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Geschlechterverhältnisse sind Ausbeutungsverhältnisse

Lise Vogel verteidigt den Marxismus gegen ungerechte feministische Kritik

Von Christopher Wimmer

Als »unglückliche Ehe« beschrieb die Wirtschaftswissenschaftlerin Heidi Hartmann 1981 das Verhältnis zwischen Marxismus und Feminismus. Und auch heute wird Marxist*innen immer wieder vorgeworfen, Frauenunterdrückung nicht ausreichend zu behandeln. Kann marxistische Theorie überhaupt etwas zum Verständnis von Frauenunterdrückung beitragen? Was haben Marx und Engels zur Unterdrückung der Frauen gesagt? Was davon hat nach wie vor Bestand - und wo sind die Autoren damals zu kurz gesprungen?

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Lise Vogel: Marxismus und Frauenunterdrückung. Auf dem Weg zu einer umfassenden Theorie. Unrast, 324 S., br., 19,80 €.

Dies sind die (großen) Fragen, mit denen sich Lise Vogel in ihrem Werk beschäftigt. Die US-amerikanische Soziologin ist Vorkämpferin der Frauen- und Bürgerrechtsbewegung in den USA, emeritierte Professorin der Universität in New Jersey und Autorin zahlreicher Bücher. Inspiriert durch die zweite Frauenbewegung, unternimmt sie den Versuch, eine eigene Theorie der Frauenunterdrückung zu erarbeiten. Damit will sie die vielfältigen und sich verzettelnden Debatten der sozialistischen Frauen auf ein gemeinsames marxistisches Ziel hin orientieren.

Im Mittelpunkt der erweiterten Neuausgabe ihres Klassikers von 1983, der seinerzeit weitgehend ignoriert wurde, steht die Erörterung der sozialen Stellung der Frau in der kapitalistischen Gesellschaft, die nur zu verstehen sei, wenn die gesellschaftlichen Ausbeutungsverhältnisse mit bedacht werden. Einerseits wendet sie sich dagegen, Kapitalismus und Geschlechterunterdrückung als zwei unabhängige Systeme zu verstehen, wie dies die meisten feministischen Theoretikerinnen taten, mit denen Lise Vogel durch ihr Engagement in den Frauenbewegungen der 70er Jahre in Kontakt kam.

Die Autorin beschäftigt sich hier insbesondere mit der Hausarbeitsdebatte, einer Kontroverse seit Ende der 60er Jahre um die Bedeutung unbezahlter Arbeit (Kinderbetreuung, Haushalt etc.) weiblicher Familienmitglieder. Sie geht der Frage nach, ob und inwieweit Marx diesen Bereich vergessen hat und ob auch hier Mehrwert produziert würde. Lise Vogel ist überzeugt, dass auch die Hausarbeit Gebrauchswerte schaffe, die wie andere konsumiert werden; allerdings besitze sie keinen Tauschwert und bringe keinen Mehrwert hervor. Sie könne weder als produktiv noch als unproduktiv angesehen werden. Ihrer Ansicht nach sind die sozialistischen Feministinnen trotz ihrer guten Absichten daran gescheitert, Geschlechterfrage und Klasse, Produktion und Reproduktion, Ausbeutung und Unterdrückung miteinander zu verbinden.

Andererseits arbeitet Lise Vogel theoretische Lücken bei Marx und Engels auf, um die kommende marxistische Theorie in die Lage zu versetzen, die Frauenunterdrückung adäquat zu verstehen. Für sie leistet der Marxismus einen wichtigen theoretischen Beitrag zum Kampf gegen Kapitalismus und Sexismus. Gleichzeitig argumentiert sie, dass die Beschränkungen der sozialistisch-feministischen Theorie unter anderem auf Engels’ Werk »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« zurückgingen - das wichtigste marxistische Werk zur Geschlechterfrage.

Bedauerlich ist, dass in dem Buch von Lise Vogel bedeutende marxistische Frauenrechtlerinnen wie Clara Zetkin, Rosa Luxemburg oder Alexandra Kollontai kaum eine Rolle spielen. Sie alle betonten, dass Arbeiterinnen an der Seite der Arbeiter kämpfen müssten, damit der Kampf um ihre eigene Befreiung zum Erfolg führe.

Das Buch zeichnet sich durch einen hohen Abstraktionsgrad aus und ist eine fundierte Auseinandersetzung mit marxistischer Theoriebildung. Das dürfte für manche am Thema Interessierte schwere Kost sein.

Trotzdem sei dieses hochaktuelle Buch wärmstens zur Lektüre empfohlen. Frigga Haug, die »Grande Dame« des marxistischen Feminismus in der Bundesrepublik Deutschland, stellt in ihrer Einleitung dessen konkrete Bedeutung für den deutschen Kontext heraus und nimmt dabei insbesondere die Unvereinbarkeit von Vogels Auffassungen mit einer eigenständigen »sozialen Reproduktionstheorie« in den Blick, die vorgibt, sich auf die US-Amerikanerin zu stützen.