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Der Underdog bleibt bissig

Die Patin: Reyhan Sahin rechnet ab - mit »Schwanzstrukturen« im Wissenschaftsbetrieb und scheinheiligen Feminist*innen

Von Samuela Nickel

Schon wieder ein Buch über Feminismus? »Yalla, Feminismus!« klingt zwar danach, ist aber nicht einfach ein weiterer Teil in einer Reihe feministischer Publikationen. Reyhan Şahin hat eher eine Abrechnung geschrieben - mit »Schwanzstrukturen« im Wissenschaftsbetrieb und anderswo. Ein Buch, das aus der feministischen Reihe tanzt und sie um eine weitere Bedeutungsachse ergänzt. »Ich selbst habe mich nie als Feministin bezeichnet. Ehrlich gesagt wusste ich lange Zeit auch nicht, dass ich eine bin«, schreibt Şahin. Ihr ist das Label auch so ziemlich egal, vor allem, wenn nicht danach gehandelt wird. Der inflationäre Gebrauch der Selbstbezeichnung nerve sie; jede*r könne sich feministisch nennen - von ultrakapitalistischen bis zu rechtsradikalen oder islamistischen Akteur*innen.

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Reyhan Sahin aka Dr. Bitch Ray: Yalla, Feminismus! Klett- Cotta, 316 S., br., 20 €.

Şahin findet sich weder in der zweiten noch in der dritten feministischen Welle wieder. Lange sah sie sich vor allem als »Bitch«, als die Schlampe - so auch ihr Künstlerinnenpseudonym: Lady Bitch Ray, nach der Promotion dann: Dr. Bitch Ray. Die Rapperin hat bereits in den frühen Nullerjahren Themen wie queer-feministischer Hip-Hop, Migration und Sexismus verhandelt. Und später keinen »Anschluss an die Nachfolger*innen« mehr gefunden. Vielen Frauen of Color gehe es da ähnlich. Für sie sei es schwieriger, an feministischen Diskursen teilzuhaben, als es für Deutsche mit Migrationsdefizit sei.

»Ich kam sozusagen über die Praxis zum Feminismus, nicht über die Theorie«, erklärt Şahin, da wenn dann eine Undercover-Feministin sei. »Durch mein strenggläubiges Elternhaus von Geistlichen wurde ich streng erzogen und begann mit zwölf Jahren gegen alles zu rebellieren; gegen meine Eltern und das Nicht-akzeptiert-Werden in der deutschen Gesellschaft.« Zunächst durch Äußerlichkeiten: zerrissene Jeans, goldene Kreolen, blau gemalte Lippen. Dann durch ihren Musikgeschmack, durch das Sprühen, im Alter von 15 Jahren: durch das Rappen. »Ich musste mich sozusagen aus Betroffenheit mit Emanzipation und Geschlechtergerechtigkeit beschäftigen, nicht, weil ich irgendwie eigenständiges Interesse oder ›Spaß‹ am Feminismus hatte.«

Für die Kulturwissenschaftlerin Şahin gibt es viele Feminismen: verschiedene Strömungen mit unterschiedlichem Fokus, beispielsweise den Hip-Hop-Feminismus oder den islamischen Feminismus. Wie es auch verschiedene Patriarchate, Sexismen und Rassismen gebe, mit eigenen Mechanismen: »Denn Feministin mit Migrationsbiografie zu sein bedeutet, mindestens im doppelten Sinne gegen patriarchale Strukturen anzugehen, einmal die der Mehrheitsgesellschaft und dann die in ihren eigenen Communitys.«

Şahin hat über die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs promoviert und sich mit den verschiedenen Standpunkten auseinandergesetzt. Die wichtigste Frage für sie bleibt, wie eine feministische Debatte über das Kopftuch geführt werden kann, »die weder von Rechtspopulist*innen noch von Akteur*innen eines fundamentalistischen bis islamistischen Islams instrumentalisiert werden kann«.

»Yalla, Feminismus!« ist aber weniger trockene Abhandlung als persönliche Coming-of-Age-Erzählung. Şahin schreibt über ihre Depression und Panikattacken, ihren künstlerischen und wissenschaftlichen Werdegang - und die diskriminierende Gesellschaft, die ihr diesen erschwert hat. Als Sex-Rap mit unanständigen Texten, als Porno-Rap wird ihre Musik diffamiert. »Eins hab ich durch meine Aktivität als Lady Bitch Ray gelernt«, schreibt sie: »Öffentlich wahrnehmbare oder offensive Sexualität von einer Frau - ob als Künstlerin oder Zivilperson - ist, insbesondere als muslimische Woman of Color, immer noch ein Tabu, auch in Deutschland.«

2008 zieht sich Lady Bitch Ray aus der Musik zurück - aufgrund ebendieser gesellschaftlicher Hindernisse, die Folgen für ihre Existenzgrundlage hatten: Sie verlor ihren Job bei Radio Bremen, flog fast von der Uni. Şahin fühlte sich in ihrer queer-feministischen Kunstabsicht missverstanden. 2012 veröffentlicht sie ihr Buch »Bitchsm«. Doch ihre Zuschaustellung selbstbestimmter weiblicher Sexualität, die Aneignung des Begriffs der »Bitch«, das wurde lange nicht so gesehen, wie es war: politisch und feministisch - in einer zutiefst patriarchalen Musikindustrie, dem Deutschrap. »Heutzutage stelle ich fest, dass ich meiner Zeit damals voraus war«, schreibt Godmother Bitch Ray. Sie musste »den für feministische Pionier*innen üblichen schweren Weg im Deutschrap alleine gehen« und hat »damit heutigen Rapper*innen den Weg geebnet«.

Das Buch ist auch eine Reise durch Subkulturen: Von der Schwarzen Frauenbewegung zu den Riot Grrls - die in den 90ern ursprünglich stigmatisierende Begriffe wie »bitch«, »slut« (»Schlampe«), »virgin« (»Jungfrau«) oder »dyke« (»Lesbe«) positiv umdeuteten - und bis in die heutige Zeit mit männlicher Dominanz im Musikgeschäft und Künstlerinnen, die deswegen in Abhängigkeit von ebendiesen Männern geraten: vom Beatmacher oder Musikproduzenten über den (Co-)Texter bis hin zum (Tour-)Manager und Rap-Hörer.

Seit zwölf Jahren arbeitet Şahin nun im Wissenschaftsbereich und kämpft auch dort gegen institutionalisierten Sexismus, Ausschlusserfahrungen und Straflosigkeit von Übergriffen. In einem Interview sagte sie, dass gegen den Sexismus an den Universitäten in Deutschland der Rap-Betrieb ein Kindergeburtstag sei. Sie berichtet ebenfalls von rassistischer Ausgrenzung und Benachteiligung, sowohl aufgrund ihrer Persona als Dr. Bitch Ray als auch aufgrund ihrer linkspolitischen Gesinnung.

Den Titel ihres Buches kann man mit »Los, Feminismus!« übersetzen. »Yalla« kann aber auch »Verpiss dich« bedeuten - das Buch ist ein Aufruf an Feminist*innen, zugänglicher zu werden für Menschen, die sich innerhalb »(queer)feministischer Debatten nicht wiederfinden oder nicht von aktuellen Diskursen angesprochen fühlen, da die thematisierten Bereiche so gar nichts mit ihrer Lebenswelt zu tun haben«. Wie zum Beispiel »Mütter, die vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren nach Deutschland einwanderten, wie meine Mutter, ohne ein einziges Wort Deutsch zu sprechen«. Gleichzeitig kritisiert Şahin auch ebenjene Generation von Frauen, die Mitverantwortung dafür tragen, dass patriarchale Erziehungsmuster weitergegeben werden.

Auch wenn Dr. Bitch Ray jetzt vielleicht so etwas wie »oben angekommen« ist: Nach unten tritt sie nicht. Şahin beschreibt in »Yalla, Feminismus!« die Welten des Musikbiz und der Unis noch immer mit der Bissigkeit des Underdogs. Und bequem macht sie es sich auch noch lange nicht: »Supportet Frauen und Queers ohne Hintergedanken und denkt dabei immer an Eure Mütter, lan.«