Auschwitz

Ist das ein Mensch?

Karlen Vesper über den Besuch von Merkel in Auschwitz

Von Karlen Vesper

Sie haben sich rar gemacht am Ort des Schreckens - bundesdeutsche Politiker. Erst der zweite sozialdemokratische Kanzler, Helmut Schmidt, suchte Auschwitz auf; der erste, Willy Brandt, setzte immerhin ein starkes Zeichen mit seinem Kniefall vor dem Denkmal für die Ghettokämpfer in Warschau. Christdemokrat Helmut Kohl weilte im November ’89 in der Gedenkstätte Auschwitz - und sagte kein Wort.

Weil die industrielle Tötung von Menschen, über eine Million Juden allein an diesem Ort, nicht in Worte zu fassen ist? Oder weil der ehemalige Hitlerjunge sich bereits vom Mantel der Geschichte umhüllt sah, war doch in Berlin just die Mauer eingestürzt? Gegen den Kurs auf »Wiedervereinigung« protestierten als erste die Polen.

Die zwar nicht das erste Opfer Hitlerdeutschlands waren, aber neben der Sowjetunion die meisten zu beklagen hatten. Jetzt also begab sich Angela Merkel an diesen Ort, einst ein idyllisches Provinzstädtchen, »heilig«, wie der Name Oświęcim sagt. Den die Nazis eingedeutscht zum Synonym werden ließen für »das größte Verbrechen in der Geschichte der Menschheit«, wie der Auschwitz-Überlebende Primo Levi schrieb. »Ist das ein Mensch?«, fragte er in seinem ersten Zeugnis nach der Befreiung.

Ist das ein Mensch? Fragt man sich heute, frei nach Primo Levi, wenn jemand einen anderen jagt, bespuckt, erschlägt, ersticht - weil dieser anders aussieht, anders denkt, zu einem anderen Gott betet. Ist das ein Mensch, dem jegliche Menschlichkeit fremd ist, der gegen andere hetzt, dem Anderen kein Leben in Würde und Glück gönnt. Und Geschichte leugnet, sie umkehren möchte? Und was für eine Politik ist das, die Opfer des Faschismus gedenkt und gleichzeitig Antifaschismus verbieten will?