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Vom Auto weggelockt

Einen Tag lang waren Busse und Bahnen im Großraum Hannover kostenlos - 60 Prozent mehr Fahrgäste

  • Von Hagen Jung
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Straßenbahnen in Hannover waren am Samstag gut gefüllt.
Die Straßenbahnen in Hannover waren am Samstag gut gefüllt.

Ohne den eigenen Pkw zum vorweihnachtlichen Einkauf in die Innenstadt? Als Zumutung wäre dieser Vorschlag vermutlich zu der Zeit empfunden worden, als die Blechkiste noch Prestigeobjekt war, gehegt und gepflegt wurde wie ein Familienmitglied und viele es als »des Deutschen liebstes Kind« bespöttelten. Inzwischen hat das Auto ähnlich an Image eingebüßt wie die Plastiktüte. Das scheint ein Experiment in Hannover zu belegen. Von Samstag um Mitternacht bis zum frühen Sonntagmorgen war die Fahrt in Bussen, U- und Straßenbahnen und auch in mehreren Nahverkehrszügen kostenlos. Das Experiment ist offenbar sehr gut angenommen worden. Nach ersten Schätzungen waren 60 Prozent mehr Menschen in öffentliche Verkehrsmittel gestiegen als an anderen Samstagen.

Die Passagiere erlebten, dass ein Adventseinkaufsbummel und Weihnachtsmarktbesuch durchaus ohne die Familienkutsche möglich ist. Stressfrei dazu, sieht man einmal davon ab, dass Niedersachsens Hauptstadt an diesem Tag deutlich voller war als sonst. Dennoch gab es kein Gedränge, zumal die Fußgänger die ganze Breite von Straßen nutzen konnten, durch die sonst der Autoverkehr rollt; sie waren gesperrt worden. Ein angenehmer Kontrast zum Freitag, an dem Fahrzeugstaus in Hannover - begleitet von Gehupe - nervten.

Der große Zustrom autoloser Besucher der Stadt dürfte auch der bundesweit bisher wohl einmaligen Dimension eines ÖPNV-Tests zu verdanken sein. Konnte doch nicht nur in der Stadt, sondern im Gesamtgebiet des Großraumverkehrs Hannover kostenlos gefahren werden. Von der City aus erstreckt es sich auf einen Umkreis bis zu 40 Kilometern.

Der Einzelhandel, dem solch großräumiges Angebot erwartungsgemäß Kunden- und Umsatzzuwachs bescherte, bewertete den Gratissamstag ebenso positiv wie Hannovers neuer Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne), bekennender Befürworter einer autofreien Innenstadt. Nun werde der Test wissenschaftlich ausgewertet, sagte er. Das Ergebnis werde mit den Erfahrungen und Einschätzungen von Fachleuten »wertvolle Hinweise für künftige Aktionen liefern«.

So bald aber wird es wohl kaum eine vergleichbare Aktion geben, schon wegen der Kosten, die sie verursachte. Zusammen mit dem Ausfall von Ticketeinnahmen, die allein 300.000 Euro ausmachten, werden sie auf rund 600.000 Euro geschätzt. In dem Betrag seien auch Ausgaben für zusätzlich eingesetzte Busse und Bahnen enthalten, war von der Region Hannover, einem kommunalen Zusammenschluss im Umfeld der Stadt, zu erfahren. Auch die Absage eines generellen kostenlosen Nahverkehrs kommt von dort, des Geldes wegen.

Ein klares Nein zum dauerhaften Gratis-ÖPNV kommt auch vom Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund (NSGB). Mit dem aktuellen Experiment werde den Menschen nur vorgegaukelt, dass kostenfreier Nahverkehr einfach umsetzbar ist, zitiert der NDR den NSGB-Sprecher Thorsten Bullerdiek. Er warnt davor, solche Angebote aus Steuermitteln zu finanzieren, während in den ländlichen Regionen Busse und Bahnen fehlen.

Und so sehr Hannovers Grünen-Oberbürgermeister die autofreie Innenstadt begrüßt: Auch in seiner Partei, zumindest in der Region Hannover, heißt es: Zum Nulltarif sei der ÖPNV nicht zu haben. Eine gute Alternative zum Auto sei aber ein »365-Euro-Ticket«, mit dem das ganze Jahr im gesamten Gebiet des Großraums Hannover Busse und Bahnen genutzt werden können. Doch mit dem Vorschlag konnten sich die Grünen in der Region bislang nicht durchsetzen.

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Auf der politische Ebene hält zurzeit allein die LINKE eine generell kostenlose Nutzung des ÖPNV für möglich. Sie hat dafür ein Finanzierungsprogramm entwickelt, das unter anderem eine Sonderabgabe der Automobilindustrie vorschlägt, definiert als »Abgabe zur Verbesserung der Luftqualität«. Auch der Fortfall von Steuervorteilen für Dieselkraftstoff, Einnahmen aus einer Vermögenssteuer und das Einsparen von Ausgaben für Ticketkrontrolle und Fahrkartenverkauf könne Geld für das Gratisfahren herbeischaffen, so die Partei.

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