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Literarisches Meisterwerk

Michi Strausfeld berichtet über einen Kontinent im stetigen Auf- und Abbruch

Von Harald Loch

Lateinamerika brennt - schon wieder. Seit der Entdeckung, der Eroberung und Kolonisierung, seit der Befreiung von den europäischen Herren, seit der Übermacht des Imperialismus der nordamerikanischen Yankees kommen Süd- und Mittelamerika nicht zur Ruhe. Nachzulesen ist diese stürmische Geschichte der letzten fünf Jahrhunderte in der Literatur, in der die Autoren dieses Kontinents wirklichkeitsnah, poetisch, beschwörend davon erzählen.

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Michi Strausfeld: Gelbe Schmetterlinge und die Herren Diktatoren. Lateinamerika erzählt seine Geschichte. S. Fischer, 568 S., geb., 26 €.

»Magischen Realismus« hat man diesen literarischen Überfluss zeitweise genannt. Sechs Literaturnobelpreisträger haben die Weltgeltung diese Literatur beglaubigt. Wer die Geschichte Lateinamerikas anhand der Romane, Gedichte und Essays nacherzählen will, muss einen großen Überblick haben.

Michi Strausfeld ist für Deutschland wohl die beste Expertin für eine solche Herkulesaufgabe. Mit ihrem Buch gelingt ihr ein dreifaches Kunststück: Sie schreibt eine empathische Literaturgeschichte Lateinamerikas. Dazu vermittelt sie einen profunden Überblick über die bewegte politische Geschichte und die gesellschaftlichen Veränderungen auf dem Subkontinent. Dazwischen erzählt sie lebendig von ihren zahlreichen Begegnungen und Freundschaften zu Autoren, deren Werke sie in Deutschland bekannt gemacht hat - als jahrzehntelange Lektorin bei Suhrkamp, als Literaturvermittlerin aus Leidenschaft und Berufung durch umfassende Kenntnis.

In den literarischen Zeugnissen Lateinamerikas durch die Jahrhunderte spielt immer wieder das Verhältnis der iberischen Eroberer und Kolonisatoren zu der indianischen alteingesessenen Bevölkerung eine entscheidende Rolle. Deren bis heute kaum vollständige erschlossene Hochkulturen zerstörten die Spanier und Portugiesen so nachhaltig, dass erst die literarische Erinnerungskultur diese verschüttete Kultur wieder freilegen konnte.

Die bleischwere Last eines mächtigen Katholizismus, dessen Inquisition viele Opfer forderte, ist ein Dauerthema geblieben. In letzter Zeit haben insbesondere in Brasilien radikale evangelikale Bewegungen der katholischen Kirche in ihrem Druck auf die Menschen Konkurrenz gemacht.

Die Ausbeutung der Bodenschätze, zunächst waren es Gold und Silber, später Kupfer, Salpeter und Erdöl, Kautschuk und Zucker blieben ein Thema, und die damit verbundene Ausbeutung der indigenen Bevölkerung spiegelt sich in der Literatur wider. Als die durch Ermordung, Krankheiten und Alkohol dezimierten Indianer nicht mehr für den Profit reichten, wurden Sklaven aus Afrika über den Atlantik gezwungen, die nicht etwa besser behandelt wurden.

Die Bevölkerungen und die Kulturen Altamerikas, Europas und Afrikas begegneten sich und durchmischten sich. Und die krassen sozialen Unterschiede verschärften sich, Reiche wurden superreich, die Armen lebten am Rande des Hungertodes. An den Eigentumsverhältnissen, der sozialen Differenzierung entlang der ethnischen Grenzen änderte sich auch nach Erlangung nationaler Unabhängigkeit durch opferreiche Freiheitskämpfe nichts. Ebenso wenig an der grassierenden Korruption und an der Bereicherung einiger weniger, vor allem der Herren Diktatoren.

Dieses Buch liest sich übrigens wie ein literarisches Meisterwerk.

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