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Was soll ein Junge tun, der auf einmal sechs Beine hat?

Es kann auch von Vorteil sein, wenn man morgens als Käfer aufwacht

Von Silvia Ottow

Als Gregor Sampson eines Morgens aufwacht, entdeckt er, dass er ein riesengroßer Käfer ist. Moment! Muss es nicht Gregor Samsa heißen? Kennen wir diesen unglücklichen, in den Tod getriebenen Menschen nicht aus Franz Kafkas Erzählung «Die Verwandlung» aus dem Jahr 1912? Um es vorwegzunehmen: Die Autoren dieses bildschön illustrierten Bilderbuches für die ersten Lesejahre heißen Lawrence David und Delphine Durand. Ihr Buch erschien vor zwei Jahrzehnten in den USA und schildert einen durchaus fröhlichen Tag des Zweitklässlers Gregor als Käfer.

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Lawrence David/ Delphine Durand: Hilfe, Gregor ist plötzlich ein Käfer. A. d. Engl. v. Wolfram Sadowski. Beltz & Gelberg, 60 S., geb., 9,95 €.

Jeder kennt die Verwandlungsspiele von Kindern: Mal sind sie einfach nur eine Prinzessin aus «Tausendundeiner Nacht», mal ein berühmter Polarforscher, mal Zauberer, Mutter, Schwester, der Verkäufer aus dem Supermarkt oder einfach nur die kleine Trixi aus der Parallelklasse. Wer die Welt - und sei es auch nur die klitzekleine um sich herum - aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten lernt, dürfte nicht nur seine Fantasie schulen, sondern darüber hinaus entdecken, dass Anderssein auch Vorteile bietet. Nicht von ungefähr sind Rollenspiele in der modernen Psychologie anerkannt.

Doch unser Gregor aus dem Bilderbuch ist sehr verstört, als er morgens im Spiegel an der Zimmertür seinen großen rotbraunen Käferleib entdeckt, seine dunklen Käferaugen, zwei lange Fühler, seine Fangzähne und sage und schreibe sechs lange, dünne Käferbeine. Er erschrickt vor sich selbst. Wie soll er sich eigentlich anziehen? Und was? Eine weite Hose findet er beim Herumwühlen in seiner Kommode, aber wohin mit sechs Gliedmaßen, wenn das Hemd nur zwei Ärmel hat? Kurzerhand nimmt Gregor die Schere und schneidet zwei zusätzliche Löcher in das Kleidungsstück. Für seine beiden neuen Arme. Oder sind es Beine?

Das Schlimmste aber kommt noch. Niemand in Gregors Familie nimmt Notiz von der nächtlichen Umwandlung eines kleinen Jungen in einen großen Käfer, obwohl dieser sich mit Schwung von der Treppe in die Küche plumpsen lässt. «Mama, Papa, Clara», schreit Georg. «Schaut mich an, ich bin ein riesengroßer Käfer.» Doch Papa lächelt nur, klappt die Brotboxen zu und entgegnet trocken: «Und ich bin ein Nilpferd. Mama schaut gar nicht von ihrer Zeitung auf und die Schwester stellt lediglich fest: »Gestern hast du gesagt, du wolltest Astronaut werden.«

Zum Glück gibt es den allerbesten Freund Michael, der anscheinend als einziger Mensch auf der Welt Gregors schreckliches Käferdasein bemerkt und sich besorgt erkundigt, ob das wehgetan hat und wie es überhaupt passieren konnte und wo um Himmelswillen Gregor abgeblieben ist.

Doch im Laufe des Tages stellt sich heraus, dass so ein tierisches Leben einige Vorteile bieten kann. Mit sechs Gliedmaßen kann man einfach mehr Sachen tragen oder beim Sport den Ball treffsicher ins Tor befördern. Ganz abgesehen davon, welche Übersicht man erlangt, wenn man oben an der Zimmerdecke entlangkrabbeln kann. Das ist einem Menschlein - so geschickt es auch sein mag - doch lediglich in der Kletterhalle möglich, wo zur Unterstützung bunte Griffe angeschraubt sind.

Bei allen neuen Erkenntnissen wünschen sich am Ende alle Beteiligten, aus Gregor würde wieder der »alte« werden, denn wie drückt es Freund Michael ganz philosophisch aus: »Menschen sollten Menschen sein, und Käfer sollten Käfer sein.« Und Geschichten, so möchte man hinzuzufügen, sollten immer so spannend und vielschichtig sein wie diese.