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Landesamt ist Inklusionsvorbild

Betriebsintegration ermöglicht behinderten Menschen Zugang zum ersten Arbeitsmarkt

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.
Sunay Kaçar ist froh über ihren neuen Arbeitsplatz, an dem sie Besuch von Sozialsenatorin Elke Breitenbach erhielt.
Sunay Kaçar ist froh über ihren neuen Arbeitsplatz, an dem sie Besuch von Sozialsenatorin Elke Breitenbach erhielt.

»Ich bekomme hier endlich die Wertschätzung, die mir bisher immer gefehlt hat«, sagt Gabriele Stepputat. Die Angestellte stellt sich am Mittwoch bei einem Gespräch mit Sozialsenatorin Elke Breitenbach (LINKE) im Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) vor.

Die Mitarbeiterin des LAF ist seit Juli dieses Jahres mit 30 Wochenstunden bei der Recherche von Unterlagen und der Archivierung von Akten beschäftigt. Zuvor war die 54-jährige 30 Jahre lang bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) angestellt. Als es dort für die Rollstuhlfahrerin schwierig wurde, begann sie in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung zu arbeiten - und fühlte sich komplett unterfordert von der Beschäftigung.

Jetzt gehört sie zu einer Gruppe von derzeit acht Mitarbeitenden einer betriebsintegrierten Gruppe (BIG) der Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung (BWB) am LAF. Künftig sollen es bis zu zwölf sein. Das BIG-Konzept ermöglicht es Beschäftigten, aus Behindertenwerkstätten an einen Arbeitsplatz auf dem ersten Arbeitsmarkt zurückzukehren oder sich dort eine Perspektive jenseits der Werkstättenbeschäftigung aufzubauen. Begleitet werden sie dabei von Gruppenleiter*innen, die sich um besondere Belange der Beschäftigten kümmern. »Das heißt aber nicht, dass hier jemand die ganze Zeit hinter mir steht und mir auf die Finger guckt«, sagt Stepputat. Sie erlebt dagegen ihre Gruppenleiterin als sehr hilfreich bei individuellen Fragen und Problemen, die eben bei der neuen Arbeit entstehen.

Elke Breitenbach lobt ausdrücklich die »Brückenfunktion« des Konzepts. »Viele Menschen sind verunsichert durch ihre Erfahrungen auf dem ersten Arbeitsmarkt, viele sind dort krank geworden und deshalb überhaupt erst in Werkstätten gekommen«, so die Sozialsenatorin. Sie nähmen die Werkstatt daher auch als einen »geschützten Raum« wahr. Andererseits gebe es nach wie vor sehr viele Vorbehalte gegenüber Menschen mit Behinderungen.

Dabei zeigten alle Erfahrungen, dass es ganz schnell zur Selbstverständlichkeit werde, wenn die Kolleg*innen mit Behinderungen erst einmal in den Betrieben angekommen seien, so die Senatorin. Nur etwa 33 Prozent der 6794 Berliner Betriebe mit mehr als 20 Beschäftigten erfüllen die Pflichtquote von fünf Prozent bei der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen. Die anderen Unternehmen entrichten eine Ausgleichsabgabe. Im Jahr 2017 gab es in Berlin 57 683 Pflichtarbeitsplätze, 14 142 davon waren unbesetzt. Das hat auch damit zu tun, dass Behinderung oft mit Arbeitsunfähigkeit gleichgesetzt wird.

Warum es nicht gelungen sei, in den vergangenen Jahren das große Dienstleistungsspektrum von Werkstatt-Beschäftigten in Berliner Betrieben bekannt zu machen, kann sich Breitenbach nicht erklären. Sie zeigte sich auch verwundert darüber, dass gerade in den Verwaltungen nicht stärker auf Kooperation mit beispielsweise der landeseigenen BWB gesetzt werde. 1631 Beschäftigte arbeiten zurzeit in dem Betrieb, 139 von ihnen in 15 betriebsintegrierten Gruppen, unter anderem in der Amerika-Gedenkbibliothek, im Landesarchiv, in Hotels, bei Siemens und eben im LAF. Hier sind von derzeit 522 Beschäftigten 55 schwerbehindert oder gleichgestellt.

»Die BIG im LAF ist ein gutes Beispiel für die Win-Win-Situation, die entsteht, wenn Menschen mit Behinderungen in der Verwaltung arbeiten«, erklärt BWB-Geschäftsführer Dirk Gerstle, Das Fachpersonal könne sich auf die Aufgaben konzentrieren, für die es ausgebildet sei und die BIG-Beschäftigten würden die vorbereitenden Arbeiten ausführen. Auch Edgar Thierry Nana Djomo und seine Kollegin Sunay Kaçar gehören dazu. »Wir haben hier hervorragende Arbeitsbedingungen«, erklärt Nana Djomo. Kein Vergleich mit der Werkstatt, sagt er. Sunay Kaçar kam ohne Computerkenntnisse an das LAF. Es gehe ihr sehr gut mit der Arbeit hier, sagt sie und freut sich vor allem über den Zuspruch von Kolleg*innen ohne Behinderung.

LAF-Leiter Alexander Straßmeier führt dies auch auf den Umstand zurück, dass es sich bei seiner Behörde um eine noch recht junge Einrichtung handelt. »Unsere Mitarbeiterschaft ist offen für Herausforderungen. In unserer Behörde bildet sich als Einziger die Vielfalt Berlins ab.«

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