder - dann zog er weiter. Nächste Frau, nächste Insel. Auf Kuba schrieb er »Der alte Mann und das Meer«, ehe sich Frau Nummer drei von ihm scheiden ließ, ganz von selbst, ausnahmsweise. Der Nobelpreis 1954 hielt als Trost her, und Gattin Nummer vier folgte schon bald. Sein Leben wurde ruhiger, seine Bücher nicht besser. 1961 erschoss er sich mit einer Jagdflinte.

Hemingway! Die Amerikaner lieben ihn, die Florida Keys lieben sie auch: Mit 200 Koralleninseln markieren sie den südlichsten Zipfel der USA - Hawaii ausgenommen. Unter 25 Grad fällt das Quecksilber hier fast nie, ähnlich warm schwappt der Ozean an die Strände. Doch die Ruhe trügt: Zwischen Juni und Oktober tobt der ein oder andere Hurrikan über die Cayos (aus dem Spanischen: Sandinseln). Pensionäre stürmen ebenfalls in Heerscharen die Inseln - entweder um im Wohnwagen Urlaub zu machen oder um Abwechslung vom Rentnerleben im »Sunshine State« Florida zu finden: Key-Limetten-Kuchen essen. Segeln statt golfen. Und den Fisch fürs Abendessen selbst angeln.

Florida Keys: Tausend gute Tage

So wie es einst der große Autor machte: Wenn er nicht auf seiner Jacht »Pilar« die Rute auswarf oder im »Sloppy Joe’s« die Rumbestände wegtrank, bewohnte Ernest Hemingway mit seiner zweiten Frau Pauline eine gelbe Muschelkalk-Villa in Key West. Spanische Kolonialarchitektur, Salzwasserpool, palmenumstanden - ein vermögender Onkel von Pauline hatte dem Paar das Haus spendiert. Jeden Morgen ging der Bestsellerautor ins Gartenhaus und tippte ein paar Stunden in die Schreibmaschine.

Freier Blick vom Lokus

40 Katzen wohnten bei Hemingways, auch heute spazieren dutzendweise Katzen über den frisch gestutzten Rasen. Das Haus ist längst ein Museum, kaum ein Keys-Besucher, der nicht hierher kommt. Fremdenführerin Alisa zeigt den Touristen das »Hemingway Home«. Sie führt ins Badezimmer im Obergeschoss, von wo aus Hemingway, auf dem Klo sitzend, die Passanten vorm Haus gut sehen konnte, so wie sie ihn. Mister Schriftsteller pfiff auf Konventionen.

Alisa hat bei ihren Rundgängen eine Tüte Trockenfutter dabei. Im Schlafzimmer räkeln sich vier Katzen auf dem Deckbett. Die Führerin krault einer von ihnen das Kinn. »Lassen Sie sich nicht von den Tieren stören!«, witzelt sie. »Die stören sich ja auch nicht an Ihnen!« Die Katzen schnurren, Alisa reicht ihnen Leckerlis. Hemingway hätte es gemocht.

Key West ist die »Hauptstadt« der Inseln: Vier Stunden fährt man von Miami, von Brücke zu Brücke, von Insel zu Insel. Ohne Auto geht nichts; das Tempolimit von 55 Meilen pro Stunde erzeugt genügend Gemächlichkeit. 42 Brücken sind’s bis Key West, der Overseas Highway führt schnurgerade durchs Blau. Das Meer flimmert hypnotisch.

Wer die 25 000-Einwohner-Stadt kennenlernen will, dreht am besten eine Runde auf einem grünen Fahrrad von »Lime Bike Tours« - angeführt von Captain Craig. Der Grauhaarige mit der knarrenden Stimme ist in den Achtzigern auf die Keys gekommen, um bei den Schatzsuchern mitzumachen. Über Jahrhunderte sind Schiffe an den Korallenriffs vor den Keys untergegangen. Was die Schiffe wieder preisgaben, ernährte die Insulaner jahrhundertelang. Manche machte es sogar reich, Craig nur ein klein bisschen. Er gehörte zum Team um den legendären Mel Fisher, der hier 1985 den Schatz der Nuestra Señora de Atocha barg: Eine Galeone aus der Silberflotte von Spaniens König Philipp IV., die 1622 schatzbeladen am Korallenriff gekentert und versunken war. Fisher hatte 16 Jahre nach der Atocha gesucht. Als er sie fand, brachten die Taucher Gold und Silber im Wert von 400 Millionen Dollar an die Oberfläche: einer der größten Schätze, der je geborgen wurde.

Captain Craigs Keys-Radtour führt auch zum Mel-Fisher-Museum, wo der Großtat des Schatzsuchers gedacht wird. »Es waren die goldene Jahre damals«, sagt Craig, während er unter sein T-Shirt greift: Ein Dukat mit spanischer Prägung baumelt dort an einem Lederriemen. Viel mehr ist Craig vom Schatzsuchen nicht geblieben, er hat umgesattelt. Nach langen Jahren als Barkeeper radelt er nun mit den Besuchern von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit: den Strand, an dem 1512 die Spanier landeten, die schwarzrotgelbe Boje, die den »Southernmost point« der USA markieren soll - 90 Meilen von hier bis Kuba. Oder das »AIDS Memorial« am Higgs Beach: In schwarze Steinplatten sind die Namen der AIDS-Toten von den Keys gemeißelt. Ende der 80er Jahre war die Rate der HIV-Infizierten in Key West fast doppelt so hoch wie in New York. »Das freie Leben kostete seinen Preis«, sinniert Captain Craig. »Key West war schon immer ein Ort der Unangepassten, der Aussteiger und Hippies.«

Krabben und Rausch

Insulaner eben: Kauze, ein jeder von ihnen schreibt seine eigene crazy Story: Paul Manta beispielsweise. Breites Kreuz, sonnengegerbte Haut, surfgebleichtes Haar. Die Baseballkappe trägt er verkehrt herum. Mit 16 ist der ehemalige Kitesurf-Profi auf die Keys gekommen. Wie lang ist das her? Drei Jahrzehnte? Vier? Er lacht. So genau will er sich da nicht festlegen. Er will lieber zeigen, was er kann. Manta ist Rumbrenner, Fischer und Restaurantbetreiber: In seinem Restaurant »The Stoned Crab« am Salt Pond (Salzhaff) lässt er die Meeresfrüchte in Etageren servieren. Die Gäste sollen mit Händen essen; lilafarbene Einweg-Handschuhe liegen bereit. Wenn’s passt, führt Manta seine Gäste in die Küche und zieht eine zentnerschwere Goldmakrele aus der Eistruhe: »Mahi-Mahi, heute gefangen: Was besseres gibts nicht!«, schwärmt Manta, dann lässt er den Fisch ins Eisbad plumpsen. Es spritzt, die Gäste jauchzen, Manta grinst. Fischer sind raue Kerle.

Im »The Stoned Crab« gilt das »Drei-Hand-Prinzip«, so steht es am Eingang. Nur drei Menschen sollen den Fisch in die Hand bekommen: Fischer, Koch und Gast. Zu jedem Fischgericht bekommt man in den Restaurants von Key West eine Art Panini-Karte gereicht, darauf das Konterfei und ein paar Infos zum jeweiligen Fischer. Sie dürfen ins Sammelalbum »Know your fisherman!« (Kenn deinen Fischer!) eingeklebt werden. Manta findet’s witzig: »Seit es die Karten gibt, sind einige von uns kleine Berühmtheiten.«

Über den Meeresgrund schweben

In Key West ist die Sonne untergegangen. Die Grillen zirpen, die Schwüle schwindet. Es ist dunkel. Gegenüber von Mantas Krabbenrestaurant werden gelbe Kajaks zu Wasser gelassen. Nach und nach besteigen Touristen die Boote. Als alle sitzen, wird es schlagartig hell unter den Kajaks. Jedes Boot trägt LED-Scheinwerfer an der Unterseite. Sie erleuchten das türkisfarbene Wasser. Die Böden der Boote sind aus Glas, wer nach unten schaut, sieht Krabben, Hummer, bunte Schwämme oder sogar einen der Ammenhaie, die Paul Manta jeden Abend mit Fischresten aus seinem Restaurant anfüttert.

Von der Farbenpracht berauscht, paddeln die Gäste durchs Salzhaff: »Ah!« »Oh!« »Sieh nur!« Paddelführerin Valeria strahlt: »Es ist ein bisschen wie Fliegen, oder?«, sagt sie, während sie die Gruppe zu den Mangroveninseln führt: »Ich liebe es immer noch, jeden einzelnen Tag!« Die Mittzwanzigerin stammt aus Venezuela, eigentlich sollten die Keys nur eine Zwischenstation auf dem Weg in eine Städte an der Ostküste sein. Boston oder New York, da wollte sie hin. Jetzt ist Valeria schon zwei Jahre auf den Keys: »Irgendwie bin ich hier hängen geblieben.« Das Lebensgefühl auf den Keys gleiche dem im Süden Amerikas, sagt sie.

Gute Taten im Taxi

In der Nacht verwandelt sich das Städtchen dann in ein Vergnügungsviertel: Die Kneipen sind überlaufen, eine jede Bar will dereinst Hemingway bewirtet haben, sogar die Karaokebars. Das »Sloppy Joe’s« ist auch nicht mehr, was es mal war. Es ist wegen Berühmtheit in einen größeren Saal umgezogen und heute eine Touri-Falle: Zu Livemusik wird bis Mitternacht gegrölt und getrunken, es riecht nach Bier, Schweiß und Sonnencreme. Zeit ins Hotel zu fahren.

Ein Taxi hält, am Steuer sitzt Deborah, Mitte 50, Einheimische. Im näselnden Florida-Akzent erzählt sie beim Fahren von früher: »Oh, wie entspannt es hier noch vor 20, 30 Jahren war!« Plötzlich stoppt sie abrupt und lässt die Scheibe runter. Draußen steht schwankend eine alte Dame - wohl ein, zwei Rum zu viel. »Habt Ihr was dagegen, wenn wir die Lady sicher heimbringen?« fragt Deborah ohne eine Antwort abzuwarten. Sie ist schon ausgestiegen, um dem Mütterchen ins Taxi zu helfen. Lallend bedankt sich die alte Dame, dann döst sie weg.

Beim Aussteigen aus dem hohen SUV müssen dann alle mithelfen. Deborah bringt die Dame zur Tür und tätschelt ihr die Schulter. »Wir passen hier aufeinander auf«, sagt Deborah, als sie zurückkommt. Ab nach Hause, ab ins Bett. Was für Geschichten. Hemingway hätte es gefallen.